Dialog der Kulturen
Agi Kuczynska von TAKK Studio im Interview
Mit skandinavischer Klarheit, italienischer Materialität und polnischer Präzision prägt die aus Warschau stammende Interiordesignerin Agi Kuczynska einen kosmopolitischen Stil in der deutschen Hauptstadt. Wir haben sie zu ihren Stileinflüssen, eigenen Möbelentwürfen und Lieblingsprojekten befragt.
Mailand und Stockholm zählen zu den wichtigsten Designmetropolen. Agi Kuczynska hat in beiden Städten gelebt und ist anschließend nach Berlin gezogen, wo sie ihr TAKK Studio gegründet hat. Nun gestaltet sie vor allem private Wohnräume – stets mit einem aufmerksamen Blick auf den Alltag der Menschen.
Du hast in mehreren Städten studiert, gearbeitet und gewohnt. Welche kulturellen Einflüsse fließen in Deine Arbeit ein?
Ursprünglich komme ich aus Warschau, wo ich Architektur studiert habe. Danach bin ich ans Politecnico in Mailand gegangen und habe nach meinem Abschluss noch eine Zeit lang als Assistenzprofessorin gearbeitet. Anschließend bin ich nach Stockholm gezogen. Skandinavisches Design hat mich schon immer interessiert. Ich habe in Büros gearbeitet, die vor allem Interieurs entworfen haben. Nach einigen Jahren bin ich nach Warschau zurückgekehrt. Mit der klaren Erkenntnis, dass mich Innenräume mehr interessieren als klassische Architektur. Ich habe dann freiberuflich gearbeitet und unterschiedliche Projekte umgesetzt: grafische Leitsysteme entwickelt, ein Designmagazin herausgegeben und ein Schmucklabel gegründet.
Warum bist Du dann nach Berlin gezogen?
Kurz nach der Geburt unserer Tochter erhielt mein Mann ein Jobangebot in Berlin. Für uns war das der richtige Zeitpunkt, um noch einmal neu anzufangen. Als ich hier wieder zu arbeiten begann, gründete ich mein eigenes Studio: TAKK. Der Name ist bewusst doppeldeutig gewählt. Im Skandinavischen ist „takk“ das Wort für „danke“, im Polnischen bedeutet „tak“ dagegen „ja“. Mich interessiert genau diese Haltung: etwas Bejahendes, aber auch Wertschätzendes. Kurz nach der Gründung bekam ich den Auftrag, das Interieur eines Apartments zu entwerfen. Seitdem arbeite ich vor allem an privaten Wohnräumen und bringe dabei mein internationales Netzwerk ein.
Ein zentrales Wohnzimmer verbindet Küche, Essbereich und Musikraum zu einem offenen, lichtdurchfluteten Wohnlayout.
Wie sieht das in der Praxis aus?
Als ich nach Berlin kam, habe ich schnell gemerkt, wie eng die Stadt mit Polen verbunden ist. Für mich als polnische Muttersprachlerin ist das ein klarer Vorteil: Ich kenne die Designszene, aber auch Produzenten und Handwerker, die sehr präzise und zuverlässig arbeiten. Ähnlich ist es mit Italien. Ich bin zu einem Viertel Italienerin, spreche die Sprache und arbeite auch mit italienischen Partnern zusammen. So entsteht ganz selbstverständlich eine Arbeitsweise, die über Ländergrenzen hinweg funktioniert. Das passt gut zu Berlin: Hier treffen viele Einflüsse aufeinander. Und genau das spiegelt sich auch in meinen Interieurs wider.
Wie nutzt Du die internationalen Stileinflüsse in Deinen Projekten?
Das hängt vom jeweiligen Projekt ab. Mal orientiere ich mich stärker an skandinavischen Ansätzen, mal eher an denen aus Südeuropa. Berlin liegt geografisch und kulturell dazwischen. Es gibt Einflüsse aus dem Norden und aus Mittel- und Osteuropa. Hinzu kommen Traditionen wie das Bauhaus oder die Arbeiten deutscher Designer.
In Charlottenburg verbindet die behutsame Renovierung einer Privatwohnung historische Substanz mit einem zeitgemäßen Wohnkonzept.
Berlin stand lange für einen klaren, eher industriellen Stil. Dein kosmopolitischer Ansatz wirkt da wie ein frischer Impuls.
Viele meiner Kunden sind nicht in der Stadt aufgewachsen, sondern aus anderen Ländern nach Berlin gezogen. Wohnungen sind sehr persönliche Projekte. Mir geht es darum, nicht nur ihre Bedürfnisse zu berücksichtigen, sondern auch ihren Hintergrund sichtbar zu machen. Deshalb nehme ich mir viel Zeit, um zu verstehen, wie sie leben und was sie brauchen, denn jede Familie hat einen anderen Alltag. Auf dieser Grundlage entwickle ich eine Raumaufteilung, die genau dazu passt. Erst wenn diese funktionalen Fragen geklärt sind, arbeite ich mit Moodboards. Sie basieren auf unseren Gesprächen und können von einem beliebigen, aber unbedingt persönlichen Thema bestimmt sein, beispielsweise von Musik oder einer Reise, die ihnen gefallen hat.
