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Vorschau auf den Salone del Mobile 2011

von Norman Kietzmann, 06.04.2011


Auf die Plätze, fertig, los: Am kommenden Dienstag öffnet die Mailänder Möbelmesse ihre Pforten und feiert zugleich ihr 50-jähriges Bestehen. Ergänzt wird die weltweit wichtigste Designschau von der 26. Ausgabe der Lichtmesse Euroluce, während durch unzählige Ausstellungen und Events das Geschehen auf die gesamte Stadt verteilt wird. Was in der kommenden Woche alles passieren wird, und welche Highlights man besser nicht verpassen sollte, haben wir für Sie zusammengetragen.



50 Jahre jung – so lautet die Parole der diesjährigen Mailänder Möbelmesse, die erneut weit über 500.000 Besucher in die lombardische Hauptstadt locken wird. Für Veränderung sorgt dieses Mal vor allem der Zeitplan. Denn anders als in den Vorjahren beginnt die Messe nicht am Mittwoch, sondern wurde auf den Dienstag vorgezogen. Im Gegenzug endet die Messe bereits am Sonntag als Publikumstag, während der ohnehin eher schwach besuchte Montag aufgegeben wurde.

Auch wenn die Previews, die traditionell am Vortag der Messe stattfinden, nun auf den Montag verschoben wurden, können es einige Hersteller nicht ganz abwarten. So öffnet das Milano Design Village, wo sich Cassina, Alias, Cappellini, Poltrona Frau und Gufram unter einem Dach präsentieren, bereits am Wochenende seine Türen, gefolgt von zahlreichen kleineren Showrooms in der Stadt, die auf diese Weise den chronisch überfüllten Terminplan vieler Messebesucher ein wenig zu entkrampfen versuchen.

Bescheidenere Maßstäbe

Für dichtes Gedränge werden 2.720 Aussteller auf dem Messegelände in Rho sorgen, die zusammen rund 210.500 Quadratmeter Ausstellungsfläche bespielen. Ergänzt wird die Schau von der 26. Ausgabe der Lichtmesse Euroluce, die mit 450 Ausstellern rund 41.000 Quadratmetern Fläche einnimmt, während die Sonderschau zum Thema Büro, der SaloneUfficio, insgesamt 120 Hersteller auf 14.500 Quadratmetern Ausstellungsfläche vereint. Auf 4.500 Quadratmetern präsentieren sich auch diesmal 700 Jungdesigner auf der 14. Ausgabe des Salone Satellite, die nicht älter als 35 Jahre sein dürfen. Bleibt also alles beim Alten?

Nicht ganz, denn viele, die bislang auf einen opulenten Auftritt gesetzt haben, treten in diesem Jahr weitaus bescheidener auf oder setzen sogar ganz aus. Eine Zäsur markiert hierbei die Absage des Swarovski Crystal Palace, der bislang zu den Höhepunkten des Fuori Salone gehörte, dem sich über die gesamte Stadt erstreckenden Rahmenprogramm der Messe. Konnten die Österreicher in den vergangenen zehn Jahren stets eine prominente Liste an Gestaltern verpflichten, die das Thema Kristall und Kronleuchter auf zeitgemäße Weise interpretierten, wird die Schau nun erstmals auf der im Juni stattfindenden Design Miami Basel gezeigt.

Abstinenz versus Maskenball

Einen Gang nach unten schalten muss auch das britische Label Established & Sons, das sich in den letzten vier Jahren mit La Pelota die größte und kostspieligste Location in der Innenstadt gesichert hatte. Die Ausstellung mitsamt der um Einladungen heiß begehrten Party findet nun im deutlich kleineren Teatro Versace statt, das sonst den Präsentationen des gleichnamigen Modelabels vorbehalten ist. Andere Firmen haben sogar ganz auf einen Auftritt in Mailand verzichtet, darunter auch einige deutsche Aussteller wie Axor oder Dornbracht. Hat sich Mailand womöglich überhitzt?

Nicht nur der zeitliche Zugewinn deutet dieses Jahr auf eine konzentriertere Woche hin. Zwar ist auch das Rahmenprogramm dicht gefüllt und wartet mit einigen Extravaganzen auf, darunter einem „Maskenball“ von Driade am Abend des 11. April im Palazzo Gallarati Scotti oder die Neueröffnung eines großen Alessi-Showrooms in der Via Manzoni. Doch die Zahl der branchenfernen Unternehmen – vornehmlich aus der Mode- und Automobilindustrie – die die Messe in den vergangenen Jahren mit eigenen Veranstaltungen überlagerten, fällt diesmal nicht ganz so dominierend aus.

