Menschen

Robin Rhode

Der südafrikanische Street-Art-Künstler über seine Kindheit und Skateboard-Decks, die aussehen wie schwarz-weiße Süßigkeiten.

von Tim Berge, 14.11.2016

Der Street-Art-Künstler Robin Rhode hat für das britische Kunstlabel The Skateroom fünf Skateboard-Decks entworfen. Dazu gesellt sich ein sechstes Deck, das speziell für die Hilfsorganisation Skateistan kreiert wurde, die Skateschulen für Jugendliche in Krisenregionen betreibt. Wir haben Robin Rhode in seinem Berliner Studio getroffen und über seine Kindheit in Johannesburg, Skateboarden als radikale Geste und Decks, die aussehen wie Süßigkeiten, gesprochen.

Was ist deine Beziehung zum Skateboarden?
Die reicht lange, lange zurück, bis in die Zeit meiner Kindheit in Johannesburg. Ich habe es als Aktivität nie zu ernst genommen, aber es war auf jeden Fall ein wichtiger Teil meiner Jugend. Heute ist Skateboarden eine Erweiterung meiner Interessen als Künstler und meiner Verflechtung mit der Subkultur. Gleichzeitig gibt es aber auch einen konzeptionellen Ansatz: Ich habe Skateboarden immer als Möglichkeit der Neudefinition von Architektur empfunden. Wie nehmen wir Raum wahr? Und wie können wir ihn steuern?

Skateboardest du heute noch?
Nur in meinem Studio (lacht)! Ich rolle von einem Kunstwerk zum nächsten, von einer Seite zur anderen. So kann ich schneller arbeiten (lacht lauter).

Was für ein Skateboard hattest du in Johannesburg?
Erst hatten wir welche aus Kunststoff, später kamen die aus Holz dazu, die wir nach unseren Vorstellungen umgestalteten und umbauten. Ich sehe mich als Teil einer Post-Apartheit-Generation, die sehr offen war für neue kulturelle Strömungen von außerhalb. Wir schauten sehr genau, was die Jugendkulturen in den USA und Europa hervorbrachten und absorbierten das in unseren eigenen Kosmos und soziale Codes: Es gab, wie wahrscheinlich überall auf der Welt, Gruppen in Johannesburg, an deren Skateboards man ihre Herkunft erkennen konnte.

Gibt es heutzutage noch Unterschiede zwischen den Skateboard-Kulturen in Johannesburg und Berlin – oder sind die auch mittlerweile globalisiert?
Sie sind definitiv globalisiert! Aber es gibt Unterschiede: Die Gesellschaft in Südafrika ist immer noch durch massive Konflikte geprägt, es gibt immer noch viel zu viele soziale Brennpunkte, die das Land plagen. Es gibt eine hohe Arbeitslosigkeit und eine hohe Kriminalitätsrate. Viele Menschen wissen nicht, wie sie ihr Leben finanzieren können. Und in Südafrika gibt es kein soziales Netz wie hier in Deutschland! In so einer Situation auf einem Skateboard durch Johannesburg zu fahren, ist eine radikale Geste, die sich gegen das System richtet.

Jetzt hast du für das Kunstlabel The Skateroom fünf Decks entworfen, die als limitierte Edition in den Verkauf kommen und höchstwahrscheinlich von Menschen erworben werden, die sich am oberen Ende des Systems befinden und die sich die Skateboards wahrscheinlich eher an die Wand hängen werden. Wie kannst du das mit deiner eigenen Geschichte unter einen Hut bringen?
Ich finde es großartig, denn mit jedem Kauf wird das Projekt unterstützt. Die Motive, die sich auf den Decks befinden, wurden auf den Strassen von Johannesburg produziert. Und sie kommen aus eben jenen Gegenden, in denen die sozialen Konflikte am größten sind. Wer also eines der Decks kauft, holt sich ein Motiv eines sehr konkreten Ortes und sozialen Kontexts ins Haus. Damit muss er sich auseinandersetzen: Das sind interessante Aspekte. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass meine Zusammenarbeit mit The Skateroom weit über die Produktion dieser Edition hinausgeht. Ich habe ein weiteres Deck nur für die Skateschulen von Skateistan entworfen, das den Schülern in Afghanistan, Kambodscha und Südafrika kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Und durch mein Engagement für The Skateroom kann ich Menschen auf Skateistan – und insbesondere auf die Schule in Johannesburg – aufmerksam machen.

