Der Material-Minimalist
Studiobesuch beim Berliner Architekten Mark Randel in Berlin
Tucholskystraße, Ecke Linienstraße: Mehr Berlin-Mitte geht nicht. Hier wohnt und arbeitet der Architekt Mark Randel in einem Altbau aus der Jahrhundertwende mit Blick auf einen Plattenbau. Lange Zeit war er mit seinem Studio in einer Gewerbewohnung im selben Haus ansässig, doch nun hat er Arbeiten und Wohnen zusammengelegt.
Reduziert, aber lässig
Mark Randel hat vor, mehr Zeit in Griechenland zu verbringen, seinem Lieblingsland. Dort renoviert er auf der Insel Kythira gerade ein kleines Haus – zusammen mit seiner Lebensgefährtin Judith Engel, die auch Architektin ist. Das erzählt Randel, als wir bei einem Kaffee in seiner Wohnküche an einem Tisch von Superstudio sitzen, „seinem ersten richtigen Möbelstück“, wie er sagt. In der Wohnung ist nichts zu sehen von der üblichen Architekten-Attitüde. Wenige lose Designmöbel und -leuchten sind bewusst platziert, wobei Randel eine Vorliebe für Dieter Rams zu haben scheint. Einen Schuss Lässigkeit ins Innere bringen Unmengen von Architektur- und Kunstbüchern sowie Mitbringsel von Reisen, die zu kleinen Stillleben arrangiert sind.
Wohnzimmer mit Blick zur Tucholskystraße
Ein Zimmer in der Wohnung ist mit Arbeitstischen geradezu klassisch als Büro eingerichtet. Hier arbeitet Randel mit einem Mitarbeiter und mit Judith Engel. Zusammen mit ihr hat er auch ein Projekt in der Potsdamer Straße in Berlin-Tiergarten umgesetzt: das Haarstudio Andreas Kurkowitz Colour. Es ist in einem relativ schmalen Raum untergebracht, der über vier Meter hohe Wände verfügt. Das Interior ist weiß und clean. Die hellen, schlichten Einbaumöbel wurden ergänzt um handgefertigte Objekte, die Wärme ins Innere bringen, darunter ein Holztisch von Sanktjohanser, mit Leder bezogene Arbeitsstühle von Elmo und Körbe von Roland Oppelt.
Studio Andreas Kurkowitz Colour in Berlin-Tiergarten in Zusammenarbeit mit Judith Engel
Architekt statt Manager
Mark Randel hat Architektur an der Universität der Künste in Berlin studiert und am Politecnico di Milano. Nach dem Studium war er kurz selbständig, ehe er bei David Chipperfield Architects zu arbeiten begann und seit 1998 maßgeblich für den Aufbau des Berliner Büros verantwortlich war. Innerhalb weniger Jahre wuchs es auf über hundert Mitarbeiter an. Dort setzte er als Design Director viele Großprojekte um und war beispielsweise für den Masterplan der Berliner Museumsinsel verantwortlich. Doch nach zwanzig Jahren beschloss Randel, auszusteigen und sich erneut selbständig zu machen. Auch deshalb, weil er wieder mehr als Architekt arbeiten wollte statt als in aller Welt herumreisender Manager, erzählt er.
Bungalow aus den Sixties
Seit Mark Randel 2014 sein gleichnamiges Studio in Berlin gegründet hat, bevorzugt er private Projekte, bei denen er die Architektur von innen heraus entwickeln und direkter mit den Bauherr*innen zusammenarbeiten kann. „Ich mag einfach diesen kleinen Maßstab und Dinge, die man anfassen kann“, sagt er. Dass David Chipperfield ihm bei seiner Studiogründung zwei Aufträge mit auf den Weg gab, half übrigens ungemein in den ersten Jahren der Selbständigkeit. Die beiden Wohnprojekte in Schwabing und Bogenhausen brachten ihn zudem auch medial ins Gespräch. Gerade arbeitet er an einem Vorhaben, das ihm besonders am Herzen liegt: der Umbau eines Bungalows des nahezu unbekannten Architekten Peter Groß aus den Sechzigerjahren im niedersächsischen Neubokel. Mark Randel zeigt uns ein Booklet, so wie er es für jedes seiner Projekte anlegt. Darin hat er historische Fotos des Bungalows, eigene Schnappschüsse, Grundrisse und alle möglichen Informationen über das Gebäude und den Architekten versammelt.
