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Und es wurde Müll

von Norman Kietzmann, 19.10.2009


Vor gar nicht allzu langer Zeit, da gab es keinen Müll. Was zunächst klingt wie der Beginn von einem Märchen, war noch in den Frühtagen des 19. Jahrhunderts Wirklichkeit. Als die Industrialisierung in ihren Kinderschuhen steckte, fiel kaum an, was heute den Namen Müll verdient. Alles von Wert wurde behalten. Den Rest erledigte die Natur. Dass heute, wo allein jeder deutsche Haushalt statistisch gesehen 30 Kilogramm Müll am Tag verursacht, viel stärker über Recycling nachgedacht werden muss, liegt auf der Hand. Doch wie? Und vor allem: Welche Materialien sind tatsächlich wieder verwertbar und welche nicht?



Die Entstehung des Mülls ist mit dem Fortschritt eng verbunden. Wir leben nun in Städten anstatt auf dem Land und gehen früh morgens nicht mehr in den Hühnerstall, um uns ein Ei zu holen, sondern zum Supermarkt an der nächsten Straßenecke. Daran ist nichts zu bedauern, schließlich gab es gute Gründe, das Leben auf dem Land hinter uns zu lassen. Doch dieser Schritt zog eine bis dato unnötige Erfindung mit sich: die Verpackung.

Die Erfindung des Mülls

Kam diese anfangs noch in bekannten Rohstoffen wie Glas, Metall, Papier oder Pappe daher, tauchte zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Material auf, das zur Hauptursache des heutigen Müllproblems werden sollte: Kunststoff. Denn anders als herkömmliche Rohstoffe wurde dieses nicht von der Natur geschaffen, sondern – der Name verrät es – vom Menschen erst künstlich hergestellt. Was einerseits dem menschlichen Erfindungsgeist schmeichelt, der klebriges Öl in einen vielseitig einsetzbaren Rohstoff zu verwandeln vermochte, brachte auf der anderen Seite ein gravierendes Problem: Denn was von der Natur nicht geschaffen wurde, kann von ihr auch nicht zersetzt werden. Während Lebewesen irgendwann das Zeitliche segnen und Häuser in sich zusammenfallen, wird die Wurst-Verpackung aus Kunststoff selbst 3000 Jahre unbekümmert überstehen. Wir werden sie einfach nicht mehr los.

Nötiges Umdenken

Für die Ökobewegung der siebziger Jahre lag hierin der Hauptpunkt ihrer Kritik. Ausgelöst durch die Ölkrise von 1973 war ein Umdenken im Umgang mit den Ressourcen nötig. Auch wenn man den Alt-Ökos ihren Look selbst heute nicht verzeihen muss, war diese Erkenntnis entscheidend. Denn auch politisch haben sich die Perspektiven gewandelt. Wurde in den fünfziger und sechziger Jahren noch maßlos konsumiert, weil ein Wachstum ohne Grenzen möglich schien, zeigte die Landung auf dem Mond zugleich die Grenzen unseres Wachstums auf. Als hätte der Wettlauf ins All den Konsum auf der Erde zusätzlich befeuert, setzte plötzlich die große Ernüchterung ein. Und damit auch der Verstand.

Auf dem Boden geblieben

Was gilt es also zu tun, wenn wir auf der Erde verharren müssen? Diese Frage stellte man sich in Deutschland sogar schon in den frühen sechziger Jahren. Vielleicht auch deshalb, weil wir selbst kein eigenes Raumfahrtprogramm besaßen. In beiden Teilen des Landes wurden Systeme eingerichtet, die das Ausmaß an Müll in den Griff bekommen sollten. Während im Westen mit dem Bundesverband der Deutschen Entsorgungswirtschaft (BDE) die Sache allerdings nicht allzu ernst genommen wurde, geriet die DDR sehr schnell zum Vorreiter in der Frage des Recyclings. Warum? Ganz klar: Abfälle sind Rohstoffe und damit auch Devisen. Ein auf dem Müllberg schlummerndes Staatsvermögen, das es nicht zu verschenken gab. Und so wurde in barer Münze vergleichsweise üppig entlohnt, wenn die Bürger Flaschen, Altpapier, Kunststoff sowie Metalle – natürlich vorab fein säuberlich getrennt – in die Annahmestellen der staatlichen SERO-Organisation brachten, die es an fast jeder Straßenecke gab.

