Blaues Herz
Umbau eines Weinguts in Portugal von Arquitectura-G
Arquitectura-G verwandelte ein historisches Weingut im portugiesischen Sintra vom Lost Place in eine offene Residenz. Radikale Eingriffe im Inneren, wie eine skulpturale Treppe und ein monochromes Farbkonzept, verbinden historische Substanz mit zeitgenössischer Formensprache.
Wer zum portugiesischen Sintra recherchiert, stößt schnell auf die lapidare Beschreibung „Ferienort nahe Lissabon“. Über Jahrhunderte urlaubten dort die Könige – und der britische Dichter Lord Byron pries die Kleinstadt als „glorious Eden“. Dass das in Sintra von Arquitectura-G modernisierte Haus zur Typologie der quintas de recreio gehört, also ein zu Freizeitzwecken transformiertes Anwesen darstellt, ist typisch für die Region. Das Ensemble eines ehemaligen Weinguts umfasst neben kleineren Liegenschaften auch weitläufige Weinberge, Wälder und Obstgärten. Sie wurden im Modernisierungsprozess nicht nur in ihrer Funktion erhalten, sondern darüber hinaus in ein autarkes, ökologisch vernetztes Permakultursystem überführt – eine Neuorientierung, die Historie und Gegenwart zukunftsorientiert verbindet.
Radikale Intervention
Das Gebäude, einst genutzt als Verarbeitungsbetrieb, Lager und Unterkunft für Landarbeiter*innen, stand über Jahrzehnte leer. Gebunden an städtebauliche Vorgaben, die den Erhalt der historischen Hülle verlangten, entschied sich das Designteam von Arquitectura-G aus Barcelona für eine radikale Transformation des Inneren. Alle Wände, Flure und Treppen wurden entfernt, um Platz für einen neuen, zentral positionierten Betonbaukörper zu schaffen. Vertikal durchschneidet eine Wendeltreppe die Geschossdecken. Sie öffnet die Ebenen durch runde Ausschnitte und übernimmt die Aufgabe eines skulpturalen Herzstücks, Erschließungskerns sowie Lichtschachts. Über der Treppe wurde eine Glasfläche ins Dach gesetzt, die den gesamten Raum bis hinunter in den Keller mit Tageslicht flutet.
Farbige Konsequenz
Tatsächlich wirkt es so, als würde sich der Himmel ins Haus ergießen. Das sanfte Blau des mediterranen Firmaments über Sintra wird zum Echo auf das neu eingefügte Bauvolumen aus Beton mit zugeschlagenen Pigmenten. Monochrom geht es in das Metallgeländer aus filigranen Gitterstrukturen über und setzt sich in den Bädern mit blauem Marmor fort. Alle Einbauten – von Trennwänden über Türen bis zu Badewanne und Waschbecken – wurden aus einem einzigen Materialblock gefertigt, wodurch die chromatische Kontinuität der Intervention konsequent fortgeführt wird. Wer das WC betritt, landet in einem eingestellten Kern, errichtet aus Marmorplatten, in dem alle Wände, Türen, die Fensterlaibung und Stauraumlösungen homogen und materialschlüssig sind. Die ätherische Atmosphäre gleitet im Untergeschoss ins Sakrale: Dort, wo nur wenig Tageslicht eintritt, öffnen sich die Räume wie ein tiefer, blauer Schlund – von den Architekt*innen augenzwinkernd die „blaue Hölle“ genannt. Licht fällt dort durch wenige Lichtschächte ein, während die langen, dunklen Gänge durch Schatten in Mitternachtsblau getaucht werden.
Atmosphärische Dramaturgie
Die Dramaturgie der Architektur folgt der Nutzung. Im Obergeschoss, dem hellsten Teil des Hauses, sind an beiden Enden Schlafzimmer angeordnet. Dazwischen liegt ein Wohnraum, der eine privatere Alternative zum offenen und kommunikativen Layout des Erdgeschosses bietet. Nur die Treppe trennt den Raum in zwei Flügel, mit der Küche auf der einen Seite und dem Wohnzimmer auf der anderen. Das Untergeschoss, ehemals zur Lagerung von Fässern genutzt, dient auch den zukünftigen Nutzer*innen als Vorratskeller. Das alte Weingut tarnt sein modernes Herz aus blauem Sichtbeton gut hinter seiner ursprünglich belassenen Fassade. Arquitectura-G ist es gelungen, den historischen Charme des Hauses zu bewahren und durch die Neukonfigurierung des Inneren andere Nutzungsformen zu ermöglichen.
FOTOGRAFIE Maxime Delvaux / Francisco Ascensão
Maxime Delvaux / Francisco Ascensão
| Projektname | House II |
| Entwurf | Arquitectura-G |
| Team | Jonathan Arnabat, Jordi Ayala-Bril, Aitor Fuentes, and Igor Urdampilleta |
| Project Team | João Salsa |
| Ort | Sintra, Portugal |
| Fertigstellung | 2025 |
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