Klangfarben des Wohnens
Apartment in Minsk für einen Musikliebhaber von Mihail Kurnosov
Für einen jungen Musikliebhaber entwarf der Architekt Mihail Kurnosov in Minsk eine Wohnung, die sich trotz überschaubarer Größe nicht auf einen Blick erschließt. Farbige Volumen, maßgefertigte Möbel und Referenzen an analoge Synthesizer der 1970er-Jahre prägen das Interieur.
Das 63 Quadratmeter große Apartment befindet sich im vierten Obergeschoss eines Mehrfamilienhauses im Wohnquartier Levada in Minsk. Als der Bauherr die Immobilie erwarb, befand sie sich noch im Ausbauzustand des Bauträgers. Der Architekt Mihail Kurnosov entwickelte einen neuen Grundriss, der die Wohnung in drei Zonen gliedert: einen Eingangs- und Hauswirtschaftsbereich, einen gemeinsamen Wohn- und Kochraum sowie ein Schlafzimmer. Letzteres lässt sich ebenso wie das Bad durch eine Tür verschließen, ansonsten bleibt alles offen. Anstelle vieler kleiner Räume prägen großformatige Einbauten und klar definierte Volumen die Organisation der Wohnung.
Anti-Delivery-Person
Ein vollständig in Blau gehaltener Eingangsraum bildet das Entree der Wohnung. Dort sorgt ein trapezförmiges Spiegelmodul für optische Weite. Der Blick in die Wohnung wird durch Einbauschränke abgeschirmt, die nicht nur Platz für die Garderobe bereithalten, sondern auch die Haustechnik sowie Hauswirtschaftsgeräte aufnehmen. Mihail Kurnosov bezeichnet dieses Prinzip als „Anti-Delivery-Person“-Konzept. Die Wohnung soll sich nicht für jeden, der vor der Tür steht, auf einen Blick erschließen, sondern ihre Räume erst schrittweise offenbaren. Gegenüber der Eingangstür hängt ein Gemälde des belarussischen Künstlers Gennady Duk.
Synthesizer in der Küche
Der Wohn- und Kochbereich bildet das Zentrum der Wohnung. Dort übertrug Kurnosov die Interessen des Bauherrn in das Interiordesign. Der Auftraggeber ist musikbegeistert und spielt selbst Klavier. Als gestalterische Referenz dienten dem Architekten Ambient-Kompositionen und analoge Synthesizer der 1970er-Jahre. Besonders deutlich wird dieser Bezug in den Oberschränken der Küche. Ihre rhythmische Gliederung erinnert entfernt an die Anordnung einer Klaviatur. Ein goldfarbener Hochschrank durchbricht die Komposition. Kurnosov versteht ihn als räumliche Entsprechung der Tonika – jener Grundnote, auf die sich ein Musikstück harmonisch bezieht. Die Front besteht aus Edelstahl mit Titannitrid-Beschichtung, die der Oberfläche ihre charakteristische goldene Färbung verleiht.
Möbel als Raumkörper
Die Küche selbst ist als großformatiger grüner Einbaukörper ausgebildet. Eine lineare Küchenzeile wird durch eine Insel mit zusätzlichen Stauraummodulen und integriertem Backofen ergänzt. Gegenüber schließt der Wohnbereich an. Dort gruppieren sich die modularen Sofaelemente Zavalinok und der Beistelltisch Stoik zu einer flexibel nutzbaren Sitzlandschaft. Beide Möbel stammen von Kurnosovs eigenem Label ZAPAZUHA. Hinter einer großformatigen Schiebetür aus korallenfarbigem Glas der japanischen Marke AGC verbirgt sich eine Bibliothek mit Literatur zu Kunst, Architektur, Design und Ballett. Keramiken des belarussischen Designers Yuri Alekhno und Kunstwerke des Malers Kirill Khlopov ergänzen die Einrichtung.
Das Schlafzimmer wird von einem einzigen Möbelstück geprägt. Über die gesamte Breite der Stirnwand erstreckt sich das Bett Ramp, ebenfalls ein Entwurf aus Kurnosovs eigener Kollektion. In das gepolsterte Kopfteil sind Nachttische, Beleuchtung und technische Anschlüsse integriert. Seine Form geht auf eine ungewöhnliche Inspirationsquelle zurück: die Verladerampe eines sowjetischen Lebensmittelgeschäfts. Gegenüber dem Bett findet ein Synthesizer seinen Platz.
Das Hygienemodul
Das Badezimmer entwickelt innerhalb der Wohnung eine eigene Farb- und Materialwelt. Wandflächen mit Fliesen in einem bräunlichen Terrakottaton schaffen einen warmen Kontrast zu den angrenzenden Bereichen, in denen Primärfarben dominieren. Der Fußboden besteht aus grauen Terrazzofliesen. Mittelpunkt des Raums ist ein von Kurnosov entworfenes „Hygienemodul“: ein schwebender Einbau mit integriertem Waschtisch, Stauraum und verdeckten Steckdosen. Wie viele Elemente des Projekts fasst auch dieses Möbel mehrere Funktionen in einem einzigen Volumen zusammen.
Farbe als Raumkonzept
Eine zentrale Rolle im gesamten Projekt spielt die Farbgestaltung. Kurnosov nutzt sie nicht nur als dekorative Ergänzung, sondern als Mittel zur Identifikation der einzelnen Bereiche. Der blaue Eingangsraum, die grüne Küche, die warmen Terrakottatöne des Badezimmers und die dunkelblauen Einbauten im Schlafzimmer verleihen den Räumen jeweils einen eigenen Charakter. Gleichzeitig verbinden wiederkehrende Akzente in Koralle- und Lachstönen die unterschiedlichen Zonen zu einem zusammenhängenden Ganzen. Ergänzt wird die Farbigkeit durch vergleichsweise wenige Materialien: Mikrozementboden im Entree, keramische Oberflächen im Bad sowie ein durchgehender Holzboden in Wohn- und Schlafräumen bilden die ruhige Grundlage des Interiordesigns.
Für Mihail Kurnosov stand vor allem die Atmosphäre im Mittelpunkt des Entwurfs. Das Ergebnis ist eine Wohnung, die sich weniger über maximale Offenheit oder Flexibilität definiert als vielmehr über eine präzise gestaltete Raumfolge. Architektur, Möbel, Kunst und Produktdesign greifen dabei eng ineinander und formen ein Interieur, das die Handschrift seines Entwerfers konsequent bis ins Detail fortführt.
FOTOGRAFIE Andrey Kot
Andrey Kot
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