Museum der Holzverarbeitung

Die Previews auf die Neuheiten, die uns bislang erreichten, lassen zunächst wenig Überraschendes entdecken. Die Minimalismuswelle wird auch diesmal dominieren und skandinavische Naturverbundenheit mit Anklängen an die Filigranität der Fünfziger-Jahre-Moderne verbinden. So zeigt der Venezianer Luca Nichetto, dessen Studio ein zweites Standbein in Stockholm unterhält, einen eleganten Bugholzstuhl für Fornasarig. Dieser hört nicht nur auf den Namen Wolfgang, sondern lässt, wie Nichetto sogar selbst betont, deutliche Anleihen an die Entwürfe von Hans J. Wegner erkennen. Ganz im Stil der fünfziger Jahre zeigt sich auch der wohnzimmertaugliche Camberwell Writing Desk, den Terence Conran für das britische Traditionslabel Benchmark entworfen hat und der – während er ansonsten vollständig aus Eiche gefertigt ist – über eine mit Leder bezogene Schreibunterlage verfügt.

Einen filigranen wie rustikalen Leuchter präsentiert der New Yorker Designer Jason Miller mit seinem Modo Chandelier für den amerikanischen Leuchtenhersteller Roll & Hill, der genau wie der Camberwell Writing Desk im Rahmen der Ausstellung designjunction im Zegna-Hauptquartier in der Via Savona gezeigt wird. Aus der Reihe tanzt dagegen der minimalistische Klappstuhl Piana, den David Chipperfield für Alessi entworfen hat, und der neben einer Ausführung in Schwarz, Weiß und Grau auch in leuchtendem Rot, Gelb und Grün erhältlich ist. Gefertigt wird der Stuhl, mit dem die italienische Designschmiede erstmals in das Segment der Sitzmöbel vordringt, aus recyceltem Polypropylen. Er stellt sich damit dem Trend zum Holz klar entgegen.

Transluzente Bretter

Einen überaus ironischen Zugang zum Thema Holz wagt unterdessen der Japaner Oki Sato mit seinem Büro Nendo. Seine Ausstellung texured transparencies, die er wie im vergangenen Jahr in den Räumen der Galleria Jannone am Corso Garibaldi zeigen wird, gilt schon jetzt als Geheimtipp dieser Messe. Denn Holz ist bei ihm nicht Holz, sondern eine Interpretation von Transparenz. Wie das geht, zeigt sein aus Acryl gefertigter transparent table, dessen Oberfläche mit der lebhaften Maserung hölzerner Bretter überzogen wurde. Nähert man sich der Version aus schwarzem Kunststoff, erschließt sich sie halbtransparente Wirkung des Materials erst beim genaueren Hinsehen. In einer weißen Version ist die künstliche Materialität zwar sofort ersichtlich, doch gerade durch die Kombination mit den Füßen aus Echtholz entsteht ein spannungsvoller Kontrast, der dem nachwachsenden Material eine alles andere als rustikale oder rückwärts gewandte Richtung gibt.

Wer dennoch auf Holz nicht verzichten möchte, ist bei Riva auf der sicheren Seite. Der italienische Hersteller, der ausschließlich Möbel aus Massivholz produziert, zeigt neben einer Fortsetzung der Serie Briccole di Venezia in der Mailänder Triennale, für die unter anderem Alessandro Mendini und Andrea Branzi neue Entwürfe angefertigt haben, eine filigrane Tischserie von Michele De Lucchi. Am Unternehmenssitz in Cantù, unweit von Como, wird zugleich ein von Renzo Piano und Studenten der Harvard Design School entworfener Showroom mitsamt einem firmeneigenen Holzmuseum eröffnet, für den Riva einen Shuttleservice direkt vom Messegelände anbietet.

Zwischen Bäumen und Waldgeistern

Eine etwas eigenwillige Annäherung zum Thema präsentieren derweil die kanadischen Brüder Dean & Dan Caten – besser bekannt unter dem Namen ihres Modelabels Dsquared2. Anlässlich der Ausstellung „Kartell loves Milano“, die im Showroom des Kunststoffherstellers in der Via Turati stattfinden wird, interpretieren sie den 2009 von Philippe Starck entworfenen Masters Chair auf archaische Weise neu. Zusammengesetzt aus Ästen, die über der Rückenlehne noch über ein stattliches Blattwerk in herbstlichen Farben verfügen, könnte der Stuhl der Behausung eines Waldgeistes entsprungen sein. Hinaus in die Natur zieht es in diesem Jahr selbst die, die sonst eher als versierte Stubenhocker gelten. Gemeint sind die Möbel von Le Corbusier und Charlotte Perriand, die Cassina nun in einer gartentauglichen Version vorstellt und dafür selbst das Stahlrohr der Chaiselongue LC4 in gebogenes Holz übersetzt.

Begleitet wird die Mailänder Möbelmesse auch dieses Jahr von zahlreichen Ausstellungen, darunter die vom Messeveranstalter Cosmit initiierte Schau „Principa“ im Palazzo Reale. Kuratiert von Dennis Santachiara wurde ein kuppelförmiger Pavillon auf die Piazzo Duomo platziert, zudem werden in acht Räumen die Einflüsse der Naturwissenschaft auf die Geschichte der Kunst untersucht. Parallel zur Lichtmesse Euroluce wird die Installation „CuoreBosco“ auf der Piazza San Fedele gezeigt, die „Bäume mit einer religiösen Bedeutung“ auf den Platz gleich neben dem Teatro alla Scala holen soll.

