Projekte

Licht als Dirigent

Maisonette-Atelier in Paris von Martin Massé

Als Vorbild für sein Pariser Interieur nennt Martin Massé das Filmset von Wes Andersons „Hotel Chevalier“. Mit dem gezielten Einsatz von Farben verwandelte der Architekt ein Maisonette-Atelier aus der Zeit des Art Déco in eine komponierte Wohnwelt zwischen Nostalgie, kräftigen Kontrasten und monochromen Kokons.

von Tanja Pabelick, 22.07.2026

Der Architekt Pierre Patout entwarf zunächst die Interieurs von Ozeandampfern und wurde später mit dem Gebäude Le Paquebot bekannt. Darin übertrug er die Architektursprache und Stilelemente der Transatlantikschiffe inklusive Reling und Bug aufs Festland. Nebenbei war er Chefarchitekt der Galeries Lafayette und plante Mehrfamilienhäuser für die Pariser Innenstadt, in denen er im Erdgeschoss und zur Gartenseite gern Ateliers unterbrachte.

Im 15. Arrondissement realisierte er eines, das zur Straße hin die typischen Stilelemente seiner Entstehungszeit im Art Déco zeigt: Backstein, Sichtziegel und geschmiedete Eisenelemente. Die Rückseite, die in den sich anschließenden Büschen und Bäumen fast zu versinken scheint, wird von der Farbe Türkis dominiert. Alle Tragstrukturen, etwa die orthogonal verlaufenden Balken, ebenso wie die Balkone verleihen der Fassade geometrische Ordnung, während die Kombination mit der vanillegelben Fassadenfarbe Miami-Beach-Flair in den Garten bringt. Unmittelbar hinter dem Haus schließt sich das üppige Grün der Petite Ceinture an. Ähnlich der New Yorker High Line folgt sie heute als Spazierweg einer ehemaligen Bahntrasse quer durch die Stadt.

Maisonette am Park
Auch bei diesem Projekt, das aufgrund seiner Lage am gleichnamigen Park Desnouettes getauft wurde, befinden sich die vom Architekten so häufig geplanten Ateliers auf der Rückseite. Dort arbeiteten Künstler wie Jules Cavaillès, Jean Vénitien und Camille Pissarro. Vor Kurzem wurde eine Einheit von dem Architekten Martin Massé zu einer eklektischen Maisonettewohnung umgebaut. Ihre überzeugendsten und offensichtlichsten Qualitäten sind die 3,50 Meter hohen Fenster, die sich über beide Etagen erstrecken, sowie der eigene Zugang durch den Garten. Dadurch entsteht ein Wohngefühl, das mehr an ein abgeschirmtes Reihenhaus als an einen urbanen Wohnkomplex erinnert.

Der Bauherr und künftige Bewohner war von diesem besonderen Charakter fasziniert und wollte ihn bewahren. Gleichzeitig wünschte er sich ergänzend zu den offenen Strukturen warme und private Bereiche, in denen er sich entspannen oder arbeiten kann. Deshalb gestaltete Martin Massé den Grundriss neu. In den ehemaligen Studioraum im Erdgeschoss zogen die sozialen und gemeinschaftlichen Funktionen wie Küche und Lounge ein, während sich im Obergeschoss Schlaf- und Arbeitsbereich befinden.

Art Déco und Le Corbusier
Die Gestaltung entwickelt sich aus dem Gebäude, seinem Stil und seiner Entstehungszeit. Martin Massé knüpft an die Ästhetik des Art Déco an und verbindet sie mit den klaren Prinzipien der Moderne und des Bauhauses. Leitend ist dabei Le Corbusiers Idee der architektonischen Polychromie. Farbe wird zum räumlichen Instrument: Sie akzentuiert Proportionen, lenkt den Blick, definiert oder kaschiert Übergänge und verleiht den Räumen ihre jeweilige Atmosphäre. Das Licht übernimmt dabei die Rolle des Dirigenten.

Direkt unter dem Glasdach und an der Fensterfront dominieren helle Nuancen wie Cremeweiß, Zartrosa und Elfenbein, die dieser Zone eine schwebende Leichtigkeit verleihen. Im dunkleren, innenliegenden Bereich setzt Massé auf den unmittelbaren Kontrast und kombiniert Muster mit intensiven Farben wie strahlendem Himmelblau und sattem Waldgrün, die sich wie ein Patchwork über mehrere Ebenen hinweg ergänzen.

Cineastische Dramaturgie
Auch in der oberen Etage bleibt Grün das bestimmende Thema, allerdings sorgen die niedrigeren Decken und der hochflorige Teppichboden für eine gedämpftere Raumstimmung. Der Arbeitsbereich liegt an der Galerie und eröffnet durch die Fenster einen privilegierten Blick auf die begrünte Petite Ceinture. Gleichzeitig wird der Schreibtisch zur Tribüne über dem Wohnbereich. Das individuell gefertigte Regal in zartem Rosa, zentral im Geschoss positioniert, verleiht dem Arbeitsbereich den Charakter eines Studierzimmers.

Diese intime Atmosphäre setzt sich in einem kleinen Salon fort. Dort ist die Farbpalette weniger auf Harmonie als auf gezielte Kontraste ausgerichtet. Der Couchtisch ist ein massiver roter Block in glänzender Klavierlackoptik, dessen schwarze Basis im Schatten verschwindet und den Quader nahezu magisch in die Schwerelosigkeit versetzt. Das Sofa ruht auf einem Mauersockel und ist mit roten Samtpolstern ausgestattet. Bad und Dusche bilden jeweils kleine monochrome Kokons. Wände, Decke, Boden und Sockelleisten des Waschraums sind vollständig mit gelb glänzend glasierten Keramikfliesen verkleidet; die Dusche erscheint als zartrosa Kokon aus Bisazza-Mosaik.

Mit seinem konsequent bis ins Detail entwickelten Narrativ orientiert sich Massé an Wes Andersons Bühnenbild für den Kurzfilm Hotel Chevalier, das Retro-Eleganz mit einer bewusst inszenierten Dramaturgie verbindet. Zugleich entsteht hier eine eigenständige Welt – ein der Stadt entrücktes Refugium zwischen Garten, Farbe und Licht.

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Projektinfos
Projektname Desnouettes
Bauvorhaben Renovierung
Ort Paris
Fläche 100 Quadratmeter




Links

Entwurf

Martin Massé

martin-masse.com

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