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Vorschau auf den Salone del Mobile 2010

von Norman Kietzmann, 07.04.2010


Kaum sind die Ostertage vergangen, steht auch schon das nächste Ereignis bevor: Genau in einer Woche wird die 49. Mailänder Möbelmesse und damit das weltweit wichtigste Treffen der Designbranche eröffnen. Auch wenn die Stimmung vieler Unternehmen noch immer gedämpft ist, wird auch in diesem Jahr nur wenig davon zu spüren sein. Mehr noch: Die Fülle an Veranstaltungen und Ausstellungen rund um den Salone del Mobile wird weiter zunehmen und die Besucher vor eine noch größere logistische Herausforderung stellen. Ergänzt wird die weltgrößte Möbelschau durch die parallel stattfindende Küchenmesse Eurocucina sowie eine Sonderschau zum Thema Bad. 


Die Hotels sind ausgebucht, die Messe sowieso und auch in der Innenstadt sind sämtliche Geschäfte, Garagen oder Hauseingänge entlang der üblichen Designpfade erneut zu Showrooms umfunktioniert worden, sofern sie nicht längst schon als solche dienen. In Mailand herrscht wieder Salone-Zeit, die die sonst so ruhige Millionenstadt erneut für wenige Tage in einen Ausnahmezustand versetzen wird.

Allein auf dem Messegelände in Rho werden sich 2.500 Aussteller auf 211.500 Quadratmetern Ausstellungsfläche präsentieren, von denen knapp 33.000 von der 18. Ausgabe der Küchenmesse Eurocucina bespielt werden. Ergänzt wird diese um die Zusatzschau FTK (Technology for the kitchen), auf der vor allem Einbaugeräte und technischer Support für den Küchenbereich gezeigt werden, während rund 14.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche dem Thema Bad gewidmet sind. Auch diesmal wird das Rahmenprogramm des „Fuori Salone“ das Geschehen in die Stadt hinein übertragen.

Das Design wird unsichtbar

Die ersten Previews der Messe zeigen sich vor allem schlicht. So präsentiert der New Yorker Designer Todd Bracher einen frappierend einfachen Barhocker für Cappellini, der lediglich aus zwei versetzt angeordneten Stahlbügeln besteht und mit seiner schlanken Silhouette beinahe unsichtbar wird. Das Design verschwinden zu lassen, hat sich auch der Tokioer Designer Tokujin Yoshioka vorgenommen. Sein für Kartell entworfener Stuhl invisible verbindet die Urform eines Sitzmöbels aus drei vertikalen Seitenflächen sowie einer horizontalen Sitzfläche mit einer durchgehend transparenten Erscheinung, die den Benutzer tatsächlich in einen scheinbar schwebenden Zustand versetzt.

Die braven Wilden

Auf Transparenz setzt ebenso Marcel Wanders mit seinem „sparkling chair“ für Magis, dessen Füße an recycelte Wasserflaschen aus Kunststoff erinnern. Anstatt wie in den vergangenen Jahren in überbordendes Ornament zu verfallen, zeigt sich der Entwurf des Amsterdamer Designers von ungewohnter Einfachheit. Auch hier sorgt die durchgehende Verbindung von Sitzfläche und Rückenlehne für leichtes Unbehagen, wenn sich die Benutzer in ein scheinbares Nichts hineinsetzen. 

Einen ähnlichen Richtungswechsel vollzog auch Fabio Novembre. Der kaum weniger medienaffine Mailänder Designer, der noch vor zwei Jahren eine Chaiselongue mit einer integrierten Frauenfigur sowie einen Freischwinger mit Gesäß präsentierte, zeigt sich erstaunlich brav. Sein ebenfalls mit einer transparenten Sitzfläche ausgestatteter Stuhl „Abarth“ wirkt technisch-funktional und setzt anstatt auf glamouröse, spiegelnde Oberflächen auf Kunststoffbauteile, die in ihrer Rauheit beinahe an Utensilien aus dem Baumarkt erinnern.

Deutlich poppiger geht es unterdessen bei Moroso zu: Tokujin Yoshioka – sein Name wird auf diesem Salone del Mobile noch öfters zu hören sein – hat den Sessel Memory aus zerknautschter Aluminiumfolie entworfen. Haben Designer wie Tom Dixon in den vergangenen Jahren das Thema Metall bereits mehrfach aufgegriffen, kombiniert der umtriebige Japaner dessen Materialität mit einer betont billigen Erscheinung, die ebenfalls an Recycling- oder Baumarktprodukte denken lässt.

