Landhaus reloaded
Neubau aus Lehm und Abbruchmaterial von Tuckey Design Studio in Wiltshire
Für das Rammed Earth House entwickelte Tuckey Design Studio eine besondere Rezeptur: Aus Abrissmaterialien der Vorgängerbauten und lokal gewonnenem Lehm entstand ein monolithischer Baustoff, der Geschichte und Nachhaltigkeit miteinander verbindet.
Manchmal ergibt ein Projekt das andere: Während die Innenarchitektin Emily Todhunter, Mitgründerin des Londoner Büros Todhunter Earle Interiors, noch das Londoner Stadthaus einer Familie plante, hatte diese bereits ein 25 Hektar großes Grundstück in der südenglischen Grafschaft Wiltshire im Blick. Etwas ratlos zeigten sie sich angesichts der verstreuten, unscheinbaren Gebäude im viktorianischen Stil mit unpassenden Anbauten aus den Neunzigerjahren. „Noch bevor sie das Grundstück überhaupt gekauft hatten, begannen wir Gespräche über den Neubau. Er sollte alle traditionellen Konzepte des ‚englischen Landhauses‘ neu definieren: wie man die Natur einbezieht, die Aussicht maximiert und es in die Landschaft einbettet – mit Innenräumen, die ebenso interessant wie komfortabel sind“, sagt Todhunter. „Es sollte ökologisch nachhaltig sein, unkonventionell und in die Umgebung passen.“
Grundstück mit Geschichte
Zusammen mit dem Architekturbüro Tuckey Design Studio ging es an die Planung. Aufgrund strenger Bauvorschriften sollten die Eingriffe in die Natur so minimal wie möglich ausfallen und die ökologische Vielfalt gewahrt werden. Eine Bodenanalyse sowie die historische Erforschung des Grundstücks ergaben, dass sich dort im 19. Jahrhundert ein Ziegelwerk befand. Bis heute zeichnet sich der Boden durch seine lehmige Beschaffenheit aus. „So entstand die Idee, mit Stampflehm zu arbeiten und die Ressourcen vor Ort zu nutzen“, sagt Jonathan Tuckey vom Architekturbüro Tuckey Design Studio.
Abriss und Neubau
Abgesehen von einigen kleinen viktorianischen Backsteinhäuschen, die saniert wurden, wichen die bestehenden Gebäude der neuen Architektur. Ein Stück weit leben sie jedoch in ihr weiter. Denn das Abbruchmaterial, das dabei anfiel, bildete zusammen mit dem vor Ort ausgehobenen Lehm den Rohstoff für die monolithischen Wände des Neubaus. So ließ sich der Bedarf an angeliefertem Baumaterial erheblich reduzieren. Das Rammed Earth House entstand buchstäblich aus den Trümmern seiner Vorgängerbauten.
Außergewöhnliche Mixtur
Für das Projekt zogen die Architekt*innen ausgewiesene Stampflehmexpert*innen hinzu, darunter den Österreicher Martin Rauch, der unter anderem für das Ricola Kräuterzentrum in der Schweiz verantwortlich war. Auf Kalk und Zement als Stabilisatoren wollte das Team aus ökologischen Gründen verzichten. Nach sechs Monaten des Experimentierens kristallisierte sich eine Mischung aus Ton, Abbruchzuschlagstoffen aus zerkleinerten Ziegeln und Beton sowie mit Wasser vermischtem, lokal gewonnenem Kalksteinkies als Material der Wahl heraus. Schichtweise in Schalungen aufgetragen und von Bauarbeitern manuell verdichtet wurden, entstanden die bis zu einem Meter dicken Wände des Rammed Earth House. Innen sind sie mit einer Kaseinbeschichtung versehen, die verhindert, dass sich Staub bildet. Geschliffen weisen sie Ähnlichkeit mit Terrazzo auf.
Authentische Materialien
Inspiriert vom Essay Lob des Schattens des japanischen Autors Jun’ichirō Tanizakis wechseln sich im Haus holzverkleidete, verputzte und geflieste Oberflächen sowie Kupferdetails ab. Die Anordnung des Hauptgebäudes um zwei Höfe hat etwas Monastisches. Zugleich ist es optisch mit den beiden Nebengebäuden verbunden, in denen sich weitere Gästezimmer befinden. Insgesamt hat das Anwesen Platz für mehr als zehn Personen. Dennoch gibt es dank intimer Sitzecken mit eingebauten Bänken viele Gelegenheiten des Rückzugs. Große Fenster lassen die Natur Teil des Raums werden. Für Emily Todhunter steht das im Gegensatz zum traditionellen Landhauskonzept, in dem Vorhänge die Natur außenvorlassen und man es sich vor dem Kamin gemütlich macht.
Mit vielen natürlichen Materialien ist ihr ein Einrichtungskonzept gelungen, das zur Lehmbauweise passt und indem Antiquitäten neben modernen Einbauten stimmig wirken. Die ungewöhnlichen Bauweise könnte für ähnliche Projekte richtungsweisend sein.
FOTOGRAFIE Jim Stephenson Jim Stephenson
| Projektname | Rammed Earth House |
| Architektur | Tuckey Design Studio |
| Innenarchitektur | Todhunter Earle Interiors |
| Ort | Wiltshire, Großbritannien |
| Fläche | 810 Quadratmeter |
| Fertigstellung | 2024 |
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