Hinter die Fassade geschaut
Umbau in Ostflandern: Objekt Architecten im Dialog zwischen Tradition und Moderne
In der belgischen Gemeinde Wichelen verbirgt sich hinter den alten Mauern eines ländlichen Einfamilienhauses ein moderner Innenausbau von Objekt Architecten. Dominante Material- und Farbkontraste zonieren die Räume im Huis Lamat und betonen einzelne Architekturelemente.
Das belgische Büro Objekt Architecten wurde damit beauftragt, einen bestehenden Wohnbau in Wichelen in der Provinz Ostflandern umzubauen. Hinter der vertrauten Erscheinung eines historischen Einfamilienhauses mit Ziegelfassade und Satteldach zeigt sich nun ein überraschend zeitgenössisches Interieur. Statt nostalgischer Rekonstruktion ist ein Dialog zwischen Tradition und Moderne entstanden.
Historische Hülle
Der Bestandsbau war im Neostil errichtet worden. Diese architektonische Strömung des 19. Jahrhunderts referenzierte Stilelemente vergangener Epochen und interpretierte sie neu, nicht zuletzt um durch die Verwendung dekorativer Elemente den Status der Bauherrschaft zu unterstreichen. Beim Umbau des Gebäudes blieb die repräsentative Fassade weitgehend erhalten. Der zuvor durch Feuchteschäden beeinträchtigte Treppengiebel wurde sorgfältig in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Zur Gartenseite wurde ein geschossübergreifendes Fenster eingefügt, um einen großzügigen Blick in die Umgebung zu bieten. Die überdimensionierte Öffnung hebt sich bewusst vom Bestand ab, was sich auch in der Detaillierung als Ganzglasfenster ablesen lässt, das außen vor der Fassade angeordnet ist.
Neuer Kern
Was zunächst wie ein behutsam saniertes Gebäude wirkt, entpuppt sich im Innenraum als mutige räumliche Transformation: Die bestehende Geschossdecke des Wohnbereichs wurde entfernt, um einen offenen, lichtdurchfluteten Raum zu schaffen, der sich bis unter den Dachfirst erstreckt. Als markantes raumgreifendes Bauteil wirkt eine neue abgerundete Zwischendecke aus Ortbeton, die als Scheibe in den offenen Raum hineinragt. Während sich auf der unteren Ebene Küche und Essbereich befinden, bietet die Zwischenebene Platz für einen intimen Wohnbereich.
Ambivalenz im Entwurf
Im Erdgeschoss arbeitet das Projekt mit klaren räumlichen Abgrenzungen. Statt trennender Wände werden Küche und Essbereich durch einen halbhohen bepflanzten Raumteiler und einen kühnen Materialwechsel im Fußboden voneinander separiert. Blaugrüne Fliesen mit quadratischem Format, die ein wenig an ein Schwimmbad erinnern, ziehen sich aus dem Flur in den gesamten Küchenbereich und umhüllen auch den Pflanztrog. Für den Essbereich wurde dagegen ein Parkettboden mit warmer Holzoberfläche gewählt, der für ein wohnliches Ambiente sorgt. Die Betonoberflächen der Deckenscheibe zeigen die raue Textur der Schalung. Das sichtbare Stahltragwerk aus Trägern und schmalen Stützen sowie die Brüstung der Zwischenebene sind im Kontrast zum grauen Beton rot abgesetzt.
Das Huis Lamat überzeugt durch seine Ambivalenz: Gegensätze zwischen warm und kühl, rau und glatt, Vergangenheit und Gegenwart. Der bauliche Eingriff steht nicht im Widerspruch zum historischen Bestand, sondern lässt durch die Spannung zum Vorhandenen neue Qualitäten entstehen.
FOTOGRAFIE Ypsilon, Yann Deschepper
Ypsilon, Yann Deschepper
| Gebäudefunktion: | Einfamilienhaus |
| Fläche: | 306 m² |
| Fertigstellung: | :2023 |
| Hersteller: | Sapa, Seps, Studio Italia Design – Lodes, Wienerberger Koramic |
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