Auf alles vorbereitet
Wohnanlage mit flexiblen Grundrissen von STAR strategies + architecture
Die Wohnanlage START-Ivry am Stadtrand von Paris erinnert auf den ersten Blick an eine typische Vorstadtsiedlung. Doch statt normierten Kleinwohnungen bietet das Projekt raffinierte und flexible Grundrisse, die fast jedem Nutzerbedürfnis gerecht werden wollen.
Heute bestehen Neubauwohnungen neben Schlaf- und Badezimmern zumeist nur aus einem Hauptraum, der die Funktionen von Küche, Essplatz und Wohnzimmer übernimmt. Dieser Allraum nimmt dann einen wesentlichen Teil der Wohnungsfläche ein und erschließt inzwischen oft sogar die gesamte Wohnung, um Platz für Flure einzusparen. Diese Art von Grundriss bietet jedoch meist nur wenig Flexibilität und kaum Möglichkeiten des Rückzugs – wichtig etwa, um von zu Hause aus zu arbeiten. Es fehlt häufig das, was heute als „Nutzungsoffenheit“ bezeichnet wird und bei vormodernen Wohnungen so beliebt ist.
Zukunftsorientierte Wohnkonzepte
Beim Projekt START-Ivry, einem Komplex mit rund 300 Wohneinheiten im Pariser Vorort Ivry-sur-Seine, kehrten die Architekt*innen daher zu kleinräumigeren Einteilungen zurück. Adaptivität stand im Mittelpunkt der Grundrissentwicklung. Auf 82 Quadratmetern etwa realisiert das verantwortliche Architekturbüro STAR strategies + architecture aus Rotterdam eine Vierzimmerwohnung, die zusätzlich die Möglichkeit bietet, den sogenannten Alkoven als weiteres kleines Zimmer zu nutzen. Außerdem kann die Wohnung in zwei getrennte Einheiten geteilt werden. Bei anderen Grundrissen besteht die Option, den Wohn- und Essraum zugunsten eines zusätzlichen Schlafzimmers zu teilen. Die Balkone können teilweise geschlossen und so zu Innenräumen werden.
Die Wohnungsgrundrisse sollen den Bedürfnissen unterschiedlichster Personen- und Familienkonstellationen gerecht werden: von der klassischen Familie mit heranwachsenden oder erwachsenen Kindern über Alleinerziehende, Drei-Generationen-Familien und Wohngemeinschaften bis hin zu ungewöhnlichen Paarungen wie Senior plus Studierendem. Zudem sollen die Grundrisse Nutzungen wie Remote-Arbeit oder Untervermietung ermöglichen. Schließlich sind die Wohnungen auf Familienzuwachs oder -verkleinerung vorbereitet und bieten sogar die Option einer Teilvermietung oder eines Teilverkaufs.
Wenig Tiefe, viele Möglichkeiten
Die Flexibilität der Grundrisse hat mehrere Voraussetzungen: Entsprechende Anschlüsse erlauben es beispielsweise, die Küche an verschiedenen Stellen der Wohnung einzurichten. So kann die Küchenzeile statt in einem abgeschlossenen Raum im Wohnbereich untergebracht werden. Der eigentliche Küchenraum wird dadurch zu einem zusätzlichen Schlafzimmer. An anderer Stelle ist es möglich, in einem Schlafraum eine Pantryküche einzubauen – etwa, wenn erwachsene Kinder oder Pflegende mit in der Wohnung leben. Für körperlich eingeschränkte Personen ist zudem von Bedeutung, die Bäder flexibel an veränderte Bedürfnisse anpassen zu können.
Eine noch wichtigere Voraussetzung als die Haustechnik ist die umfassende natürliche Belichtung der Wohnungen. Das Konzept des Büros STAR sah von Beginn an vor, dass alle Wohnungen Fenster in mindestens zwei Himmelsrichtungen besitzen und dass 77 Prozent aller Küchenräume belichtet sind. Um dies zu ermöglichen, muss jede Wohnung an möglichst viel Außenwand grenzen, was nur geringe Gebäudetiefen zuließ. STAR strategies + architecture lösten diese Anforderung, indem sie vier Sockelbauten planten, über denen sich fünf schlanke Turmbauten erheben. Keiner der Türme mit 13 bis 19 Geschossen ist tiefer als 14 Meter.
Während die Türme Wohnungen und Gemeinschaftsflächen für die Bewohner*innen aufnehmen, befinden sich im Sockelbereich Gewerbeeinheiten sowie einige Townhouses. Die gemeinschaftlich genutzten Bereiche umfassen große Terrassen auf mehreren Ebenen sowie Mehrzweckräume und Gästezimmer. Das Nutzungskonzept von START-Ivry umfasst 50 Prozent Eigentumswohnungen, 34 Prozent Sozialwohnungen und 16 Prozent Mietwohnungen für mittlere Einkommen. In zwei Türmen sind dabei Eigentums- und Nicht-Eigentumswohnungen gemischt untergebracht.
Ein Konzept gewinnt den Wettbewerb
Der Entstehungsprozess von START-Ivry stellt eine weitere Besonderheit dar. Die Kommune als Landentwickler forderte im Wettbewerb statt eines einzelnen Entwurfs ein methodisches Konzept für die Wohnanlage. Diesen Wettbewerb entschied das Rotterdamer Büro STAR für sich. Auf Grundlage dieses Konzepts wurde anschließend ein Bauträger gesucht. In einem achtmonatigen Workshopprozess entwickelten alle Stakeholder – Architekturbüro, Gemeinde, Raumplaner*innen sowie die Bewerber um die Bauträgerschaft – das Projekt gemeinsam weiter. Der endgültige Bauträger wurde erst am Ende dieses Prozesses ausgewählt, nach Maßgabe seiner Übereinstimmung mit dem architektonischen Konzept.
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