Sensibel, aber kompromisslos
Ferienhaus von STEINBAUER architektur+design in Waidmannsbach
Zwischen Fichtenwald und steilem Berghang sanierte das Büro STEINBAUER architektur+design ein altes Bauernhaus in den niederösterreichischen Kalkalpen. Rückgrat des Umbaus ist ein monolithischer Betonzubau, der zugleich als Wohnraumerweiterung und Hangsicherung dient.
Die Streusiedlung Waidmannsbach liegt verborgen zwischen dicht bewaldeten Hängen in einem abgeschiedenen Tal. Zwischen schmaler Straße, Bachufer und etwas Wiese, steht dort ein kleines Bauernhaus mit Krüppelwalmdach, das seit mehreren Generationen innerhalb der Familie weitergegeben wird. Die Ursprünge des Gebäudes reichen beinahe 200 Jahre zurück. So märchenhaft die Postkartenszenerie auch wirkt – der Berg begann dem Haus über die Jahre buchstäblich immer näher zu rücken. Über Jahrzehnte hinweg wurde der Bestand durch nachträgliche Anbauten, frühere Instandsetzungsversuche und vor allem durch drückendes Hangwasser zunehmend beschädigt.
Beton statt Almhüttenromantik
Anders als es die traditionsbewusste Alpenregion suggerieren könnte, reagierte das Planungsteam von STEINBAUER architektur+design darauf nicht mit einer reinen Restaurierung, sondern mit einem sensiblen, aber kompromisslosen architektonischen Eingriff. Sämtliche späteren Anbauten wurden entfernt, ebenso die stark beschädigte bergseitige Längswand des Hauses. An ihrer Stelle schiebt sich heute ein schmaler, 15 Meter langer Betonriegel in das Erdreich. Der Neubau stabilisiert die erodierte Hangzone, leitet Wasser kontrolliert ab und erweitert zugleich die Wohnfläche des Hauses um etwa zwei Meter in den Hang. Trotz dieser massiven infrastrukturellen Aufgabe bleibt die historische Figur des Gebäudes erstaunlich präsent.
Von der Talseite wirkt das HÄUSL – so nennt es die Familie liebevoll seit eh und je – weiterhin archetypisch. Die weiß gekalkte Fassade, das steile Dach und die regelmäßig gesetzten Fensteröffnungen bewahren die ursprüngliche bäuerliche Typologie. Erst aus seitlichen Blickwinkeln beziehungsweise von oben wird der Eingriff sichtbar. Und auch dann tritt der sandgestrahlte Beton zurückhaltend auf.
Licht aus dem Berg
Im Inneren haben die Planer*innen den Grundriss deutlich aufgeräumt: Wie vor dem Umbau bleibt die traditionelle Stube der wichtigste Raum des Hauses. Freigelegte Holzbalkendecken, recycelte Schiffböden aus Altholz und weiß gekalkte, unebene Wände bewahren die Atmosphäre des historischen Bestands. Zum eigentlichen organisatorischen Zentrum des Projekts wird der Raum jedoch durch die hangseitige Erweiterung. Dort ersetzt eine lange Küchenzeile aus Edelstahl die früheren kleinteiligen Nebenräume. Zu beiden Seiten des Wohnbereichs werden zwei nahezu identische Schlafräume erschlossen, die durch den Zubau jeweils eigene Badezimmer erhielten.
Die klar lesbare visuelle Grenze zwischen Alt und Neu bildet den gestalterischen Anker des Projekts. Die historische Seite der Räume wirkt warm und organisch gewachsen. Im Kontrast dazu erscheint der Neubau aus sandgestrahltem Sichtbeton, schwarzem Gussasphalt und geschliffenem Edelstahl kühl und akkurat. Verstärkt wird dieser Gegensatz durch die Beleuchtung: Während die Bestandsseite vom warmen Seitenlicht der sanierten Kastenfenster geprägt ist, fällt im Erweiterungsbau zenitales Tageslicht über lineare Oberlichter tief in den Raum hinein. Dadurch beginnen die grobkörnigen Betonoberflächen leicht zu schimmern. Die Metallfronten reflektieren die Strahlen diffus und selbst die dunklen Asphaltböden erhalten eine unerwartete Tiefenwirkung. Zugleich ermöglichen die Überkopföffnungen eine natürliche Querdurchlüftung aller Räume.