Limitierte Budgets, emotionale Entscheidungen und Auftraggeber*innen, für die Designprojekte Neuland sind: Ist die Gestaltung von Wohnräumen besonders herausfordernd?
Gerade diesen persönlichen Aspekt schätze ich. Man arbeitet eng mit den Auftraggebern zusammen und begleitet sie dabei, ihr zukünftiges Leben zu gestalten. Bei Hotels oder Restaurants ist es oft so, dass man bis zur Eröffnung eng im Austausch steht und das Projekt danach nicht mehr weiterverfolgt. Bei Wohnprojekten ist das anders. Ich bekomme weiterhin Rückmeldungen und erfahre, ob die Räume im Alltag wirklich funktionieren. Aus dieser intensiven Zusammenarbeit entstehen oft langfristige Beziehungen.
Ein maßgefertigtes Sofa und ein individuell gestalteter Teppich erzeugen im Wohnbereich eine gesteuert harmonische Atmosphäre.
Du entwirfst viele individuelle Möbelstücke für Deine Projekte. Ist das ein wichtiger Teil Deiner Arbeit?
Ja, absolut. Ich würde sagen, dass 60 bis 80 Prozent individuell hergestellt werden. Da viele meiner Projekte Altbauten mit krummen Wänden und ungewöhnlichen Winkeln sind, ist das sehr wichtig. Außerdem lege ich großen Wert auf Stauraum und funktionale Lösungen. Beide Aspekte lassen sich mit Standardmöbeln schlecht umsetzen. Ich arbeite viel mit maßgefertigten Einbauten, entwerfe aber auch Tische, Bänke und Beleuchtungskörper. Ich denke immer zuerst an den ganzen Raum und nicht an seine einzelnen Elemente. Es ist nicht so, dass ich mit einem bestimmten Material beginne und dann darum herum alles gestalte.
Gibt es dennoch Materialien, mit denen Du besonders gern arbeitest?
Naturstein ist für mich ein zentrales Material, das ich in nahezu jedem Projekt einsetze. Generell bevorzuge ich natürliche Materialien und langlebige Dinge. Dabei ist „Langlebigkeit“ ein interessanter Stichpunkt, da ich diesen Begriff manchmal anders definiere als meine Kunden. Für mich sind langlebige Materialien solche, die gut altern. Sie verändern sich, aber auf positive Weise. Ich erkläre oft, dass man, wenn man einen 200 Jahre alten Palazzo betritt und dort eine Marmortreppe sieht, diese auch dann wunderschön findet, wenn sie nicht perfekt ist. Wenn sie Schrammen hat oder Altersspuren zeigt. Das ist eine typische Qualität natürlicher Materialien. Das versuche ich zu vermitteln.
Im Herzen Berlins entstand mit dem Umbau des ehemaligen Tacheles ein neues Stadtquartier mit zehn futuristischen Gebäuden renommierter internationaler Architekturbüros.
Wonach suchst Du die Dinge aus, die Du nicht selber entwirfst?
Ich kombiniere in meinen Projekten gerne Vintage-Stücke, weil sie eine zeitlose Qualität haben und gleichzeitig nachhaltig sind. Gebrauchte Designklassiker behalten ihren Wert, sind qualitativ hochwertig und bringen Patina mit, die dem Raum eine zusätzliche Ebene verleiht. Außerdem arbeite ich gerne mit lokalen Designerinnen und Designern aus Berlin und Polen zusammen. Die Designszene dort entwickelt sich gerade stark und es entstehen viele spannende Entwürfe. Das versuche ich aktiv zu fördern.
Spielt die Zukunft in Deiner Planung eine Rolle?
Absolut. Eine meiner ersten Fragen ist immer, wie lange meine Kunden in der Wohnung leben möchten. Wenn eine langfristige Nutzung vorgesehen ist, oft mit Kindern, dann gestalte ich die Räume von Anfang an so, dass sie sich später anpassen lassen. Ich plane beispielsweise Anschlüsse für eine zweite Küche ein, auch wenn der Raum zunächst als Kinderzimmer genutzt wird. Dieses vorausschauende Denken hängt mit meinen Erfahrungen in Polen während der Transformationsjahre zusammen. In den 1990er-Jahren, als es wirtschaftlich aufwärts ging, haben viele Familien sehr große Häuser gebaut. Meist ohne darüber nachzudenken, wie sich diese später verändern oder aufteilen lassen. Heute leben viele von ihnen auf 600 Quadratmetern, die nur schwer genutzt werden können, teuer im Unterhalt sind – und nicht nachhaltig. Die Zukunft wurde damals kaum mitgedacht. Genau das sollten Architekt*innen heute besser machen.
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