Ausstellungen in der Stadt

Bereits an diesem Montag eröffnete die von Alberto Alessi kuratierte, vierte Ausstellung des Triennale Design Museums, die anlässlich des 50-jähigen Messebestehens nicht die Designer in den Mittelpunkt rückt, sondern die als Gesichter oft unbekannten Unternehmer (mehr dazu in der kommenden Woche). Ebenfalls in der Triennale schlägt Gaetano Pesce sein Heimatland ans Kreuz. Zu sehen ist die Installation L‘Italia in Croce im Teatro dell‘Arte, das sich auf der rechten Seite des Haupteingangs der Triennale befindet. Etwas außerhalb des Stadtzentrums sucht die Ausstellung Independent Design Secession in der Triennale Bovisa nach unkommerziellen Designideen, darunter Arbeiten von Andrea Branzi, Michele De Lucchi, Giulio Iacchetti und Michelangelo Pistoletto.

Junges französisches Design ist unterdessen in der Ausstellung Nouvelle Vague im Centre Culturel Français zu sehen, während die vom Rat für Formgebung initiierte Ausstellung Design Deutschland 2011 in der Via Tortona 32 einen Querschnitt über deutsches Nachwuchsdesign bietet. Auch die Berliner Gestalter präsentieren sich wieder gebündelt in der Schau Poetry Happens – Made in Berlin, die in der Zona Ventura Lambrate im Osten der Stadt gezeigt wird. Junges Design steht dort auch mit den Präsentationen zahlreicher Hochschulen im Mittelpunkt, darunter das Londoner Central Saint Martins College, die Kunsthochschule Kassel oder die Mailänder Scuola Politecnica di Design. Der Terminplan ist also wieder prall gefüllt. Da kommt der vorgezogene Messebeginn genau im richtigen Moment.


Adressen im Überblick



Milano Design Village
– Neue Produkte von Cappellini, Cassina, Alias, Poltrona Frau Via Savona 56 / Täglich 10-21 Uhr

texured transparencies – Soloausstellung von Nendo / Galleria Jannone / 125 Corso Garibaldi / Täglich 10:30-19 Uhr

designjunction
– Arbeiten von Modus, Benchmark, Anglepoise, Roll&Hill u.a. / Zegna Hauptquartier / Via Savona 56 / Täglich 10-20 Uhr

Museo dei Legno – Eröffnung des Holz-Museums in Cantù, gegründet von Riva 1920 / Via Milano 110, 22065 Cantù / Täglich 08:30-18:30 Uhr

L‘Italia in Croce – Installation von Gaetano Pesce / Teatro dell‘Arte / Triennale di Milano / Viale Alemagna 6 / Täglich 10-20 Uhr

Independent Design Secession – Arbeiten von Andrea Branzi, Michele De Lucchi, Giulio Iachetti u.a. / Triennale Bovisa / Via Lambruschini 31 / Täglich 11-21 Uhr

Design Deutschland 2011 – Junges deutsches Design / Carrozzeria Via Tortona 32 Täglich 10-20 Uhr

Poetry Happens – Made in Berlin Junges Berliner Design / Spazio Overlite / Via Oslavia 8 / Täglich 10-20 Uhr

Nouvelle Vague
– Junges französisches Design / Centre Culturel Français à Milan / Corso Magenta 63 / Täglich 10-20 Uhr



Unsere Partner auf der Mailänder Möbelmesse


Bulthaup – Ausstellung Shifting Contexts, kuratiert von Mike Meiré / Bulthaup-Showroom Via Durini 17 / Täglich 10-12 Uhr

Brühl – Messegelände Pavillon 6, Stand E34 / Täglich 09:30-18:30 Uhr

Interlübke – Messegelände Pavillon 7, Stand B18 / C2 / Täglich 09:30-18:30 Uhr

Interstuhl
– Messegelände Pavillon 22, Stand C39 / Täglich 09:30-18:30 Uhr

Swarovski – Kronleuchter in Kooperation mit Schonbek / Messegelände Euroluce Halle 15, Stand E23 / F24 / Täglich 09:30-18:30 Uhr

Vitra – Neue Arbeiten von Konstantin Grcic, Jasper Morrison, Barber Osgerby / Messegelände Halle 20 an Stand C05 / D04 / Täglich 09:30-18:30 Uhr

Warendorf – Cocktail „Starck by Warendorf“ / Via Pontaccio 18 / Täglich 10-12 Uhr

Wilkhahn – Neue Varianten des Stuhls Chassis von Stefan Diez / Spotti Viale Piave 27 / Täglich 10-19 Uhr

Zumtobel – Messegelände Euroluce Halle 15, Stand E23 / D20 / Täglich 09:30-18:30 Uhr


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Links

Salone del Mobile 2008

Das grüne Gewissen

www.designlines.de

Salone del Mobile

www.cosmit.it

Salone del Mobile 2010

Die Abkehr vom Konzeptdesign

www.designlines.de

Salone del Mobile 2009

Wetterfest

www.designlines.de

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