Form folgt Verantwortung
Produktdesigner Jonathan Radetz über nachhaltiges Möbeldesign, öffentlichen Raum und Design als gesellschaftliche Praxis
Der Frankfurter Produktdesigner Jonathan Radetz arbeitet zwischen Handwerk, Interiordesign und öffentlichem Raum. Im Interview spricht er über die World Design Capital 2026, nachhaltiges Möbeldesign, interkulturelle Zusammenarbeit und Design als gesellschaftliche Praxis.
Als gelernter Schreinermeister studierte Jonathan Radetz Produktdesign in Garmisch-Partenkirchen. Es folgten Stationen beim Möbellabel e15 sowie in den Studios von Stefan Diez und Saskia Diez, bevor er sein eigenes Büro in Frankfurt am Main gründete. Mit seinem vierköpfigen Team arbeitet er multidisziplinär – von der Gestaltung öffentlicher Räume über Interiordesign, Möbel und Keramik bis hin zur eigenen Schmucklinie.
Was treibt Dich in Deiner Arbeit an?
Es ist vor allem Neugier – auf Materialien, Produktionsweisen, aber auch auf gesellschaftliche Zusammenhänge. In den letzten zehn Jahren hat sich mein Fokus erweitert: Design wird immer stärker ein Mittel, um an gesellschaftlicher Transformation mitzuwirken – unabhängig davon, ob es um eine Schmuckkollektion oder einen partizipativen Hocker-Workshop geht.
Was verstehst Du darunter, ein „interkultureller Botschafter im Dialog mit unterschiedlichen Gestaltungs- und Produktionsweisen aus anderen Teilen der Welt“ zu sein?
Die Aussage entstand im Kontext einer Ausstellung. Es geht mir um Schnittstellen: zwischen Design und Handwerk, zwischen Regionen und Kulturen. Gestaltung kann Transferarbeit sein. Das zeigt unser handgeknüpfter Teppich Annapurna, dessen Gestaltung auf einer Satellitenaufnahme des Annapurna-Gebirgsmassivs im Himalaya basiert. Er wurde bewusst mit traditionellen nepalesischen – und nicht, wie es eher üblich wäre, mit indischen – Produktionsverfahren hergestellt. Nepalesische Handwerksbetriebe sind oft kleiner und weniger sichtbar auf internationalen Märkten, während ähnliche Produkte aus Indien leichter verbreitet werden. Wir wollen faire Wertschätzung, nachhaltige Produktion sichtbar machen. Globalisierung bringt Nähe – und damit Verantwortung.
Viele Deiner Projekte beschäftigen sich mit dem öffentlichen Raum. Was läuft in Frankfurt gut?
Es gibt eine große Bereitschaft, den öffentlichen Raum als Gemeingut zu verstehen und darüber zu diskutieren. Die Internationalität der Region trägt dazu bei. Diese Aushandlung ist nicht konfliktfrei, aber sie findet statt – und das ist wichtig.
Und wo siehst Du die Herausforderungen?
Die Polarisierung ist stark. Wenn wir beispielsweise einen Platz im öffentlichen Raum installieren, dann schaffen wir ein neues Nutzungsangebot. Wir werden aber auch für die Nutzung – etwa Ruhestörungen am Abend – verantwortlich gemacht. Das ist grundsätzlich falsch. Man macht ja auch nicht die Straßenbauer für Geschwindigkeitsüberschreitungen verantwortlich. Veränderungen im öffentlichen Raum werden also schnell emotional aufgeladen. Mich beschäftigt, wie wir diese Verhandlungsprozesse nachhaltiger gestalten können, ohne ehrenamtliches Engagement zu entmutigen.
Was braucht ein öffentlicher Raum, um der Gesellschaft zu nützen?
Ganz konkret: Sitzmöglichkeiten, Schatten, Mülleimer und die Möglichkeit, sich konsumfrei aufzuhalten. Fast noch wichtiger ist aber die Frage, wer diese Räume gestalten darf. Denn ein gemeinsames Verständnis von Nutzung fehlt. Echte Beteiligungsprozesse sind entscheidend, damit Aneignung möglich wird.
