Domestic Dancefloor
Clubkultur in einem Berliner Apartment von Studio Karhard
Studio Karhard, bekannt für die ikonische Nachtarchitektur des Berghain, hat eine Neubauwohnung in Berlin einer radikalen Transformation unterzogen. Mit Glasbausteinen, Stahl und präzise platziertem Licht entstand ein industriell inspiriertes Interieur zwischen Mainfloor, Darkroom und Afterhour.
Während Altbauten mit Stuck, Flügeltüren, hohen Decken und handwerklichen Details ihren Charme und ihre Atmosphäre bereits mitbringen, gleicht der Neubau einer leeren Leinwand für das Interieur. Gerade für Projekte mit ausgeprägtem individuellem Charakter kann das ein entscheidender Vorteil sein. Jeder Stilkosmos lässt sich konsequent und ohne Kompromisse ausspielen.
Als sich ein amerikanisches Paar an Studio Karhard wandte und um die Gestaltung seiner Berliner Wohnung im Stil eines Nachtclubs bat, traf bauliche Offenheit auf eine passende gestalterische Handschrift. Denn mit Thomas Karsten und Alexandra Erhard standen keine Geringeren zur Verfügung als jene Gestalter*innen, die vor über 20 Jahren das Berghain entwarfen – lange Zeit als der beste Techno-Club der Welt gehandelt. Es ging also weder darum, eine deutsche Gemütlichkeit zu inszenieren, noch amerikanische Opulenz zu zitieren. Die Wohnung sollte ein internationaler und dabei identitätsstarker Ort werden, der industrielle Grandezza feiert.
Mainfloor
Die Kreuzberger Wohnung verfügte ursprünglich über zwei Zimmer. Mit Arbeitszimmer, Wohn- und Schlafraum sollten zukünftig drei Funktionsbereiche untergebracht werden – eine organisatorische Rechnung, die im Bestand nicht aufging. Studio Karhard löste daher die ursprüngliche Unterteilung auf und entwickelte ein neues Layout, das zugleich den Wunsch nach einer kommunikativen Küche und großzügigem Stauraum berücksichtigte.
Herzstück des Apartments ist das Wohnzimmer, an das sich die Küche anschließt. Es öffnet sich zum Balkon und wird von einer transluzenten Wand aus Glasbausteinen umarmt. Neben der Materialwahl, bestimmt von Stein, Stahl und Glas, folgt auch die Lichtinszenierung dem Metathema Clubkultur. Dunkle und helle Bereiche wechseln sich in der Wohnung kontrastbetont und dramatisch ab. So ist der Wohnraum eine helle und lichte Zone mit einem in Creme, Rot und Grau gesprenkeltem Terrazzoboden und weißen Wänden, deren Maincharacter eine mit rotem Samt gepolsterte Sofaskulptur ist. Sie legt sich entlang der Glaswand in die Kurve und ruht auf einer Basis aus mattiertem Stahl. Hinter ihr werden die Glasbausteine nachts zur Lichtwand, die für Loungeatmosphäre mit Discoqualitäten sorgt.
Darkroom
Die Darkrooms der Wohnung sind Schlaf- und Arbeitszimmer, die in Mattschwarz die Raumgrenzen verschwimmen lassen. Einbauschränke, Wandfarbe, Mobiliar, Ledervorhänge und selbst die Bettwäsche folgen dem monochromen Farbkonzept, das sich mit anderer Materialität im Gästebad fortsetzt. Korrespondierend zu clubtypischen Waschräumen ist es durchgängig mit Edelstahl verkleidet und mit passenden Sanitärobjekten aus Metall ausgestattet, während das größere und vor allem hell gestaltete Masterbad eher wie ein monastisches Architekt*innen-Spa wirkt. Zentrales Element ist ein monolithisches Waschbecken aus grünem Marmor, hinter dessen Rückwand die schwellenlose Dusche untergebracht ist. Ein Lieblingsplatz der Eigentümer*innen ist die freistehende Badewanne von Antonio Lupi. Sie besteht aus dunklem, durchscheinendem Acrylglas und ist dadurch ein indirekter Mitspieler des Lichtkonzepts: Wasser, Wanne und die dahinter stehende Lichtwand sorgen für Brechungen und Reflexionen.
Afterhour
Kühle Elemente wie Terrazzo, Marmor und Glas treffen auf mutige Akzente wie den wild gemusterten Kvadrat-Sesselbezug im Wohnzimmer oder die kleine gelbe Kaffeenische in der Stahlküche. Heimelige Gemütlichkeit wurde dort nicht gesucht, dafür ganz gezielt ein architektonisch präziser und materialehrlicher Grenzgang gewagt. Auf den 94 Quadratmetern der Wohnung sind Bereiche mit unterschiedlichen Raumstimmungen entstanden, die sich zusätzlich durch Licht und Dunkelheit feinsteuern lassen.
Küche und Wohnzimmer sind tagsüber eine helle Wohnlounge mit Ausblick auf die Linden vor den Fenstern, nachts treten zwischen Lichtlinien und Spots die industriellen Details in den Vordergrund und werden zum atmosphärischen Verbündeten des ins Interieur integrierten Soundsystems, das sich unter anderem im Sockel des Sofas verbirgt. Fehlt nur noch die Nebelmaschine. Die hätte der Designer Thomas Karsten eigentlich gern in der Gästetoilette aufgestellt. Aber auch ohne gelingt Studio Karhard ein konsequentes Interieur, das Wohnatmosphäre und Clubästhetik spannungsvoll in Balance bringt.
FOTOGRAFIE Robert Rieger Robert Rieger
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