Stories

Vom Spazierstock ins Wohnzimmer

von Norman Kietzmann, 21.09.2010


Runde Jubiläen sind keine Seltenheit. Doch wenn ein Unternehmen seinen 150. Geburtstag feiert und sich dabei auch noch souverän auf dem Gebiet des Designs bewegt, ist dies alles andere als eine Selbstverständlichkeit. 2010 blickt der französische Möbelhersteller Ligne Roset auf seine wechselvolle Geschichte zurück, die nicht nur zahlreiche Klassiker des Designs befördert hat. Auch in die Zukunft schaut das französische Unternehmen selbstbewusst und fördert verstärkt den gestalterischen Nachwuchs.



Es begann mit einem Stock. Genauer gesagt mit einer ganzen Reihe von Stöcken, die der junge Antoine Roset im Jahr 1860 zu produzieren beginnt. Als sich der gerade erst 19-jährige in Montagnieu nahe Lyon niederlässt, findet er dort ideale Bedingungen für einen holzverarbeitenden Betrieb. Die umliegenden Buchenwälder bieten genügend Material, um aus ihnen Spazierstöcke für Herren und Griffe für die Sonnenschirme der Damen herzustellen. Und der kleine Fluss Brivaz hält die Schaufelräder der Sägewerke permanent am Laufen. Dass aus der kleinen Firma einmal der größte Möbelexporteur Frankreichs werden sollte, ist zu diesem Zeitpunkt noch längst nicht absehbar. Und doch beweist der junge Unternehmer bereits früh sein Geschick.

Von der Mode zu Möbeln

Die Geschäfte entwickeln sich gut und der Betrieb wächst in den folgenden Jahren weiter an. Als Antoine Roset 1892 ein weiteres Grundstück für seine Produktion erwirbt, beschäftigt er bereits über dreißig Mitarbeiter. Den entscheidenden Impuls für die kommende Entwicklung verdankt er dem Wandel der Zeit. Als zu Beginn der 1890er Jahre Sonnenschirme für die Damen zunehmend aus der Mode geraten, stellt Antoine Roset seine Drechslermaschinen auf die Produktion von Stuhlbeinen und Sprossen um, später auch von ganzen Möbeln. Bis in die 1930er Jahre stellt das Familienunternehmen, das nach dem Tod von Antoine Roset im Jahr 1893 von seiner Frau Marie-Victorinne und ab 1910 von seinem Sohn Emile Roset geleitet wird, Stilmöbel aus Holz und Flechtwerk her. 1936 folgen die ersten Polstermöbel, für deren Bezüge vor allem Leder zum Einsatz kommt.

In den 1950er Jahren beginnt die Zeit des rasanten Wachstums. Emile Rosets Sohn Jean, der nun die Führung des Unternehmens übernommen hat, stellt die Produktion mit seinen fünfzig Mitarbeitern auf die Herstellung von Objektmöbeln um. Mit funktionalen Entwürfen nach skandinavischem Vorbild stattet die Firma Veuve A. Roset S.A.R.L. zahlreiche Schulen, Universitäten, öffentliche Einrichtungen und Wohnheime aus, darunter die Universitätsresidenz Antony bei Paris und das INSA-Amphitheater in Lyon. Es ist die Zeit der öffentlichen Aufträge, die die Kapazitäten des Unternehmens vollständig ausfüllen.

Wachstum durch Design

Erst in den späten 1960er Jahren rückt der private Haushalt wieder in den Fokus – der Bedarf an neuen Schulen ist schließlich weitestgehend gedeckt. Was Jean Roset seinem Unternehmen in den kommenden Jahren verordnet, ist jedoch weit mehr als nur eine neue Zielgruppe. Seine Begeisterung für zeitgenössisches Design führt zu einer Zusammenarbeit mit jungen Gestaltern wie Michel Ducaroy, der zu diesem Zeitpunkt gerade erst sein Studium an der Kunsthochschule von Lyon beendet hat. Und das Engagement zahlt sich aus. Das 1973 von Ducaroy entworfene Sitzkissen Togo wird nicht nur einer der bekanntesten Möbelentwürfe der 1970er Jahre, sondern mit über 1,2 Millionen verkauften Exemplaren zugleich bis heute größter wirtschaftlicher Erfolg des Unternehmens, das sich im selben Jahr in Ligne Roset umbenennt.