Du bist mit mehreren Projekten an der World Design Capital Frankfurt RheinMain (WDC) 2026 beteiligt. Was erhoffst Du Dir von diesem Jahr?
Ich verstehe die World Design Capital als gesellschaftlichen Impuls. Design ist mehr als Formgebung – nämlich ein Kommunikations- und Beteiligungsprozess. Entscheidend wird sein, ob und wie Projekte über die WDC-Veranstaltungen im Jahr 2026 hinaus weiterwirken, um die Demokratie zu stärken.
Eines Deiner WDC-Projekte heißt Shifting Objects – Shifting Values. Welche Idee steckt dahinter?
Das Projekt startete bereits in Kopenhagen zu den 3daysofdesign 2025 und brachte deutsche und dänische Gestalter sowie Handwerker in vier transnationalen Teams zusammen. Ziel war es, gemeinsam an gesellschaftlich relevanten Themen zu arbeiten und Konzepte für eine demokratische und nachhaltige Zukunft zu entwickeln. Die Ergebnisse werden im WDC Hub Museum Angewandte Kunst Frankfurt (Eröffnung zum Tag des Deutschen Handwerks am 19.09.2026, Anm. d. Red.) präsentiert. Uns interessiert dabei weniger das fertige Objekt. Das Projekt ist eine Einladung, Designprozesse und unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen.
Gab es überraschende Erkenntnisse aus der Zusammenarbeit?
Mich hat gewundert, wie unterschiedlich Nachhaltigkeit diskutiert wird. In Deutschland ist das Thema sehr präsent, in Dänemark wird es weniger explizit verhandelt. Das zeigt, dass selbst Nachbarländer unterschiedliche Ausgangslagen haben. Genau daraus kann aber ein produktiver Austausch entstehen.
Ein anderes Projekt trägt den Titel WeKitchen. Du setzt es gemeinsam mit der Wissenschaftlerin Akpene Therése Gbogbo um. Worum geht es?
Grundlage sind wissenschaftliche Thesen zur inklusiven Gestaltung von Küchen, die beispielsweise auch neurodivergente Menschen berücksichtigen. Wir übersetzen diese Thesen in einen Prototyp, der im Rahmen der Zwischennutzung Vision 31 in der ehemaligen Kunstbibliothek gezeigt wird. Inklusion ist der Ausgangspunkt, wird aber nicht als Spezialthema inszeniert. Eine zentrale Erkenntnis: Akustische Maßnahmen verbessern das Wohlbefinden aller. Viele Maßnahmen kommen also allen Nutzern zugute. Der Prototyp ist bewusst reduziert – auch Bezahlbarkeit verstehen wir als Form von Inklusion.
Gibt es ein Projekt, das Dir besonders am Herzen liegt?
New Neues Frankfurt beschäftigt sich mit Wohnen, Funktionalität und innovativer Gestaltung – inklusive Möbelentwürfen für kleine Grundrisse und neuer Raumnutzung. Ausgangspunkt ist das historische Frankfurter mayhaus, das temporär geräumt und zu einem Modellhaus für nachhaltiges, zeitgemäßes Wohnen umgestaltet wird. Das Projekt knüpft an die Moderne an und reagiert auf heutige Wohnungsnot. Die Möbel konzipieren wir so, dass sie wenig Fläche beanspruchen. Sie sind als fertiges Produkt, als Bausatz oder als Bauanleitung zugänglich, damit sich verschiedene Zielgruppen erreichen lassen.
Wenn Du in die kommenden Jahre blickst: Welche Entwicklungen im Design faszinieren Dich?
Es geht weg vom isolierten Produkt. Reparierbarkeit, Kreislauffähigkeit und neue Vermarktungsmodelle werden zentral. Design muss mehr erklären und übersetzen können. Gestaltung als Mittel, um komplexe Zusammenhänge sichtbar und verständlich zu machen – das fasziniert mich.
Studio Jonathan Radetz
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