Spiel der Elemente
Naturpavillon des Kollektivs Carroccera in Norditalien
Ohne Dach und Wände hat das Kollektiv Carroccera „The Missing Room“ auf einem ehemaligen Weingut konzipiert. Rund um die Riten von Feuer und Wasser verdichtet das Projekt die Funktionen eines Hauses auf das Wesentliche und öffnet sie für Mensch und Natur.
Was wäre ein Haus ohne seine Hülle? Diese Frage stellte sich Carroccera, ein Zusammenschluss aus Künstler*innen, Architekt*innen und Wissenschaftler*innen. Auf einem ehemaligen Weingut im norditalienischen Piemont gingen die Beteiligten der Frage nach, wie Mensch und Natur harmonisch zusammenleben können. Während Bauprojekte in der Regel invasiv in natürliche Lebensräume eingreifen, wollten die Planenden dies bei The Missing Room unbedingt vermeiden. Stattdessen lädt der offene Pavillon dazu ein, die Natur gemeinsam mit anderen Lebewesen zu genießen.
Kondensat eines Hauses
Ein sieben Meter hoher Monolith aus Metall bildet das Zentrum. Er erreicht in etwa die Höhe der umliegenden Bäume und beherbergt einen Ofen zum Erhitzen von Badewasser, zum Kochen sowie zum Heizen des Aufenthaltsbereichs davor. Sein Rauch ist weithin sichtbar. Um diese Landmarke gruppierte das Team von Carroccera die wichtigsten menschlichen Bedürfnisse: ruhen, essen, sich reinigen und miteinander kommunizieren. Sie sind nicht wie in einem klassischen Grundriss räumlich voneinander getrennt, sondern miteinander verwoben. Während das Essen in den integrierten Kaminöfen über dem offenen Feuer gart, nimmt jemand ein Bad und winkt den Kühen zu, die aus dem integrierten Trog trinken, so die Vision der Gestalter*innen. Sie stellen sich die Zusammenkunft wie eine friedliche Mensch-Tier-WG vor.
Multifunktionale Möbel
Zum gegenseitigen Respekt gehört auch, dass The Missing Room die Natur weitgehend in Ruhe lässt. Multifunktionale Objekte sollen dazu beitragen, dass möglichst wenig Ressourcen verbraucht werden. So lässt sich die Badewanne, die als geräumiger Pool bis zu vier Personen Platz bietet, für ein Bad allein verkleinern. Trockengelegt wird sie zum Schlafplatz. Ein verzweigtes Wassersystem ermöglicht ein Spiel mit den Elementen. Immer wieder entstehen vielseitig nutzbare Flächen und Zwischenräume, die dazu einladen, sich am Feuer zu wärmen, gemeinsam zu kochen oder mit einem weiten Blick in die Umgebung zu entspannen.
Schutz und Transparenz
The Missing Room kommt ohne Dach und Wände aus. Dennoch sind die Nutzenden den Elementen nicht schutzlos ausgeliefert. Ein transparentes Segel spendet Schatten und schützt vor Regen. Es stammt von einem Boot und wurde am Schornstein befestigt – wie ein Segel an einem Mast. Im Dunkeln reflektiert der Stoff das Licht eingebauter Leuchten, sodass der Eindruck eines schwebenden Ufos entsteht.
Für den Bau seines ungewöhnlichen Pavillons arbeitete das Kollektiv mit lokalen Handwerker*innen zusammen. Der italienische Metallkünstler Carlo Susenna errichtete den zentralen Schornstein, während der Pizzaofenbauer Alberto Pisani für die Feuerstelle am Fuße des markanten Bauwerks zuständig war.
Konzipiert als Nicht-Haus, bietet The Missing Room viel Raum für Reflexionen darüber, wie Mensch und Natur harmonisch zusammenleben können. Der Pavillon war das erste Projekt des Designkollektivs auf dem ehemaligen Weingut. Inzwischen sind weitere temporäre Bauten hinzugekommen. In den Sommermonaten bringt Carroccera lokale Talente und Gäste von außerhalb zusammen, um sie an den kreativen Projekten teilhaben zu lassen und neue Ideen zu entwickeln.
| Projektname | The Missing Room |
| Entwurf | Carroccera |
| Team | Gianfrancesco Brivio Sforza, Dariia Nepop, Nacha Palomeque Coll, Angelica Rimoldi, Caspar Schols |
| Ort | Piemont, Italien |
| Fertigstellung | 2024 |
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