Wohnhaus in München-Schwabing, in Zusammenarbeit mit Chipperfield Architects
Auf einem rund 10.000 Quadratmeter großen Grundstück mit Baumbestand gelegen, wurde ein später hinzugefügter, zweistöckiger Anbau mit Hallenbad abgerissen. Er wird ersetzt durch einen von Mark Randel entworfenen, kleineren Annex mit Gästezimmer, Bad und Outdoor-Pool. „Es ist eine echte Herausforderung, solch ein Gebäude zu sanieren, ohne dass der Charme verloren geht“, sagt Randel. Dafür brauche man Bauherr*innen, die bereit seien, auf einen bestimmten Komfort zu verzichten.
Der Architekt ist auch bei diesem Projekt detailversessen, was sich insbesondere an der Wahl der Materialien zeigt. Der Bungalow aus dem Jahr 1967 ist im Außen- wie im Innenraum mit Waschbetonplatten ausgestattet. Randel entschied sich, im neuen Anbau einen Bodenbelag zu verlegen, der dem ursprünglichen ästhetisch nahekommt, aber im täglichen Leben funktionaler ist. Dafür griff er nicht einfach auf vorhandene Fliesen zurück, sondern ließ geschliffene Terrazzo-Platten anfertigen, die Material und Farbe des Originals aufnehmen, aber viel feiner wirken. Die Bewahrung der originalen Elemente des baulichen Sixties-Juwels ist Randel ein wichtiges Anliegen. So gibt es dort beispielsweise ein Wasserbecken mit Koi-Fischen, die bisher immer von Hausbesitzer*in zu Hausbesitzer*in weitergereicht wurden, wie er erzählt.
Umbau des eigenen Hauses auf der griechischen Insel Kythira mit der Architektin Judith Engel
Außenansicht
Architektur für ein anderes Leben
Mark Randels derzeitiges Lieblingsprojekt ist sicherlich auch sein persönlichstes: Zusammen mit Judith Engel kaufte er während der Coronapandemie ein ehemaliges Fischerhaus direkt am Meer. Die beiden Architekt*innen befreiten es von später hinzugefügten Anbauten und ergänzten es um eine Etage. Statt ursprünglich 90 gibt es jetzt nur noch 60 Quadratmeter Wohnfläche mit Schlafzimmer, Bad und Wohnküche. Das reiche ihm an Platz aber völlig aus, sagt Randel – auch weil sich das Leben auf der Insel größtenteils im Freien abspielen würde. Das Paar entschied sich für die Verwendung von lokalen Materialien wie Naturstein, Kalkputz und -farbe sowie Marmor. Auch deshalb sieht das kubische, weiß getünchte Haus am Meer jetzt so aus, als wenn es schon immer so ausgesehen hätte. Randel und Engel jedenfalls haben Umbaublut geleckt. Sie denken daran, noch ein Haus zu kaufen. Außerdem können sie sich gut vorstellen, ihren Arbeitsmittelpunkt zu verlegen und für andere Bauherr*innen auf Kythira als Architekt*innen zu arbeiten. Er habe „einfach Bock auf Sonne und ein ruhigeres Leben“, sagt Randel. Es gibt wohl kaum jemanden, der das nicht verstehen kann.
Studio Mark Randel
www.studiomarkrandel.comLeiser Luxus
Über das Projekt am Herzogpark in München, in Zusammenarbeit mit Chipperfield Architects
www.baunetz-id.deMehr Menschen
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