Projekte

Radikale Wunderkammer

Ein Rundgang durch das Apartment MOM von J. Mayer H. in Berlin

Losgelöst von allen Konventionen machte Jürgen Mayer H. einen historischen Altbau in Berlin zu einem künstlerischen Wohnraumschiff. Es beamt die Besuchenden in einen Kosmos voller Farbe und Material-Collagen. Außerdem forciert es den Entdeckermodus: Wer findet Tadans sonnengelbes Minizimmer?

von Tanja Pabelick, 29.06.2026

Das von Jürgen Mayer H. gestaltete Berliner Apartment ist der Inbegriff des kaum in andere Sprachen übersetzbaren Begriffs „Gesamtkunstwerk“. Der Architekt hat die in einem herrschaftlichen Gebäude gelegenen und mit zahlreichen historischen Details ausgestatteten Räume in eine fließend angelegte Wunderkammer verwandelt. Bereits beim Öffnen der Wohnungstür bleiben Besucher*innen staunend vor der sich vor ihnen entfaltenden Farb- und Formenexplosion stehen. Über ein Jahrhundert lang hat zwischen den Wänden kontinuierlich Leben stattgefunden, mit wechselnden Bedürfnissen, unterschiedlich vielen Nutzer*innen und vor allem geprägt von aufeinander aufbauenden räumlichen Veränderungen. „Manche Projekte handeln nicht davon, bei Null anzufangen, sondern davon, eine Geschichte fortzuschreiben“, sagt Jürgen Mayer H. über MOM und erklärt damit auch, dass er zwar ästhetisch stark intervenierte, den Bestand als Leinwand aber ebenfalls zu schätzen wusste. Das Ergebnis ist weit mehr als ein neuer Grundriss mit explosiven Farben und maßgeschneiderten Möbeln: Das MOM wirkt wie ein alternatives und extravagantes Wohnuniversum zwischen „Dandy Art“, Neo-Expressionismus und geometrischem Maximalismus.

Des Raumes Kern
Die Wohnung ist nicht in einzelne Räume unterteilt, sondern um eingestellte „Kerne“ herum organisiert. Dafür wurden die inneren Wände soweit möglich entfernt, während tragende Teilstücke von den neuen Einbauten umschlossen sind. Dadurch gibt es in dem Apartment keine orthogonalen Strukturen mehr, sondern nur noch organische Wandformen aus profilierten Holzstäben mit mäandernden, zackigen Konturen. So entsteht eine fließende Raumlandschaft, die sich zu Fluren verengt und zu weiten Flächen öffnet. Türen sind nicht vorhanden. Die einzelnen Bereiche definieren sich über ihre Atmosphäre, Farbgebung und Nutzung und laden als offenes Gefüge zum entdeckenden Umherschweifen ein. Das Interieur zitiert mit von Giebel und Fassade abstrahierten Elementen die Architektur des Hauses und ist auf einer zweiten Ebene eine Hommage an Le Corbusiers Klosterbau La Tourette. Das Bauwerk aus dem Jahr 1953 gilt als eines der radikalsten Werke des Architekten. Mit einer sorgfältig inszenierten Abfolge von Räumen, dramatisch geführtem Licht und reflektierenden Farbflächen erzeugt es eine ebenso dichte wie eindringliche Atmosphäre.

Farbkodierte Sequenzen
Im MOM werden Bewohner*innen und Gäste von einer leuchtend gelben Küche empfangen, die sich unmittelbar hinter der Wohnungstür befindet und den Eingang zum Wohnbereich markiert. Sie ist eine direkte Referenz zu Le Corbusiers Sakralbau, denn auch dort ist die Küchenzeile kanariengelb und hebt sich damit als Funktionselement hervor. Wie das berühmte Vorbild nutzt Mayer H. intensive Farben, um den Raum intuitiv zu strukturieren, die Atmosphäre zu steuern und Bereiche zu definieren. Der Essbereich ist die „grüne Zone“. Hier steht ein massiver, blattgrüner Esstisch mit blauen Beinen, die formal an die keramischen Isolatoren von Hochspannungsleitungen erinnern. Darum herum gruppiert sich eine Herde runder Hocker in Erdbeerrosa, die analog zum Tischgestell ebenfalls auf einer Basis mit wellenförmigem Profil ruhen. Mayer H. hat den Tisch speziell für dieses Projekt entworfen und ihn mit einer besonderen Eigenschaft ausgestattet, die sich bei dem zweiten großen Tisch in den privaten Räumen wiederholt. Er hat die Platte mit ihrer kurvig laufenden Silhouette in mehrere Segmente unterteilt, die formschlüssig wie ein Puzzle ineinandergeschoben werden können – oder sich zu mehreren kleinen Tischen trennen lassen.

Immergelbes Sonnenzimmer
Die exzentrisch auftretenden Möbelunikate treffen auf künstlerische Installationen und individuelle Wohnskulpturen wie die kobaltblaue Sitzloung von J. Mayer H, die Lichtskulptur Andromeda Multiverse von Björn Dahlem oder die rote „Maxibar” in einem raumhohen Spiegelelement. Für die Gestaltung der Loggia hat Mayer H. das Team von Tadan, Spezialist*innen für erzählerische und emotional aufgeladene Raumgestaltungen, an seine Seite geholt. Das Trio hat sich in der Hauptstadt mit seinen Installationen, Schaufenstern, Schauräumen und kuratierten Interieurszenarien einen Namen gemacht. Hier haben sie jedoch den kleinen Raum gestaltet, der quasi als Schleuse zwischen urbanem Außenraum und privatem Wohnraum fungiert. Umlaufende Vorhänge, ein Sideboard, eine gepolsterte Bank und vor allem eine konsequent monochrome Farbgebung verwandeln den Raum in eine Enklave, die eine fast körperlich spürbare Wirkung entfaltet. In dem komplett gelben Raum lösen sich Raumgrenzen und Möbelkonturen auf, sodass er als zusammenhängendes Farbvolumen wahrgenommen wird. In ihrer Gesamtheit wirkt die Wohnung wie eine Collage, die sich über die Patina des Bestands legt. Gleichzeitig übernimmt das Historische die Funktion eines Rahmens, der den künstlerischen und räumlichen Interventionen Kontur verleiht.

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Architekt

J Mayer H

www.jmayerh.de

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