Grauzone mit Aussicht
Puristisches Rooftop-Apartment von unprofessional.studio in Taipeh
Über den Straßen Taipehs existiert eine zweite Stadt: Auf den Dächern der Wohnhäuser sind über Jahrzehnte improvisierte Aufstockungen aus Stahl, Backstein und Wellblech entstanden. unprofessional.studio zeigt mit dem Umbau eines Rooftop-Apartments das räumliche Potenzial dieser informellen Architektur.
Viele der aufgesetzten Dachwohnungen waren ursprünglich illegal, wurden später jedoch geduldet und entwickelten sich zu einem festen Bestandteil der dichten Metropole. Das Team von unprofessional.studio, das Büros in Berlin und Taipeh betreibt, reagierte auf diese extreme urbane Enge mit einer präzisen Aufteilung, die jeden Zentimeter effizient nutzt. Der Weg durch das umgebaute Apartment wirkt nun beinahe filmisch und erinnert mit seinen schmalen Übergängen, den grauen Oberflächen und den plötzlich aufreißenden Raumhöhen an Szenen aus einem David-Lynch-Film.
Vom Treppenaufgang öffnet sich der Blick Schritt für Schritt in unterschiedlich hohe Bereiche. Verantwortlich dafür ist die Entscheidung, die Dachform auch im Inneren sichtbar zu lassen. Statt eine waagerecht abgehängte Decke einzuziehen, blieb die Geometrie des geneigten Wellblechdachs erhalten. So entsteht eine räumliche Dramaturgie, die den kleinen Grundriss großzügiger erscheinen lässt.
Winkel statt Flure
Die Wohnung umfasst lediglich 65 Quadratmeter, erscheint aber nicht beengt. Die Planer*innen reduzierten die privaten Räume auf das notwendige Minimum und gaben den Gemeinschaftsflächen möglichst viel Weite. Küche, Ess- und Wohnbereich bilden ein offenes, schlauchartiges Ganzes, das sich um drei Schlafzimmer herum durch den länglichen Grundriss schlängelt. Der Wohnraum orientiert sich zur Dachterrasse an der Straßenseite. Am anderen Ende des Apartments befindet sich das Bad.
Prägendster Eingriff sind die schräg verlaufenden Winkelwände. Sie gliedern die Fläche subtil und optimieren gleichzeitig jeden Zentimeter. Ihre Geometrie entwickelten die Architekt*innen direkt aus den Bewegungsradien rund um Bett, Nachttisch, Türen und Regale. Dort, wo im Schlafzimmer wenig Platz benötigt wird, weichen die Wände zurück und geben den Gemeinschaftszonen zusätzliche Breite. „Diese gewonnenen Zentimeter haben gerade im Sofa- und Küchenbereich einen entscheidenden Effekt auf die räumliche Qualität“, erklärt unprofessional.studio. Eine klassische Planung im 90-Grad-Raster hätte die Unterbringung aller Funktionen innerhalb des kompakten Grundrisses kaum ermöglicht.
Monolith in Hellgrau
Boden, Wände und Decken erscheinen beinahe wie aus einem Guss. Ein hellgrauer Schlämmanstrich zieht sich konsequent über sämtliche Oberflächen, ergänzt durch einen fugenlosen Sichtestrichboden. Dabei handelt es sich um ein klassisches taiwanesisches Material, das normalerweise als Untergrund für weitere Beläge dient. Für das Apartment wurde die nur wenige Millimeter starke Schicht hydrophobiert und als sichtbarer Endbelag genutzt. Auch die Schlämme für Wände und Decken entstand als eigens entwickelte Mischung aus Kalk und Zement direkt auf der Baustelle. Resultat ist eine monolithische Ruhe, die an gegossenen Beton erinnert, tatsächlich jedoch deutlich weicher und handwerklicher wirkt. Vor diesem zurückhaltenden Hintergrund treten die dunklen Holzeinbauten umso stärker hervor. Sie fassen Betten, Türen und Küchenelemente zusammen und erzeugen intimere Zonen in der grauen Hülle.
Präzision statt Perfektion
Bemerkenswert ist die Konsequenz, mit der das Projekt trotz begrenzter Mittel umgesetzt wurde. Der gesamte Umbau kostete rund 60.000 Euro. Den improvisierten Charakter der ursprünglichen Dachwohnung versuchten die Planer*innen möglichst wenig zu kaschieren. Die Architektur bewahrt bewusst etwas Rohes und Unfertiges, Oberflächen zeigen Spuren der Bearbeitung. Gerade daraus entwickelt das Apartment seine besondere Atmosphäre. Dem Team von unprofessional.studio gelang ein unprätentiöser Umgang mit Bestand, Knappheit und Raumgestaltung.
FOTOGRAFIE unprofessional.studio
unprofessional.studio
| Entwurf | unprofessional.studio |
| Projektteam | Martin Binder, Kristof Schlüßler, Lín Jùn xù (林俊旭) |
| Bauherrschaft | Privat |
| Kategorie | Wohnungsbau, Bauen im Bestand |
| Fläche | 65 Quadratmeter |
| Bauzeit | 6 Monate |
| Fertigstellung | 2024 |
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