Vereinende Trennung
Mit dem HÄUSL versöhnen die Architekt*innen Alt und Neu durch einen präzisen Schnitt miteinander. Es muss nichts verschmelzen. Der historische Bestand darf bleiben, was er ist: niedrig, etwas krumm, atmosphärisch. Der neue Betonkörper dagegen übernimmt stoisch jene technischen und konstruktiven Aufgaben, die das alte Bauernhaus allein längst nicht mehr leisten konnte. Beide Seiten geben einander Raum und bleiben dennoch sauber voneinander getrennt. Gerade dadurch sind sie innig miteinander verbunden.
FOTOGRAFIE MW-Architekturfotografie MW-Architekturfotografie
| Projektname | HÄUSL. |
| Entwurf | STEINBAUER architektur+design |
| Bauaufgabe: | Sanierung und Erweiterung eines Ferienhauses |
| Grundstücksfläche: | 648 Quadratmeter |
| Nutzfläche: | Bestand 50 Quadratmeter / Zubau 25 Quadratmeter |
| Fertigstellung | 2026 |
| Dach: | Resch Dach |
| Fenster und Innentüren: | SEMO Tischlerei und Manufaktur |
| Küche: | Breitenthaler |
| Boden: | ARGE Gussasphalt |
| Glas: | Eichberger Glasbau |
Mehr Projekte
Luftige Hülle
Nachhaltiger Neubau von Peter Besley in Brisbane
Eine eigene Welt
Großzügiger Umbau eines schmalen, viktorianischen Reihenhauses in Sydney von Studio Carson Kelly
Ungleiche Zwillinge
Neubau mit Nähe zur Nachbarschaft von Wadhal in London
Glamping in Japan
Naturnahes Tiny House aus heimischem Holz von Pan-Projects
Radikale Wunderkammer
Ein Rundgang durch das Apartment MOM von J. Mayer H. in Berlin
Geheilter Bestand
Umbau und Erweiterung eines Fuhrwerkerhauses in Düsseldorf von Nidus
Im Rhythmus des Alltags
Unkonventioneller Umbau in Barcelona von Skye Maunsell und Jordi Veciana
Neubau mit Seele
Wohnhaus der Innenarchitektin Julie Thiers in Flandern
Spuren im Bestand
Umbau einer Villa in Posen von Adam Wierciński
Mehr Raum als Quadratmeter
Wohnungsumbau Casa JAM von gon architects in Madrid
Salbeigrün in Florenz
Sanierung einer historischen Villa in Florenz von bucci quentin
Hierarchie in Blockfarben
Apartment für zwei in Mailand von Marabelli Marongiu Architetti
Das Erbe des Freibeuters
Restaurierung eines Stadthauses in Katalonien von Raúl Sánchez
Klangfarben des Wohnens
Apartment in Minsk für einen Musikliebhaber von Mihail Kurnosov
Alles in Butter
Constanze Ladner kleidet eine Wohnung bei Wiesbaden in sanftes Gelb
Wohnen im Werden
Tifliser Hausmodernisierung von David und Alexander Brodsky
Hinter die Fassade geschaut
Umbau in Ostflandern: Objekt Architecten im Dialog zwischen Tradition und Moderne
Fort im Forst
Ringbau von Fernanda Canales im mexikanischen Valle de Bravo
Räume ohne Raster
Ein radikal geöffneter Grundriss von RDTH architekti in Prag
Wohnen in der Beletage
Umbau einer Altbauwohnung in Charlottenburg von Batek Architekten
Grauzone mit Aussicht
Puristisches Rooftop-Apartment von unprofessional.studio in Taipeh
Generationswechsel im Siedlungshaus
atelier brum baut Kölner Reihenhaus in offenen Wohnbau um
Transluzenter Blockbau
Wohnturm aus Glas und Gitter von Studioninedots in Amsterdam
Skulpturaler Unterschlupf
Nachhaltige Holzhütte in den Pyrenäen
Helix aus Stahl
Architettura Tommasi gestaltet Loft in historischem Adelspalast in Padua
Glutroter Kokon
Reihenhaus-Modernisierung von Pablo Sanchez Lopez in London
Beton und Behaglichkeit
BekArch transformiert eine Prager Backstube in ein helles Studio-Apartment
Urbaner Lückenfüller
Zwei Wohnbauten von Pend in Edinburgh
Fifty Shades of Marble
Mistovia verwandelt einen Krakauer Rohbau in ein Zuhause mit Atelier
Haus der Gegensätze
Architektura baut in der Nähe von Prag ein ungewöhnliches Familiendomizil im Wald