Menschen

Form follows love

Ein Gespräch mit der Lehmbauexpertin Anna Heringer

Mit Projekten aus Lehm zeigt Anna Heringer neue Wege in der Architektur, im Umgang mit Materialien und Ressourcen. Sie fordert einen Wandel des heutigen Bauprozesses – und von ihren Kolleg*innen eine liebevollere Haltung im Entwurf. Wir sprachen mit der Architektin über falsche Ängste in der Planung, Partizipation als Schlüssel zu einer guten Gemeinschaft und die Zukunftsfähigkeit des Naturmaterials Lehm als Baustoff.

von Katrin Schamun, 15.12.2021

Es heißt, eine der wichtigsten Aufgaben der Architekt*innen und Designer*innen sei das Entwerfen für die Menschen. Was schließt das, Ihrer Meinung nach, alles mit ein?
Die Architektur muss ihre Aufgabe ganzheitlich betrachten. Das schließt zuallererst ein gesundes Klima mit ein, aber auch das Zwischenmenschliche. Wir Menschen leben nicht reserviert. Das Miteinander gehört für mich zum Leben dazu. Für mich ist der berühmte Satz „form follows function“ viel zu wenig weitreichend. Auch ist er jetzt endlich mal obsolet. Wir müssten ihn ersetzen durch „form follows love“. Liebe ist automatisch nachhaltig, denn sie ist ein urmenschliches Bedürfnis, das zentrale Thema in unserem Leben. Das ist die Philosophie, die in jedem meiner Entwürfe steckt. Architektur zu schaffen, sollte eine liebevolle Grundhaltung voraussetzen und einen gesunden Menschenverstand.

Seit 2005 sind Sie Architektin mit dem Schwerpunkt Lehmarchitektur. Wie kamen Sie zum Lehmbau?
Was mich angesprochen hat, ist die Verbindung einer alten Bauweise mit guter Architekturgestaltung. Für mich ist das Interesse einfach zum richtigen Zeitpunkt gekommen. Während meiner Diplomzeit besuchte ich einen Workshop von Martin Rauch. Als ich dort das erste Mal mit meinen Händen Lehm formte, wusste ich: Das ist mein Material.

Was hat sich in den letzten 15 Jahren – vor allem in Deutschland und Europa – im Lehmbau getan?
In den letzten Jahren hat sich eine hohe Sensibilität gegenüber dem Lehmbau entwickelt. Es ist endlich auch hier angekommen, dass der Zement Alternativen braucht. Wir können nicht wie bisher weitermachen, denn unsere Ressourcen sind endlich. Es wird immer Hoffnung auf einen „grünen“ Beton gesetzt, aber eigentlich haben wir den längst schon – mit dem Material Lehm. Bei Lehm ist nicht der Zement das Bindemittel, sondern der Ton. Und Ton gibt es überall. Natürlich lässt sich Lehm nicht überall einsetzen, wie zum Beispiel beim Fundament. Aber für die Wände lässt er sich gut verwenden. Ich glaube, mittlerweile wissen wir, dass wir die übermäßige Verwendung von Beton überdenken müssen. Wir wissen, dass wir mehr Alternativen brauchen.

Ihre Projekte sind überwiegend in ärmeren Regionen der Welt angesiedelt. Lassen sich Ihre dort angewendeten Strategien – wie zum Beispiel das Bauen ohne Pläne vor Ort, das Einsetzen für soziale Gerechtigkeit und die Gesundheit des Planeten – auch auf hiesige Verhältnisse übertragen?
Natürlich. Das zeigt uns allein die Geschichte des Lehms, der in allen Regionen der Welt eine Tradition hat, auch in Deutschland und Europa. Denken wir an die Fachwerkbauten. Wir hatten nur einen kulturellen Blackout. Natürlich kann man den Lehm wieder einbringen, er ist ja vorhanden. Und er lässt sich gut in Hybriden verbauen, wie zum Beispiel zusammen mit Holz. Und natürlich ist er zukunftsfähig, weil Lehm ein Material ist, das uns gratis von der Natur gegeben wird, ohne dass man viel hineinstecken muss.

Was reizt Sie so am Lehm als Baumaterial?
Das Spannende am Lehm ist, dass er sowohl maschinell als auch mit der Hand – und auch gemischt – bearbeitet werden kann. Diese Strategie hat weltweit Gültigkeit. Die gesamte Baukultur ist ja auf diese Weise entstanden. Die Menschen haben die jeweiligen Ressourcen vor Ort als Baumaterial verwendet und dadurch bereits nachhaltig gebaut. Lehmbau ist nicht nur exklusiv für einen kleinen Teil der Weltbevölkerung geeignet, sondern weltweit möglich. Lehm ist absolut zukunftsfähig, weil kein CO2 hineingesteckt wird. Spannend ist auch seine Verarbeitung: Mal wird er mit Steinen, mal mit einer Schalung verarbeitet. Damit erhält er jeweils einen anderen Charakter. Zusammen mit den jeweils vorhandenen klimatischen Verhältnissen und den traditionellen Eigenschaften vor Ort, entwickeln sich auf diese Weise unterschiedliche Architektursprachen. So entsteht Baukultur mit Architekturen, die auf einen einzigen Ort zugeschnitten sind. Daraus entwickelt sich eine Authentizität mit einer Strahlkraft, nach der wir uns sehnen. Wir fahren dorthin in den Urlaub, wo uns eine authentische Architektur umgibt. Neben dem großen ökologischen Potenzial sehe ich auch eine Sehnsucht nach solch einer authentischen Architektur.