Dass das Unternehmen schnell als eigenständige Marke wahrgenommen wird, gelingt vor allem durch den Aufbau von eigenen Geschäften – zu jener Zeit eine unübliche Strategie, präsentierten sich die Einrichtungsfirmen doch eher in Möbelhäusern mit großem Sortiment. Bereits 1967 eröffnet Ligne Roset eine erste Vertretung in Deutschland, das sich schnell zum wichtigsten Exportmarkt für das französische Unternehmen entwickelt. Insgesamt sechzig Prozent des Umsatzes werden heute außerhalb von Frankreich erwirtschaftet, wo das Unternehmen in 71 Ländern über ein Netz aus 679 Handelspartner und 200 eigenen Ligne-Roset-Geschäften verfügt, darunter allein 42 in Deutschland.

Kooperation mit über 70 Designern


Die Politik von Jean Roset wird heute von seinen Söhnen fortgesetzt, die das Unternehmen in der fünften Generation leiten. Während Pierre Roset, der ältere der beiden Brüder, die Leitung des Unternehmens inne hat, ist sein jüngerer Bruder Michel Roset für die Kommunikation und das Design verantwortlich. Dass dessen Rolle an Bedeutung gewonnen hat, liegt nicht zuletzt auch an der gestiegenen Bandbreite der Ligne-Roset-Produkte, die neben Möbeln und Polstermöbeln auch Leuchten, Textilien und Accessoires umfasst. Insgesamt siebzig Designer sind im aktuellen Katalog von Ligne Roset gelistet, darunter Gestalter wie Pascal Mourgue oder Peter Maly, die bereits seit den 1970er Jahren für Ligne Roset entwerfen oder die Brüder Bouroullec die derzeit prominentesten unter den französischen Gestaltern.

Ein besonderer Coup gelang Michel Roset, als er 2007 den französischen Designer Pierre Paulin dazu gewinnen konnte, nicht nur seine letzten Entwürfe bei Ligne Roset herauszubringen – darunter der 2008 vorgestellte Sessel Anneau sowie der Schreibtisch CM 141. Auch konnte er Paulin dazu ermutigen, seine Polsterserie Pumpkin wieder aufzulegen, deren Vorgänger 1971 vom französischen Präsidenten Georges Pompidou für die Möblierung des Elysée-Palastes in Auftrag gegeben wurden. Der poppig-organische Entwurf, der bislang nur von hohen Beamten und Staatsgästen in Augenschein genommen werden konnte, wurde somit auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Chance für den Nachwuchs

Doch es sind nicht nur die etablierten Namen, die im Programm von Ligne Roset eine Rolle spielen. Unter den jährlichen Produktneuheiten, die Ligne Roset stets auf der Kölner Möbelmesse im Januar präsentiert, finden sich auffallend viele Entwürfe junger Designer, die auf diese Weise ein prominentes Startbrett erhalten. Unternehmertum geht für Michel Roset über rein profitorientiertes Handeln hinaus. Indem er das Risiko aufnimmt, die Entwürfe von unbekannten Studenten in die Produktion zu nehmen, die zuvor noch kein Produkt veröffentlich haben oder sonst über einen Namen in der Branche verfügen, leistet das Unternehmen aktive Designförderung. Der junge Antoine Roset, der vor 150 Jahren den Grundstein für den Erfolg des Unternehmens legte, hätte es wohl kaum anders gemacht. 

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Ligne Roset Deutschland

www.ligne-roset.de

Mehr Stories

Diven mit Tiefgang

Die Trends der Keramikmesse Cersaie 2021

Die Trends der Keramikmesse Cersaie 2021

3 Days of Design 2021

Die Highlights aus Kopenhagen

Die Highlights aus Kopenhagen

Zeitloser Funktionalismus

Mid-Century in der zeitgenössischen Innenarchitektur

Mid-Century in der zeitgenössischen Innenarchitektur

Ausgezeichnete Designleistungen

Ester Bruzkus gewinnt den Best of Interior Award 2021

Ester Bruzkus gewinnt den Best of Interior Award 2021

Super, Salone?