Was war denn dein erster Ansatz, als du gefragt wurdest Decks zu gestalten?
Erstmal war ich sehr begeistert! Nicht nur wegen meines persönlichen Bezugs zum Skateboarden, auch weil ich meine Arbeiten nie als Teil der sehr elitären Kunstwelt betrachtet habe, sondern als etwas, das mit der gesamten Gesellschaft kommunizieren soll. Für mich sind die Decks nur ein weiterer Mechanismus, um mit einem neuen Publikum und einer neuen Kultur zu sprechen. Und Skateboards zu entwerfen war ein fast schon organischer Prozess, durch die bereits vorhandene Verbindung meiner Arbeit mit urbanen Subkulturen, der Außenwelt und wie man sich in ihr bewegt.

Aber wie genau gingst du bei der Gestaltung vor? Welche Rolle spielt der mögliche Nutzer?
Ich wusste von Anfang an, dass ich fünf Decks machen würde und dass sie monochromatisch sein müssten: Sie sollten wie eine schwarz-weiße Süßigkeit wirken! Nur das Deck für die Skateschulen fällt aus dem Gestaltungskanon heraus: Es ist bunt. Was die Aktivität Skateboarden betrifft, wollte ich die starke Horizontalität und Vertikalität zum Thema machen. Ich habe also mein Archiv nach diesen Faktoren durchsucht und Motive gesucht, die meine Idee unterstützen würden. Wenn du dir die fertigen Decks anschaust, wirst du die Bezüge erkennen – und auch der Nutzer wird, wenn er denn darauf fahren sollte, die Gestaltung beim Skaten wahrnehmen. Die Motive sind außerdem sehr dynamischer Natur und untermalen zusätzlich den Mobilitätsfaktor beim Skateboarden.

Wird der Nutzer, sollte er das Deck tatsächlich zum Skateboarden benutzen, Teil einer globalen Robin-Rhode-Performance?
(Lacht) Ja, ich hoffe das sehr! Und ich hoffe, dass die Käufer einen Bezug zu den Charakteren aufnehmen, die auf der Unterseite der Decks zu sehen sind. Durch die Menschen, die dort zu sehen sind, kann vielleicht eine stärkere Verbindung zu dem Objekt entstehen, als wenn nur eine Grafik zu sehen sein würde.

Wirst du die Käufer bitten, dir Fotos und Filme zu schicken, wie sie die Decks benutzen?
Wenn das möglich ist, wäre das großartig. Ich hoffe auch, dass Kinder den Zugang zu den Decks bekommen. Es wäre schade, wenn die Objekte nur als Kunstwerke an den Wänden hängen würden. Aber diese Edition bietet auch die Möglichkeit, meine Kunst zugänglicher für Menschen zu machen, die sich meine Arbeiten sonst nicht leisten könnten.

Robin, vielen Dank für das Gespräch!

Skateistan ist eine 2007 gegründete Nichtregierungsorganisation, die in Afghanistan, Kambodscha und Südafrika Skateschulen für Kinder und Jugendliche betreibt. Das Projekt will Menschen unterschiedlicher sozialer Herkünfte über das Skateboarden zusammenbringen – außerdem verfolgt die Organisation das Ziel, die Jugendlichen wieder zum Schulbesuch zu bewegen und ihre Ausbildung durch eigene Bildungsangebote zu unterstützen. Über 40 Prozent der teilnehmenden Kinder sind Mädchen!

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Links

Robin Rhode

www.rhodeworks.net

The Skateroom

www.theskateroom.com

Skateistan

www.skateistan.org

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