Bei ihren Projekten in Bangladesch oder auch in Deutschland – bei dem Lehmaltar im Wormser Dom etwa – waren nicht nur wenige Experten, sondern alle Beteiligten involviert. Was bedeutet für Sie Partizipation im Bauprozess?
An was es uns nicht mangelt in Deutschland, das sind materielle Dinge. An was es uns mangelt, das sind gute Beziehungen. Wir brauchen eine Gemeinschaft mit einer guten Kommunikation. Der Bauprozess kann diese Kommunikation fördern. Wenn ich an einem Gebäude baue, kann ich gleichzeitig an der Gemeinschaft bauen, an ihrem Teamgeist. Das erlebten wir bei unserem Projekt in Worms. Wir Menschen sind alle gleich gestrickt, wir brauchen die Gemeinschaft von Natur aus. Beim Bauen zieht man gemeinsam an einem Strang, hat ein gemeinsames Ziel. Das fördert ein Gemeinschaftsgefühl. Der Lehmbau kann das unterstützen, weil er viele Menschen zusammenbringt und in den Herstellungs- und Bauprozess integriert. Es ist ein unglaubliches Material, weil es auch ohne Gerätschaften verarbeitet werden kann – nur mit Händen. Dadurch können sogar Kinder mit in den Prozess integriert werden. Oder wie in Bangladesch: Dort haben wir auch Menschen mit Behinderung dabeigehabt oder ältere Menschen. Diese positive Weise schätze ich sehr am Lehm. Nächstes Frühjahr beginnen wir mit einem Projekt in Bayern, bei dem wir bestimmte Bereiche zusammen mit Jugendlichen in Lehm gestalten. Wie gesagt, der Mensch ist ein soziales Wesen und die Architektur hat ein großartiges Werkzeug in der Hand, um soziale Bindungen und die Gemeinschaft zu stärken.

Der gesamte Bauprozess ist heute so technisiert und kompliziert geworden. Müssten sich die Architektur und die Baubranche nicht grundlegend ändern, einschließlich der Lehre?
Ja, wir müssten einen Haufen Vorschriften einfach hinauswerfen. Denn wem nutzen sie? Der Bauindustrie, die ihre Materialien verkaufen will, oder den Menschen? Was haben wir davon, wenn wir einen stabilen Bunker als Zuhause haben? Meiner Meinung nach haben wir den Boden unter den Füßen verloren. Wir müssen mehr gesunden Menschenverstand anwenden. Zu viele Vorschriften sind ein riesengroßer Hemmschuh, bei dem wir mehr und mehr Verantwortung an Versicherungen und Normen abgeben. Dabei geben wir auch viel Kraft und vor allem Gestaltungsfreiheit ab! Schauen wir uns doch den heutigen Bauprozess an: Die Grundstimmung der Gestaltung ist Angst. Ihre Prägung sind Vorschriften und Regeln. So entsteht heute Architektur. Aber das Grundlegende in der Architektur sollte eine liebevolle Grundhaltung sein.

Wie soll das umgesetzt werden?
Das geht schon. Wir machen es in kleinen Projekten, in denen wir versuchen, Teilbereiche mit Lehm einzubringen. In einer Schule gestalten wir eine Wand als Relief. Ein Handwerker stellt die Grundwand auf und dann wird mit den Händen gearbeitet. Es wäre zum Beispiel schön, wenn wir den Lehm für jedes Projekt vor Ort hätten und ihn nicht von woanders herholen müssten. Der Wunsch ist, dass wir überall regionale Fabriken haben, wo das Baumaterial als Rohmaterial hineinkommt und als Baublöcke vorgefertigt wieder herauskommt. Noch sind wir leider erst am Anfang.

Sie haben die Fokussierung auf Beton einmal als Systemfehler bezeichnet. Wie könnte man das Thema Lehmbau in Deutschland fördern?
Das Ganze ist so absurd. Lehm ist ein Produkt, das von der Natur gratis zur Verfügung gestellt wird. Was teuer ist, ist die menschliche Energie, da man den Handwerker extrem steuerlich belastet. Dagegen sind die CO2-produzierenden Ressourcen viel zu wenig besteuert. Aus dieser Diskrepanz entsteht ein teurer Baustoff in hiesigen Regionen. Jedoch ist unser Wirtschaftssystem keine Naturgewalt, sondern es ist von Menschen gemacht. Also kann man es sehr wohl auch neu justieren. Und das müssen wir auch. Ich würde mir wünschen, dass wir als Architekt*innen auch einfach mal Verantwortung übernehmen. Und auch mal sagen: Diese Vorschrift ist absurd, der folge ich jetzt einfach nicht. Von der Politik müssen wir fordern, dass sie die CO2-Steuern in der Baubranche einführt. Das heutige System muss sich ändern. Die Baubranche und wir Architekt*innen müssen schauen, dass wir nicht die Gesellschaft ausbremsen.

Es ist immer noch schwer vorstellbar, wie der Lehmbau in großen Städten – Berlin, Hamburg oder Frankfurt am Main – in größerem Maßstab umgesetzt werden kann.
Ja, aber stellen wir uns doch nur vor, wie es wäre, wenn sich zwischen all den Betonwänden auf einmal Wände aus Lehm aus der Erde schieben. Das wäre doch so wunderbar. Und denken wir an ihren Herstellungsprozess. Diese Wände strahlen Wärme aus und sind oft von Menschenhänden gestreichelt worden. Lehm ist nicht nur ein Baumaterial, sondern ein Element, zu dem die Menschen eine Verbindung haben. Mit mehr Lehmeinsatz können wir saubere Städte bauen und gesünder gestalten. Das ist unsere Aufgabe!

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Anna Heringer

anna-heringer.com

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