Wiederentdeckte Avantgardisten

Auch Re-Editionen werden weiterhin stark vertreten sein. So feiert Zanotta den 40. Geburtstag der Tischserie „Quaderna“, die von der Architektur-Gruppe „Superstudio“ 1970 entworfen wurde und zu den wenigen Entwürfen des „radical designs“ gehört, die tatsächlich in Produktion gelangten. Wie entscheidend eine bis heute anhaltende Produktion für die Wahrnehmung von Designklassikern ist, hat die Firma Agape zu einer ungewöhnlichen Aktion ermutigt. Um die bisher nur als hochpreisige Originale erhältlichen Möbel von Angelo Mangiarotti erneut aufzulegen, hat das bisher nur im Bad-Segment aktive Unternehmen eigens die Möbellinie „AgapeCasa“ gegründet, die im Spazio Corneliani in der Via Durini vorgestellt wird. Einen Weggefährten Mangiarottis nimmt unterdessen De Padova in den Fokus und zeigt in dessen Showroom am Corso Venezia eine Ausstellung mit Modellen und Originalzeichnungen aus dem Archiv von Achille Castiglioni.

Satelliten in der Stadt

Im Superstudio Piu in der Via Tortona findet derweil das von Giulio Cappellini kuratierte „Contemporary design museum“ seine Fortsetzung, wo sich Unternehmen wie Tom Dixon, Moooi, Foscarini oder Wästberg präsentieren. Wenige Häuser weiter macht die diesjährige Inszenierung des Swarovski Crystal Palace Station, wo ebenfalls Tokujin Yoshioka eine Rolle spielen wird, während sich Cappellini, Cassina, Alias und Poltrona Frau wieder gemeinsam als „Milano Design Village" in der Via Savona präsentieren. Für eine Premiere sorgt diesmal der Rat für Formgebung, der im Spazio Romeo Gigli unweit der Station Porta Genova erstmals die Ausstellung „Design Deutschland 2010“ mit über 100 Produkten und Prototypen junger deutscher Designer präsentieren und ihnen damit eine gemeinsame Plattform in Mailand ermöglichen wird. Designer aus Berlin präsentieren sich derweil auch in der Ausstellung „DMY – Made in Berlin" in der Via Tortona, darunter Namen wie llot llov, ett la benn oder Werner Aisslinger.

Die Ausweitung der Designzone

Galt die Gegend um die Via Tortona stets als Zentrum des jungen Designs, ist der Erfolg des Standorts zugleich zu dessen Problem geworden. Denn immer weniger Jungdesigner und Hochschulen können sich die dortigen Mieten noch leisten. Wenn selbst verdreckte Garageneinfahrten mitunter für über 30.000 Euro in jenen Tagen vermietet werden, bleibt kaum Spielraum für unkommerzielle Designideen. Während die Organisatoren der Zona Tortona bereits im vergangenen Jahr mit der Zona Romana einen weiteren Standort im Südosten der Stadt ins Leben gerufen hatten, der 2010 unter dem Schwerpunkt „retail design“ stehen soll, erlebt diesmal eine weitere Gegend ihre Premiere. Unweit der Bahnstation Lambrate im Osten der Stadt werden sich zahlreiche Jungdesigner und Hochschulen an einem dicht bestückten Standort konzentrieren, darunter die Design Academy Eindhoven, das Londoner Royal College of Art oder das Studio Maarten Baas.

Nachwuchs mit Themenschwerpunkt

Einen weiteren Schwerpunkt zu jungem Design bildet auch in diesem Jahr der Salone Satellite. Insgesamt 700 Jungdesigner und 24 Designhochschulen werden sich auf der von der Messe initiierten Nachwuchsschau präsentieren, die damit zum 12. Mal stattfindet. Galt bisher lediglich eine Altersgrenze von 35 Jahren, wurde diesmal auch eine inhaltliche Vorgabe gegeben: Mindestens eines der gezeigten Produkte soll die Messe-Schwerpunkte Küche oder Bad mit aufgreifen und damit eine stärkere Verbindung zum Geschehen in den Hallen der „professionellen“ Aussteller bilden.

