Ruine als Ressource
Sommerhaus im Selbstbau von Lenka Milerová in Tschechien
Die Architektin Lenka Milerová verwandelte einen alten Schweinestall im tschechischen Panoší Újezd in ein rustikales Wochenendhaus. Im Sinne der Datschenkultur entstand in Eigenregie und Hand in Hand mit der Bauherrin eine zirkuläre Architektur aus Bestand und Beton.
Lenka Milerová ist Architektin und stammt aus einer ländlichen Region im Westen Tschechiens, in der ihre Eltern noch immer leben. Sie studierte in Prag, gründete ein Studio in der Hauptstadt – und erhielt eines Tages eine Nachricht aus ihrer Heimat. Eine Nachbarin aus dem Dorf Panoší Újezd besaß ein großes Grundstück mit einem alten Haus und einem kleinen Schweinestall. Da sie sich die nötige Modernisierung nicht leisten konnte, ließ sie sich eine alternative Lösung einfallen.
Sie entschied sich, nur einen Teil des Gartens und den Stall zu behalten und den Rest zu verkaufen, um ein einfaches Sommerhäuschen bauen zu können. Dafür suchte sie eine Architektin, die den Stall mit dem begrenzten Budget sowie unter Einbindung des Bestands und der vorhandenen Ressourcen modernisieren sollte. „Sie kontaktierte mich, weil ich aus derselben Region stamme. Ursprünglich sollte ich nur ein großes Fenster für den Hauptraum entwerfen. Gemeinsam entschieden wir jedoch, das gesamte Projekt in einer rohen, industriellen Architektursprache zu entwickeln“, erinnert sich Milerová.
Bauen mit einfachsten Mitteln
Die beiden Frauen formulierten gemeinsam einige wenige, dafür umso konsequentere Prinzipien. Das Haus sollte zirkulär gebaut werden: Jeder Stein sollte erhalten und wiederverwendet werden. Beton und Stahl wurden zu den prägenden Materialien. Gebaut wurde mit einfachsten Mitteln, gemeinsam mit wenigen Handwerkern und, wo immer möglich, in Eigenleistung. Aus diesen Entscheidungen ergab sich zwangsläufig eine klare architektonische Sprache. Der Bestand wurde freigelegt, Konstruktionen blieben sichtbar und es wurde bewusst auf bauliche Kosmetik verzichtet.
Die Natursteinwände des ehemaligen Schweinestalls konnten erhalten werden. Neue Fensteröffnungen wurden präzise in das Mauerwerk eingeschnitten. Ein Zementspritzbewurf schützt die Wände und Betonlaibungen fassen die Öffnungen ein. Im Inneren gehen die Fensteröffnungen direkt in eine an den Wänden durchlaufende Bank über, die mehrere Funktionen verbindet. Im Wohnbereich dient sie als Sitznische mit Blick in den Garten. Am Kopfende des Hauses, wo ein Bad eingefügt wurde, nimmt sie eine eingelassene Badewanne auf. Unter dem Podest verbirgt sich schließlich Stauraum, der als trockener Ort für Brennholz genutzt wird.
Schrittweise Transformation
Die Modernisierung des Sommerhauses erstreckte sich über einen Zeitraum von drei Jahren. Sie erfolgte nicht im Rahmen eines linearen und getakteten Bauprozesses, sondern als behutsam entwickeltes Gemeinschaftsprojekt. Zunächst wurden die grundlegenden baulichen Maßnahmen umgesetzt, um das Gebäude wieder in einen nutzbaren Zustand zu versetzen. Aus dieser Situation heraus entwickelten sich direkt vor Ort weitere Aufgaben – von der Gestaltung des Gartens bis hin zur Außenküche. Jedes Element entstand im Dialog mit dem Ort und fügte sich wie selbstverständlich ein.Entsprechend der Nutzung als Sommerhaus waren die technischen Installationen minimal: Es gibt Strom, aber keine Heizung. „Wir konzentrierten uns darauf, nur die wesentlichsten Anforderungen zu lösen: die Temperierung des Gebäudes im Winter und die Belüftung des Bodens. Alle übrigen Eingriffe waren von den üblichen Anforderungen an den Wärmeschutz ausgenommen. Da eine wärmebrückenfreie Konstruktion nicht erforderlich war, eröffnete sich ein Höchstmaß an gestalterischer Freiheit“, resümiert Milerová.
So viel wie nötig, so wenig wie möglich
Die zurückhaltende und uneitle Umsetzung ist als zeitgenössische Interpretation der traditionellen Datsche zu verstehen. Die Architektur dieser Häuser war schon immer stark von der Verfügbarkeit von Materialien, der Selbstbaukultur und der Freizeitnutzung geprägt. Sie hat sich also aus dem Ort heraus und gemäß den individuellen Anforderungen der Nutzer*innen entwickelt.
Auch das Panoší Újezd Summer House folgt dieser Logik. Eingebettet in das Gefüge eines Dorfs, als Teil eines größeren Ensembles und hervorgegangen aus der behutsamen Modernisierung eines Bestandsbaus, interpretiert es das traditionelle Garten- oder Gästehaus neu – selbstverständlich, unprätentiös und im Einklang mit der Atmosphäre des Orts. Die Materialwahl zeigt, wie konsequent dieser Ansatz verfolgt wurde: „Für den Bau benötigten wir im Grunde nur Bewehrungsstahl, Betonsäcke, Naturstein und Holz für die Schalungen. Ich bin sehr froh, dass sich die Bauherrin schon früh für die Sanierung des bestehenden Gebäudes entschieden hat. Mit einem Neubau wäre eine ähnlich warme und behagliche Atmosphäre kaum zu erreichen gewesen“, meint Lenka Milerová.
FOTOGRAFIE Radek Šrettr Úlehla Radek Šrettr Úlehla
| Projektname | Panoší Újezd Summer House |
| Architektur | Lenka Milerová |
| Gebäudetyp | Ferienhaus |
| Bauvorhaben | Umbau |
| Fläche | 22 Quadratmeter |
| Ort | Panoší Újezd, Tschechien |
| Fertigstellung | 2024 |
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