Transluzenter Blockbau
Wohnturm aus Glas und Gitter von Studioninedots in Amsterdam
Auf der Amsterdamer Insel Centrumeiland wird gemeinsam mit bauwilligen Bürger*innen Raum neu gedacht. Studioninedots hat mit dem „Light House” ein vertikales Wohnhaus aus gestapelten Raumvolumen realisiert, das zwischen Geselligkeit und Rückzug, Transparenz und Privatheit oszilliert.
Während die Niederlande durch den steigenden Meeresspiegel vom Versinken bedroht sind, schüttet Amsterdam neue Inseln auf, um über die bestehenden Stadtgrenzen hinauszuwachsen. Eine dieser Inseln ist Centrumeiland. Sie liegt östlich der Innenstadt im Ijsselmeer und ist über einen Straßendamm mit dem Festland verbunden. Was die 23 Fußballfelder große Insel zum Paradies für Häuslebauer*innen macht, ist das städtebauliche Konzept mit Nachhaltigkeitsambitionen. Die Stadt Amsterdam ermöglicht es den Bürger*innen, dort Grundstücke zu erwerben und Häuser nach eigenen Vorstellungen zu realisieren.
Aktuell entstehen Centrumeiland um die 1.500 Gebäude, darunter das bemerkenswerte Light House des Amsterdamer Architekturbüros Studioninedots. Es wurde für ein Paar mit zwei Kindern geplant, das aus der historisch gewachsenen Stadt auf die Pionierinsel umsiedeln wollte. Alles, was sie sich vom Entwurfsteam wünschten, waren eine kontextgerechte Lösung, also die Einbindung in das gerade entstehende Siedlungsmilieu, sowie ein familiengerechtes Raum- und Wohnkonzept. Neben diesen offen formulierten Bedingungen ließen sie Studioninedots freie Hand und gaben den Architekt*innen damit im Grunde eine gestalterische Carte blanche.
14 Meter Aufstieg
Bei ihrem Entwurf haben die Planer*innen außerhalb der Box gedacht, indem sie ausgerechnet in Boxen gedacht haben. Die Struktur des Hauses wurde nämlich in Volumen konzipiert und dann zusammengesetzt. Das ist von außen sichtbar – ein Modell des schlanken, hohen Wohnturms ließe sich problemlos aus Klemmbausteinen realisieren –, betrifft aber vor allem die innere Organisation. Die alltäglichen Aktivitäten der Familie wurden in Programmelemente wie Essen, Arbeiten, Zusammensein mit Freund*innen oder individuelles Entspannen unterteilt. Dann gestaltete das Team von Studioninedots für jede Tätigkeit einen in Dimension und Funktion passenden Raumkubus. Schließlich wurde das Haus als Cluster so zusammengesetzt, dass die Stellung der Boxen zueinander logisch und sinnvoll ist.
So entstand ein Komplex aus versetzten Volumen, die sich auch mal über mehrere Etagen öffnen. Das Herz des Hauses, die Küche, liegt im Erdgeschoss. Sie ist der geselligste Bereich mit viel Luftraum nach oben und direktem Anschluss an den Garten. Neben der Kücheninsel wurde sogar ein bodenbündiges Indoor-Beet integriert, in dem ein kleiner Baum gepflanzt wurde, der in den kommenden Jahren die gesamte Raumhöhe erobern kann.
Abstrakte Silhouetten
Der Aufstieg beginnt in der Küche und führt in der ersten Etage zu einem kleinen Haus im Haus. Das geschützte Volumen ist ein Refugium für die Bewohner*innen mit der Qualität einer wohnlichen Höhle, in der sie ungestört Yoga machen, Filme schauen oder einfach nur allein sein können. Alternativ geht es 14 Meter bis ganz nach oben in das sogenannte „Ferienhaus“. Es ist stärker auf gemeinschaftlichen Rückzug für die ganze Familie ausgerichtet, kann aber auch als Homeoffice genutzt werden.
Das hohe Zimmer mit seinen bodentiefen Fenstern erinnert nachts an den Laternenraum eines Leuchtturms, was den Projektnamen Light House erklärt. Mit seinen großformatigen Rundbogenfenstern öffnet es sich sowohl zur Stadt als auch zum Ijsselmeer, das sich hinter dem Gebäude befindet. Damit bildet das oberste Geschoss einen Kontrast zur unteren Hälfte des Hauses, die hinter einer durchgängigen Fassade aus Glasbausteinen liegt. Diese fluten die Räume großzügig mit Tageslicht, verzerren aber den Einblick von der Straße und den Ausblick zur Straße. Trotzdem findet keine konsequente Abschottung statt. Licht, Farbe, Bewegungen und grobe Silhouetten bleiben abstrakt wahrnehmbar und erhalten den Dialog zwischen außen und innen.
Nachhaltiger Grenzgänger
Bei der Gestaltung der Rückfassade wurde die Rasterstruktur der Bausteine aufgegriffen und mit einem Stahlgitter als einem weiteren industriellen Bauelement fortgeführt. In den unteren Etagen fungiert es als reine Fassadenverkleidung. Es umschließt den unteren Balkon und wird zum Geländer des oberen Balkons.
Die Gebäudekonstruktion mit standardisierten Modulen ist auch eine Nachhaltigkeitsstrategie, die die grünen Ambitionen von Centrumeiland erfüllt. Das System besteht aus einem Stahlrahmen, der mit vorgefertigten Holzelementen, Glasbausteinen und Gittern „gefüllt” wurde und dadurch leicht demontiert werden kann. „Mit dem Light House haben wir ganz bewusst Grenzen aufgelöst“, resümiert Wouter Hermanns, einer der Partner von Studioninedots. „Es verwischt das Gefühl von oben und unten, innen und außen, offen und geschlossen, um ein Haus zu schaffen, das unterschiedliche räumliche Erfahrungen und Formen der Interaktion inspiriert.“
FOTOGRAFIE Sebastian van Damme Sebastian van Damme
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