Projizierte Sternenhimmel

Wurde im Palazzo Reale stets vom Messeveranstalter Cosmit eine begleitende Ausstellung initiiert, fällt das Rahmenprogramm diesmal ebenfalls üppiger aus. Auch hier werden die inhaltlichen Schwerpunkte Küche und Bad gezielter aufgegriffen. So stellt die Ausstellung „Everyone to the table“ in der Villa Reale die Tischkultur sowie die Inszenierung von Essen in Restaurants, Kunst, Film, Design oder Theater in den Mittelpunkt, während in der Ausstellung „A Celestial Bathroom“ im Planetarium Ulrico Hoepli das Badezimmer mit Videoinstallationen und einem künstlichen Sternenhimmel inszeniert werden soll.

Unerwartete Gäste

Bereits vor drei Wochen nahm die Ausstellungsreihe „unexpected guests“ ihren Auftakt, für die in die Sammlungen vier historischer Privathäuser – darunter die Museen Poldo Pezzoli und Bagatti Valsecchi, die Casa Boschi Di Stefano sowie die Villa Necchi Campiglio – zeitgenössische Möbel und Leuchten inmitten der originalen Einrichtungen platziert wurden. So fand in dem mit Ritterrüstungen ausstaffierten Ehrensaal des Museo Bagatti Valsecchi der Lüster Hope des argentinischen Designers Francisco Gomez Paz Verwendung, während im Salon der 30er-Jahre-Villa Necchi Campiglio die Tischserie „Brasilia“ von Fernando & Humberto Campana zu sehen ist. Ob der von Kurator Beppe Finessi beabsichtigte Dialog zwischen zeitgenössischem und historischem Design womöglich auch als Seismograf für die Neuheiten der Messe fungiert, erfahren Sie bald an dieser Stelle.



Unsere Sponsoren auf dem Salone del Mobile 2010:

Axor – Neue Arbeiten für Axor Urquiola, Axor Citterio und Axor Starck ShowerCollection / Messegelände Halle 22 Stand E20-E22 / Täglich: 9:30 - 18:30 Uhr
 
Boffi – Neue Arbeiten von Piero Lissoni, Norbert Wangen, Monica Armani u.a / Via Solferino 11 / Täglich: 10:00 - 21:00 Uhr
 
Brühl – Neue Arbeiten von Kati Meyer-Brühl / Messegelände Halle 6 Stand F44 Täglich: 9:30 - 18:30 Uhr - Alcantara Design Museum, Superstudio Più, Via Tortona 27
 
Bulthaup – Eröffnung des neuen Showrooms von John Pawson / Via Locatelli 6 Täglich: 10:00-21:00h
 
Dornbracht – Präsentation der Badneuheiten: Messegelände Halle 24 Stand E07-E11 /  Täglich: 9:30 - 18:30 Uhr / Küchenneuheiten: Villa Necchi Campiglio / via Mozart 14 / Täglich:10:00 - 19:00 Uhr

Laufen – Präsentation der Badneuheiten / Messegelände Halle 24 Stand D14 Täglich: 9:30 - 18:30 Uhr
 
Strato – Präsentation der Küche „031“ von Marco Gorini / Via A. Bertani 2 Täglich:10:00 - 21:00 Uhr
 
Vitra – Neue Arbeiten von Antonio Citterio u.a. / Messegelände Halle 12 Stand C05-C06 / Täglich: 9:30 - 18:30 Uhr
 
Swarovski – Swarovski Elements at Work / La Triennale di Milano / Viale Alemagna 6 / Täglich: 10:30 - 22:00 Uhr / Sawrovski Crystal Palace / Arbeiten von Tokujin Yoshioka, Nicolas Gwenael, Vincent van Duysen, Yves Béhar u.a. / Via Tortona 32  Täglich: 10:00 - 20:00 Uhr


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Links

Salone del Mobile

www.cosmit.it

Salone del Mobile 2010

Die Abkehr vom Konzeptdesign

www.designlines.de

Salone del Mobile 2009

Wetterfest

www.designlines.de

Salone del Mobile 2008

Das Grüne Gewissen

www.designlines.de

Salone del Mobile 2007

Wesen aus einer anderen Zeit

www.designlines.de

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