Neuheiten und Eindrücke aus Mailand 

Neuheiten und Eindrücke aus Mailand 

Die Welt des Enzo Mari

Retrospektive in der Triennale

Retrospektive in der Triennale

Supersalone 2021

Die Highlights aus Mailand

Die Highlights aus Mailand

Slowenien glokal

Designausstellung zeigt Produkte „made in Slovenia“

Designausstellung zeigt Produkte „made in Slovenia“

Kontext statt White Cube

Designmesse Nomad im größten Engadiner Patrizierhaus

Designmesse Nomad im größten Engadiner Patrizierhaus

Das Werk der Hände

Japanisches Design seit 1945 von Naomi Pollock

Japanisches Design seit 1945 von Naomi Pollock

Maßstab Mensch

Rückblick auf unsere Veranstaltung zu Themen der Innenarchitektur

Rückblick auf unsere Veranstaltung zu Themen der Innenarchitektur

Die Raumausstatter

Tischlerei- und Studiobesuch bei Der Raum in Weißensee

Tischlerei- und Studiobesuch bei Der Raum in Weißensee

Loungige Landschaften

pads und pads sofa von jehs+laub für Brunner

pads und pads sofa von jehs+laub für Brunner

Über Originalität und Frechheit

Die Kollektion LeGer Home by Lena Gercke x Otto

Die Kollektion LeGer Home by Lena Gercke x Otto

Roboter, Cyborgs, Urhütten

Die Architekturbiennale 2021 in Venedig

Die Architekturbiennale 2021 in Venedig

Gib Stoff!

Diese Textilien können mehr als nur gut aussehen

Diese Textilien können mehr als nur gut aussehen

Renaissance der Schalter

Zukunftsgerichtete Gebäudetechnik jenseits des Smart Home

Zukunftsgerichtete Gebäudetechnik jenseits des Smart Home

Milano Design City 2021

Neue Möbel und Leuchten aus Mailand 

Neue Möbel und Leuchten aus Mailand 

Best-of Salone del Mobile

Eine stille Retrospektive auf die Mailänder Möbelmesse

Eine stille Retrospektive auf die Mailänder Möbelmesse

Material der Wahl

Vier Designstudios und ihre aktuellen Werkstofffavoriten

Vier Designstudios und ihre aktuellen Werkstofffavoriten

Alles fake?

Zeitgenössische Materialien, die Mimikry zum Stilmittel machen

Zeitgenössische Materialien, die Mimikry zum Stilmittel machen

Metallische Metamorphosen

Interiors mit Aluminium, Stahl & Co

Interiors mit Aluminium, Stahl & Co

Aneckender Architekt

Ausstellung zu Mart Stams Schaffenszeit in der DDR

Ausstellung zu Mart Stams Schaffenszeit in der DDR

Virgil Abloh vs. Dieter Rams

Zwei Designikonen in neues Licht gerückt

Zwei Designikonen in neues Licht gerückt

Neue Gastlichkeit

Wie wir unser Zuhause mit Freunden teilen

Wie wir unser Zuhause mit Freunden teilen

Best-of Outdoor

Die schönsten Neuheiten für Garten, Terrasse und Balkon

Die schönsten Neuheiten für Garten, Terrasse und Balkon

Best-of Textilien, Teppiche & Tapeten

Was 2021 auf den Boden und an die Wand kommt

Was 2021 auf den Boden und an die Wand kommt

Architektur im Ausnahmezustand

Veränderte Ansprüche an das Wohnen durch Corona?

Veränderte Ansprüche an das Wohnen durch Corona?

Zwischen Design und Desaster

Experiment und Improvisation im Gestaltungsprozess

Experiment und Improvisation im Gestaltungsprozess

160 Jahre Ligne Roset

Von der Sonnenschirm-Manufaktur zur Designmarke

Von der Sonnenschirm-Manufaktur zur Designmarke