Seltsam schön
Ein Treffen mit Tadan im Berliner Kaufhaus KaDeWe
Stella von Senger, Sebastian Hoffmann und Cecil von Renner mischen gerade die deutsche Designszene auf. Dabei kokettieren die Gründer*innen von Tadan mit dem etwas altmodisch anmutenden Begriff des Dekorateurs und übersetzen ihn kurzerhand in das Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie.
Schon allein der Name ist ein Aufritt. Tadan klingt wie: Hier sind wir! Und genauso ist er auch gemeint, sagt Sebastian Hoffmann. Sein Mailänder Freund, der Künstler Claudio Loria, habe ihn darauf gebracht, er benutze das Kunstwort immer anstelle des französischen voilà. Tadan steht im Widerspruch zu fast allem, was in der deutschen Designszene gemeinhin üblich ist. Bereits vier Jahre nach Gründung ihres Studios (das sie selbst nicht Studio nennen würden) gehören sie zu den Lieblingen einer coolen Crowd, was sicherlich auch mit ihrer Omnipräsenz in stil- und meinungsbildenden Medien zu tun hat.
Das Trio nur als zufälliges oder gar kurzlebiges Phänomen zu sehen, wäre aber ein Fehler. Der Erfolg von Tadan zeigt, dass sich gerade etwas grundlegend verändert: Drei junge Kreative durchdringen eine Szene, die bisher überwiegend aus an Universitäten ausgebildeten und dementsprechend ernsthaft agierenden Architekt*innen und (Interior-)Designer*innen besteht. Offen für andere Perspektiven? Eher nicht.
Werke von Isabella Ducrot, Constantin Hartenstein, Herbert Leupin
Möbel von Tadan, LOES.BETA.GMBH, Frederik Fialin, Luca Scacchetti und Verner Panton
Einfach mal so
Wahrscheinlich ist es gerade dieses forsche, nach außen unbeschwert wirkende Vorangehen, diese Einfach-mal-ausprobieren-und-machen-Mentalität, die Tadan von anderen unterscheidet und einen Teil des Erfolgs ausmacht. Hier haben sich drei gefunden, die unterschiedlicher nicht sein könnten, auch was ihre beruflichen Erfahrungen betrifft. Doch vielleicht ist ihre Idee von Gestaltung genau deshalb so anders als das Gewohnte.
Stella von Senger, Sebastian Hoffmann und Cecil von Renner definieren ihre Arbeit als „Creative Direction für Räume“ und „Kuratorentätigkeit" – als bewusste Abgrenzung vom klassischen Interiordesign. Das ist wenig überraschend, betrachtet man den Hintergrund der drei Kreativen, die auch privat verbandelt sind. Während Stella von Senger in München eine Ausbildung zur Maskenbildnerin mit Schwerpunkt Special Effects absolvierte und später zufällig ins Modebusiness rutschte, wie sie erzählt, arbeitet ihr Partner Cecil von Renner auch heute noch ab und zu als Schauspieler. Sebastian Hoffmann fasste nach dem Studium der Kunstgeschichte in der Berliner Galerieszene Fuß und wirkt heute als intellektueller Kopf des Trios.
Mit Coolness-Faktor
Vor vier Jahren kam den drei Freund*innen die Idee, etwas Gemeinsames auf die Beine zu stellen. Das erzählen sie bei Cappuccino und Käsekuchen in einem Café in der sechsten Etage des Berliner Kaufhauses KaDeWe. Das Tadan-Team hat den Ort für das Interview selbst ausgewählt und er passt ziemlich gut zu ihren Arbeiten, die man als transitorisch bezeichnen kann, so wie auch Kaufhäuser Orte des Übergangs sind. Ihr erfrischend anderer Blick auf die (Kunst- und Design-)Dinge – meist gepaart mit Humor und Konventionsbrüchen – zeigt sich an zwei Projekten, die kürzlich für Unternehmen entstanden sind, die bisher nicht unbedingt durch Coolness auffielen: das Auktionshaus Grisebach und die Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin.
Für den altehrwürdigen Berliner Porzellanhersteller hat Tadan zwei historische Skulpturen aus dem Archiv geholt und kurzerhand in übergroße Tischleuchten verwandelt, die nun für 15.000 beziehungsweise 21.000 Euro im Webshop von KPM angeboten werden. Dass sich KPM aus der Zusammenarbeit mit dem bestens vernetzten Trio einen Bekanntheitsschub bei einer anvisierten jüngeren Käuferschicht erhofft, dürfte allen Beteiligten klar sein.
Ähnlich sieht es beim Berliner Auktionshaus Grisebach aus. Letzten November verwandelte Tadan die noble Fasanenstraße in einen Autokorso für die Kunst. Unter dem Titel Cars Have Interiors, Too (Special Delivery) waren Kopien von Arbeiten von Jeff Koons, Jenny Holzer und Adolph Menzel in vier dramatisch beleuchteten SUVs der Marke Range Rover ausgestellt. Das illustre Publikum flanierte mit Champagnergläsern in der Hand an den Autos vorbei, ehe es zur Vorbesichtigung der Originale in die gediegene Grisebach-Villa ging. (Vintage-)Cars sind übrigens ein wiederkehrendes Stilmittel bei den Projekten von Tadan. Für die Gestalter*innen sind Automobile komplexe Designobjekte, die identitätsstiftend, skulptural und mit vielfältigen Assoziationen behaftet sind.
Drei Dekorateur*innen
Im Unterschied zu den meisten Architekt*innen und Interiordesigner*innen sieht sich Tadan nicht als Studio, sondern als Marke, die bewusst performativ gestaltet ist. Auch dass alles immer ein wenig seltsam wirke, sei Teil dieses Konzepts, sagt Sebastian Hoffmann. Man wolle Projektionsfläche sein und gleichzeitig Neugier wecken. Dabei will Tadan heraus aus dem Schubladendenken, dass die deutsche Designszene prägt – und stattdessen eine „persönliche, undefinierbare Nische besetzen“.
Wie das funktioniert, zeigen nicht nur die Bildsprache des Labels und die exakt orchestrierten Auftritte des Trios in der Öffentlichkeit, sondern vor allem auch ihre Interiorprojekte. Diese werden oft für Freunde oder Freunde von Freunden umgesetzt. Stella von Senger, Cecil von Renner und Sebastian Hoffmann begreifen sich als Dekorateure – was gerade hierzulande einer Provokation gleichkommt, da der Begriff negativ konnotiert ist.
Kunst und Konvention
„Wohin nur mit der Kunst?“ – mit dieser Frage begann die Zusammenarbeit der drei Freund*innen. Auch in ihren Projekten spielen Kunstwerke und ihre Hängung beziehungsweise Positionierung im Raum eine wesentliche Rolle, wobei Tadan das Hinterfragen von Sehgewohnheiten immer mit einrechnet. So kann ein Gemälde als Supraporte wirken oder eine Grafik in der Nähe einer Bodenleiste angebracht werden. Stella von Senger erzählt, dass sie zu Hause ein riesiges Porträtfoto von sich selbst genau gegenüber des WCs und auf Augenhöhe platziert habe.
Und auch wenn Tadan gelegentlich mit ausgebildeten Architekt*innen zusammenarbeitet, wenn beispielsweise Wände eingerissen werden müssen: Viele ihrer Ideen würden sich andere wohl nicht trauen umzusetzen oder sie hätten erst gar nicht solch wagemutigen Auftraggeber*innen. Denn wer lässt sich schon über die aus der Zeit gefallenen Bodenfliesen im Badezimmer kurzerhand einen Flauschteppich verlegen?
Tadan
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