Das Erbe des Freibeuters
Restaurierung eines Stadthauses in Katalonien von Raúl Sánchez
Das herrschaftliche Haus eines berühmten Vorfahren im katalanischen Mataró sollte aufgrund von Altersspuren und veränderten Nutzungsbedürfnissen umfassend saniert werden. Raúl Sánchez Architects verbanden die Restaurierung der historischen Räume mit neuen Wohn- und Arbeitsfunktionen.
Wie erhält man ein wertvolles Erbe, ohne dass es einen erstickt? Vor dieser Frage stand der Designer und Kulturschaffende Manuel Cuyàs, der von seinen Vorfahren ein historisches Stadthaus im katalanischen Mataró geerbt hatte. Erworben wurde es im Jahr 1865 von einem besonders schillernden Familienmitglied: Antoni Cuyàs war Seemann, Offizier, Freibeuter und erfolgreicher Geschäftsmann, der nach Jahrzehnten in Südamerika als reicher Mann in seine Geburtsstadt zurückkehrte.
Ein Haus mit Geschichte
Seine neue Residenz ließ Antoni Cuyàs mit einem herrschaftlichen Interieur ausstatten. Der große Salon genügte auch gehobenen Repräsentationsansprüchen. Insbesondere die reich ornamentierte und bemalte Decke zeugt vom Wohlstand, den der Spanier erworben hatte. Die Wände ließ er mit Verkleidungen versehen und mit wertvollen Tapeten schmücken. Der Boden wurde mit roten und weißen Terrakottafliesen belegt. Im anschließenden Esszimmer blieb bis heute eine reich beschnitzte Wandtäfelung erhalten.
Nach mehr als eineinhalb Jahrhunderten intensiver Nutzung waren die Innenräume jedoch abgewohnt und benötigten eine tiefgreifende Renovierung. Anpassungen an den technischen Fortschritt waren teils nur unbefriedigend erfolgt. So führten etwa die Stromkabel der Beleuchtung offen über die prachtvolle Salondecke. Zudem hatten der heutige Eigentümer Manuel Cuyàs und seine Ehefrau Bedürfnisse, die die Räume in der bestehenden Form nicht erfüllten: Da beide den Salon auch als Büro nutzen wollten, fehlten ihnen dort gut gestaltete Arbeitsplätze.
Eine Restaurierung, die die Veränderung spürbar lässt
Um diese Defizite zu beseitigen, wandte sich das Ehepaar an Raúl Sánchez Architects aus Barcelona. Den Architekt*innen gelang der Spagat, den Bestand bestmöglich zu konservieren und trotzdem die Wünsche der neuen Bewohner*innen zu erfüllen. Selbst eine Klimaanlage konnte eingebaut werden, ohne dass sie den Raumeindruck stört. Zunächst aber setzten die Planer*innen das historische Interieur behutsam instand, wobei sie auch vorangegangene Veränderungen in der einen oder anderen Form sichtbar beließen. So blieben etwa Wandschlitze, die für elektrische Kabel ausgestemmt worden waren, oder Fehlstellen im historischen Fliesenboden erhalten. Entfernt wurde dagegen eine nachträglich verlegte Fliesenbordüre im Salon, die zuvor den historischen Boden einfasste. Sie wurde durch elastischen Mikrozement ersetzt, der die Bewegungsprozesse der alten Baustoffe nachvollziehen kann. Gleichzeitig eröffnete dieser Bodenbelag in den Randzonen des Raums die Möglichkeit, technische Installationen zu verlegen. Sie werden hinter den neuen Einbauten, dem sichtbarsten Zeugnis des Umbaus, in die Höhe geführt.
Ein Podest ermöglicht neue Nutzungen
Vor eine Längswand des Salons stellten Raúl Sánchez Architects ein großes Podest aus Edelstahl, das gleich mehrere Funktionen erfüllt: In der Mitte bildet es eine breite Polstersitzgruppe aus, an beiden Seiten ist jeweils ein Schreibtisch integriert –komplett mit Steckdosen und einem Schubladenelement. Auch Radiatoren wurden im Podest untergebracht.
Die gegenüberliegende Längswand wird durch Fenstertüren dreigeteilt. Jedem Wandabschnitt haben die Gestalter*innen in voller Breite ein Sideboard vorgestellt. Die halbhohen Schrankmöbel wurden ebenfalls aus Edelstahl gefertigt und sind mit Türen verschlossen. Im mittleren Wandabschnitt ist über dem Sideboard ein bis an den Deckenansatz reichender Spiegelschrank platziert. Hinter seinen Falttüren befindet sich unter anderem ein Fernsehgerät. Innen ist der Spiegelschrank in einem glänzenden Hellgelb lackiert. Ein runder Kaffeetisch, den das Team von Raúl Sánchez Architects entworfen hat, greift diese Farbe auf und trägt sie ins Zentrum des Raums.
Kontraste im Speisezimmer
Die Eingriffe im anschließenden Speisezimmer waren geringer – nicht zuletzt, weil dieser Raum keine zusätzlichen Funktionen erfüllen musste. Neu ist dort ein Bücherregal aus Edelstahl, das sich über eine gesamte Längswand erstreckt. Es bildet einen spannenden Kontrast zu der halbhohen Täfelung aus dunklem Holz mit reizvollen vegetabilen Schnitzereien und eingesetzten hellgrünen Fliesen. Der Raum erhielt zudem einen neuen Holzboden, dessen Farbe mit der Täfelung harmoniert. Das Zentrum des Raums bildet nun Carlo Scarpas Orseolo-Tisch in leuchtendem rotem Lack. Als Bestuhlung dazu wurde Mario Bellinis Cab in dunkelbraunem Leder gewählt.
Der Degen des Vorfahren
Auch den schmalen Eingangsflur haben Raúl Sánchez Architects umgestaltet. Er wurde von späteren Einbauten befreit und erstrahlt heute in seinem mittleren Abschnitt in einem kräftigen, warmen Rot, in den beiden seitlichen Abschnitten in einem hellen Pastellgrün. Blickfang im Eingangsbereich ist ein Degen, der in einer hängenden Vitrine am Durchgang zum Salon ausgestellt ist. Er gehörte einst dem furchtlosen Antoni Cuyàs, dessen Stadthaus seine Nachfahren nun so sorgsam instand gesetzt haben.
FOTOGRAFIE José Hevia José Hevia
| Bauzeit: | Februar-Oktober 2025 |
| Kunde: | Privat |
| Architekten: | Nerea Moya, Marta Gámiz, Flavia Thalisa Gütermann |
| Bebaute Fläche: | 100 Quadratmeter |
| Metallarbeiten: | Metal Ware |
| Esszimmermöbel: | Orseolo Tisch von Carlo Scarpa, CAB 413 Stühle von Mario Bellini, beides für Cassina |
| Wohnzimmermöbel: | Aluminiumstuhl von Charles und Ray Eames für Vitra, Gelber Lacktisch, designed von Raul Sanchez |
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