Glutroter Kokon
Reihenhaus-Modernisierung von Pablo Sanchez Lopez in London
Im Londoner Stadtteil Walthamstow hat der Architekt Pablo Sanchez Lopez ein viktorianisches Reihenhaus mit gezielten Eingriffen in ein gut belichtetes Zuhause verwandelt. Abends schirmt ein raumhoher Vorhang die Bewohner*innen von der Straße ab und sorgt für Lagerfeuermomente am Esstisch.
Auf den ersten Blick sah das schlanke, viktorianische Reihenhaus im Londoner Stadtteil Walthamstow nicht aus wie der Stoff, aus dem Architektenträume sind. Durch einen Vorbau aus billigem PVC gelangte man in ein dunkles Erdgeschoss. Die funktionale Treppe in die erste Etage zog durch ihre Platzierung in der Raummitte des Wohnzimmers alle Blicke auf sich. Nach hinten gab es zwar einen Garten, aber keinen Ausblick, da die Sicht durch einen Wintergarten versperrt war. In der ersten Etage wartete dann ein langer, dunkler Flur, der in drei ungünstig geschnittene Schlafzimmer und ein zu kleines Familienbad führte.
Diese räumlichen Bedingungen gingen auf eine Modernisierung aus den 1970er-Jahren zurück. Der Architekt Pablo Sanchez Lopez, der mit dem Umbau beauftragt wurde, beschreibt den damaligen Zustand des Wohnhauses als „unsensible Neugestaltung“. Für ihn sind solche baulichen Voraussetzungen allerdings weniger eine ästhetische Irritation als vielmehr eine planerische Herausforderung – und eine gute Gelegenheit, Innen- und Außenraum wieder in einen Dialog zu bringen. Am Anfang des Projekts stand die Frage, mit welchen Eingriffen sich die räumlichen Potenziale des Bestands herausarbeiten lassen.
Fassade aus Eukalyptus
Nach Stationen in Madrid und Paris gründete der in Spanien geborene Architekt im Jahr 2020 sein Studio PSL in London. Dort spezialisierte er sich auf den Umbau und die Sanierung von Bestandswohnbauten. Dabei arbeitet er stets budgetbewusst, nachhaltig und respektvoll gegenüber der Geschichte des Orts. Bei dem langen, schmalen Grundriss in Walthamstow war Lopez’ erste Maßnahme eine konsequente Öffnung des Raums. Dazu wurde die zentrale Treppe demontiert und an der Wand hinter dem Eingang neu positioniert.
Zudem wurden sämtliche Wände zwischen der Straßenseite und dem Garten entfernt. So fällt nun Tageslicht von zwei Seiten in das Erdgeschoss, das durch ein Oberlicht zusätzlich erhellt wird. Der provisorische Wintergarten wurde durch einen neuen Anbau ersetzt, der den Bereich hinter der Küche zu einem großzügigen Wohnraum erweitert. Im seitlichen, nicht überbauten Abschnitt überspannt ein schräges Glasdach mit sichtbaren Holzsparren den Raum. Auch der unattraktive Windfang vor der Haustür wurde entfernt. An seine Stelle trat eine Holzkonstruktion aus Red Grandis, einem Eukalyptushartholz mit warmer, kupferfarbener Tönung, das mit dem ziegelroten Mauerwerk harmoniert.
Zwischen Sicht und Schutz
Das neue Antlitz des Hauses ist sozusagen die Visitenkarte für das neue Interieur. Lopez setzte auf wenige, aber kontrastreiche Farben und ausgesuchte Materialien, die mit dem Charakter der Architektur korrespondieren. Die gegenüber der Treppenwand platzierte Küchenzeile ist waldgrün, ebenso wie die Türen unter der Treppe, hinter denen sich Stauraum und das Gästebad befinden. Ergänzend lackierte Lopez die sichtbaren H-Stahlträger in derselben Farbe. Wände und Boden hingegen sind neutral gehalten: Die Wände wurden in einem Eierschalton gestrichen und es wurden großformatige Feinsteinzeugfliesen mit Kieseleinschlüssen im Stil eines dezenten grauen Terrazzo verlegt.
Und obwohl konsequente Offenheit die Grundlage des gestalterischen Konzepts ist, hat der Architekt einen zusätzlichen Kniff installiert. Denn gerade in den Abendstunden, wenn das Haus mit seiner Innenbeleuchtung zum Schauraum für Passant*innen wird, können die Bewohner*innen jederzeit Privatsphäre herstellen. Vor Treppe, Eingang und Frontfenstern verläuft eine durchgängige Vorhangschiene, in die raumhohe, schwere Vorhänge in Oxidrot eingehängt wurden. Geschlossen sorgen sie nicht nur für eine Abschirmung nach außen, sondern schaffen im Inneren auch einen Kokon rund um den Essbereich. Dieser übernimmt dadurch die Aufgabe eines Stimmungstransformators: Mit nur einem Handgriff wird das nüchterne Entree zu einer textilen Höhle, die die Farb- und Lichtatmosphäre eines Lagerfeuermoments erzeugt.
FOTOGRAFIE Lorenzo Zandri Lorenzo Zandri
| Projektname | Walthamstow House |
| Entwurf | Pablo Sanchez Lopez |
| Ort | Walthamstow, London, UK |
| Fertigstellung | 2025 |
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