Röhre zum Refugium
Madrider Apartment mit geheimen Räumen von Burr Studio
Ein Apartment in Madrid wird zur begehbaren Raumsequenz. Das Studio Burr ersetzt klassische Wände durch Möbeleinbauten mit offenen und verborgenen Durchgängen. Hinter einem gelben Regal und einer pinken Treppenröhre verstecken sich besondere Rückzugsorte, von deren Existenz nur Eingeweihte wissen.
Der verborgene Raum ist ein wiederkehrendes Erzählmotiv: Hinter einer als Regal oder Wand getarnten Tür öffnet sich plötzlich ein Zugang zu einem mysteriösen Keller, einer geheimen Bibliothek oder einem ganz privaten Rückzugsort. Der Reiz liegt im Moment der Entdeckung, in der Freude am Geheimnis und in der Inszenierung des Zugangs. Wie ist er in das Interieur integriert, wie wird er geöffnet – und ist er wirklich unsichtbar?
In Madrid hat das Studio Burr nicht nur ein bestehendes Apartment für eine fünfköpfige Familie umgebaut. Die Architekt*innen haben dabei auch ein Studienzimmer und den Schlafbereich hinter einem kanariengelben Faltregal versteckt. Und dies sind nicht die einzigen Alice im Wunderland-Momente. Ein großer, bonbonrosafarbener Zylinder, der sich aus der Decke streckt, entpuppt sich als Treppenhaus, das zu einem abgeschiedenen Rückzugsraum führt. Es ist das einzige Zimmer mit nur einer Tür. Alle anderen Räume sind Durchgangszimmer mit mindestens zwei Zugängen. Oder sie sind gleich als offenes Layout mit ineinanderfließenden Funktionsbereichen gestaltet.
Alice im Raumwunderland
Die raumorganisatorische Ausgangssituation war bereits besonders. Im Zentrum des quadratischen Grundrisses befindet sich der Gebäudekern mit Treppenhaus, Aufzügen und einem lichtspendenden Hof. Die Erschließung erfolgt unter diesen Voraussetzungen zirkulär. Anstatt Wände zu ziehen, haben die Architekt*innen Stauraummöbel aus MDF eingebaut, die die Fläche zonieren, Durchgänge gestalten oder Räume einfassen.
Bei der farblichen Inszenierung wechseln sich der natürliche Holzton der Faserplatten und ein Signalgelb ab. Das Gelb ist dabei mehr als nur ein farblicher Akzent. Es fungiert als Leitsystem und gibt Hinweise auf weitergehende Funktionen. Es markiert Türen, Sitzflächen, Interaktionsräume, Öffnungen und Durchgänge. Hinter den farblich natürlich belassenen Flächen befinden sich Technik und Stauraum. Dabei wurden hauptsächlich zwei Elemente platziert: eine Raumbox gegenüber dem großzügigen Wohn- und Essbereich, in der sich drei Waschräume befinden, sowie eine Modulwand, die den zentralen Gemeinschaftsraum von den Schlaf- und Arbeitszimmern trennt.
Verstecke für die Familie
Eine wandfüllende, gelbe Familienbibliothek rahmt die Sofalandschaft ein. Gäste ahnen nicht, dass sich dahinter ein geheimes Refugium der Bewohner*innen verbirgt. Wenn man einen Teil der Regalwand in den Raum klappt, öffnet sich ein schmales Arbeitszimmer mit einem langen Schreibtisch an der Fensterfront. Dieses mündet dann im Hauptschlafzimmer. Wer arbeiten möchte, findet dort einen gut abgeschirmten Ort zum Konzentrieren. Wer nicht an den gemeinschaftlichen Aktivitäten im Wohnzimmer teilnehmen möchte, findet ein exzellentes Versteck.
Der Zugang zur „Dachkammer“ ist prominenter. Neben der Küchenzeile hängt eine rosafarbene Treppenröhre von der Decke, die ein paar Dezimeter über dem Boden schwebt. Über eine Tür gelangt man in einen Maisonette-Raum mit Bett und Schreibtisch, der als Gästezimmer, Homeoffice oder Rückzugsort genutzt werden kann. Damit die Eremitage auch akustisch beruhigt ist, wurden die Innenwände gepolstert und mit Textilien verkleidet. Das Verborgene ist kein Gegenentwurf zum offenen Grundriss, sondern dessen Ergänzung. Wer dort wohnt, kennt die Abkürzungen, versteckten Türen und Rückzugsorte der Wohnung und verfügt somit über eine zweite Ebene, die sich nur Eingeweihten erschließt.
FOTOGRAFIE Maru Serrano
Maru Serrano
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