Mülltrennung in Deutschland

Nach der Wende wurde die Sache mit dem „Dualen System“ einfacher und komplizierter zugleich. Die SERO-Annahmestellen waren längst verschwunden und alles, was nach Müll aussah, bekam plötzlich den „Grünen Punkt“ und damit die Lizenz für die „Gelbe Tonne“. Bis heute ein grandioser Werbegag, der eigentlich längst einen Preis verdient hätte: Denn der Müll wurde plötzlich grün, während beispielsweise das Mehrweg-System bei Getränkeflaschen leer ausging. Sollte also nicht besser die Gelbe Tonne auf den Müll? Nicht ganz, denn mittlerweile ist die Technik in den Mülltrennungsanlagen soweit vorangeschritten, dass selbst der Grüne Punkt den Grünen Punkt verdient. Schließlich lassen sich mittels moderner Trennverfahren die einzelnen Rohstoffe immer besser sortieren, was im Übrigen durch Subventionen von Bundes- und EU-Seite zugleich ein erträgliches Geschäft geworden ist. Und dennoch: Noch immer gelten diese Verfahren auf reinen Verdacht. Denn es fehlt an verbindlichen Garantien, was tatsächlich mit dem Müll passiert.

Recycling vs. Kompost


Doch wie verhält es sich mit den Materialien? Welche sind zum Recycling geeignet und welche nicht? Sicher, alles was wie Papier und Pappe auf den Kompost kann, ist unbedenklich. Aber Kunststoff, der sich recyceln lässt, ist deswegen nicht schlechter. Denn energetisch betrachtet ist Recycling sogar besser als Kompostieren. Die Natur arbeiten zu lassen, dauert nicht nur erheblich länger. Als unschöne Nebenwirkung werden während des Zersetzens beachtliche Mengen an CO2 freigesetzt. Das Problem von recyceltem Kunststoff ist nur, dass dieser viel zu selten eingesetzt wird. Denn er besitzt einen entscheidenden Nachteil gegenüber Glas oder Metall: Das recycelte Material erreicht nicht dieselbe Qualität und Reinheit wie in der Primärerzeugung. Für die Industrie ein immenses Problem, schließlich sollen die Sichtfenster von Verpackungen transparent und nicht seltsam bunt gesprenkelt sein. An anderer Stelle bieten sich dafür jedoch genügend Einsatzmöglichkeiten: Angefangen bei weit weniger „verführerischen“ Verpackungen bis hin zur Möbel-, Automobil- und Modeindustrie. Doch auch hier ist entscheidend, dass Kunststoff – anders als noch in der Hochphase des Plastik-Pop-Designs – nicht im Verbund mit anderen Materialien gebracht wird, sondern stets für sich getrennt verwendet wird. Ein Umstand, der im Übrigen für alle Materialien gilt, um sie problemlos wiederverwerten zu können.

Die Aluminiumfrage

Etwas kniffliger sieht es allerdings mit einem auf den ersten Blick zunächst recht harmlosen Rohstoff aus: Aluminium. Auch dieses verdankt wie Kunststoff seinen Siegeszug dem technischen Fortschritt und konnte erst ab Ende des 19. Jahrhunderts nutzbar gemacht werden. Zwar bildet Aluminium nach Sauerstoff und Silizium das dritthäufigste Element auf der Erdoberfläche. Doch entgegen anderer Metalle kommt Aluminium nicht in Reinform vor, sondern muss erst in einem chemischen Elekrolyseverfahren gewonnen werden. Dieser Prozess ist nicht nur enorm energieaufwändig. Es werden auch große Mengen an hoch ätzender Natronlauge freigesetzt, die nur allzu oft in den Gewässern rund um die Fertigungstätten landen. Nicht ohne Grund findet die Gewinnung größtenteils in Ländern Afrikas oder Südamerikas statt, wo die Hersteller strengen Umweltauflagen entgehen können. Während uns in Europa ein Material zur Verfügung steht, das leicht und vielseitig einsetzbar ist, wird das Gewinnungsproblem in die Dritte Welt exportiert.

Fehlende Selbstauskunft

Ist Aluminium also zu vermeiden? Nicht unbedingt, denn wenn es erst einmal gewonnen wurde, lässt es sich besser als jedes andere Metall recyceln. Einmal eingeschmolzen und in eine neue Form gebracht, verliert es nicht an Qualität und kann auch zu energetisch vertretbaren Konditionen weiterverwertet werden. Hinzu kommt: Das Material ist längst in großen Mengen im Umlauf, sodass es sinnlos wäre, es nicht weiter zu benutzen. Immer mehr Unternehmen weisen mittlerweile auch aus, ob sie wiederverwertetes Aluminium verwenden – wie beispielsweise Apple für seine silberfarbenen Computergehäuse. Doch bei vielen Dosenverpackungen tappt der Konsument weiterhin im Dunkeln. Dasselbe gilt für die Automobilindustrie, die seit den neunziger Jahren den Großteil ihrer Karosserien komplett aus Aluminium fertigt und damit zu den weltweit größten Abnehmern des Leichtmetalls gehört. Verbindliche Kennzeichnungen sind hier noch immer Fehlanzeige. Darum gilt bei Aluminium umso mehr : Erst genau schauen und dann kaufen.

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