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Leise, aber bemerkenswert

Wie Edward Barber und Jay Osgerby drei Jahrzehnte lang die Designszene gemeinsam prägten

Seit Edward Barber und Jay Osgerby vor dreißig Jahren ihr Studio gründeten, prägten sie gemeinsam die Designszene mit klaren Formen und technischer Raffinesse. Nun haben sie das Ende ihrer Partnerschaft bekannt gegeben und möchten künftig eigene Wege gehen.

von Claudia Simone Hoff, 21.05.2026

Edward Barber und Jay Osgerby gehören zu den Designern, die lieber im Hintergrund bleiben und stattdessen ihre Entwürfe für sich sprechen lassen. Beide haben am Royal College of Art in London Architektur studiert und bewegen sich seither an der Schnittstelle zwischen Architektur, Design und Handwerk. Wie vielfältig ihr Œuvre ist und wie konsistent die gestalterische Sprache über die Jahrzehnte der Zusammenarbeit war, kann man derzeit in einer Ausstellung in der Triennale di Milano sehen, die während der Milan Design Week eröffnet hat.

Retrospektive in Mailand
Kuratiert von Marco Sammicheli, zeigt die umfassende Retrospektive Alphabet die wichtigsten Arbeiten des Designerduos aus den letzten dreißig Jahren. Zu den Exponaten zählen Skizzen, Modelle und Prototypen ebenso wie industriell gefertigte Produkte, darunter Möbel, Leuchten und Teppiche. Der Ausstellungstitel bezieht sich auf die grundlegende Gestaltungssprache des Studios, die sich quer durch ihr Schaffen zieht – mit einem wiederkehrenden Vokabular aus Kurven, Winkeln, Farben, Haptik und technisch präziser Reduktion. Das vom italienischen Studio Mille konzipierte Ausstellungsdesign gleicht einem White Cube: Wände, Decken und Podeste sind ganz in Weiß gehalten, sodass die meist farbigen Objekte maximal zur Geltung kommen. Dazu gesellen sich Vorhänge und wenige geschlossene Glasvitrinen.

Umfangreiches Werk
Die Hersteller, für die Barber Osgerby in den letzten drei Jahrzehnten gearbeitet hat, lesen sich wie ein Who's who der Branche und zeigen die Relevanz des Studios: Vitra, B&B Italia, Dedon, Fredericia, Established & Sons, Flos, Kettal, Axor, Bette, Marsotto, Kasthall. Unter den in Mailand ausgestellten Stücken sind auch handgefertigte Objekte wie beispielsweise Vasen für Venini, Leuchten und Tische für die Pariser Galerie Kreo, die man gemeinhin dem Collectible Design zuordnet. Doch auch Reisegepäck für Rimowa, Fliesen für Mutina, Computer für IBM, Rasierklingengriffe für Wilkinson Sword und die Fackel für die Olympischen Spiele 2012 gehören zum gemeinsamen gestalterischen Repertoire der beiden Briten, ebenso wie experimentelle Ausstellungs- und Architekturprojekte.

Scheinbar mühelos
Über unterschiedliche Maßstäbe und Branchen hinweg verhandeln die Arbeiten von Barber Osgerby die Beziehung zwischen Technologie und Handwerk, industrieller Fertigung und menschlichem Verhalten. Die besondere Stärke der beiden Gestalter liegt darin, diese komplexen Zusammenhänge in einem Produkt wie selbstverständlich erscheinen zu lassen. Das zeigt sich auch an der langjährigen Zusammenarbeit des Studios mit dem schweizerischen Hersteller Vitra, aus der einige ihrer prägendsten Möbelentwürfe hervorgegangen sind. Darunter ist beispielsweise der 2011 lancierte Tip Ton Chair, der Ergonomie mit gestalterischer Klarheit verbindet. Den eigentlichen Clou erkennt man erst auf den zweiten Blick: die leicht nach vorn kippbare Konstruktion, die dynamisches Sitzen fördert, die Körperhaltung verbessert und dabei unauffällig in das reduzierte Design integriert wurde.

Das Handwerk feiern
Das Faszinierende an den Arbeiten des Duos ist ihr scheinbar müheloses Hin und Her zwischen den Disziplinen. Ein gutes Beispiel für ihre Entwürfe im Collectible Design ist die Zusammenarbeit mit dem venezianischen Glashersteller Venini. Die Serie Lanterne Marine aus dem Jahr 2009 beispielsweise übersetzt traditionelle Murano-Techniken in strenge Formen aus geschichteten und ineinandergreifenden farbigen Glaselementen. Statt Glas ornamental einzusetzen, behandelten Barber und Osgerby das Material konstruktiv — mit Fokus auf Struktur, Transparenz und Geometrie. Spätere Arbeiten wie die Port-Vasen vertieften diese Auseinandersetzung mit Farbverläufen, Lichtbrechungen und Materialdichte.

Von der Insel in die Welt
Edward Barber und Jay Osgerby (beide Jahrgang 1969) gehören unbestritten zu den weltweit wichtigsten Designer*innen – ihre Arbeiten sind in den Sammlungen renommierter Museen vertreten. Auch dass sie für ihre Verdienste um die Designindustrie in den Order of the British Empire aufgenommen wurden, ist kein Zufall. In den 2000er-Jahren war ihr Studio wesentlich am Aufstieg des britischen Designs beteiligt. Dieser ging einher mit der Gründung des Unternehmens Established & Sons, das zu einer Plattform experimentellen Designs avancierte. Wenig überraschend also, dass auch in der Mailänder Ausstellung der wohl wichtigste Entwurf von Barber Osgerby für das Label nicht fehlt: der Iris Table in verschiedenen Varianten. Die Tische aus geschichtetem Sperrholz entfalten eine radiale Geometrie, die sich wie eine Kamerablende nach außen öffnet und die Struktur sichtbar macht.

Ein neuer Abschnitt
Dass die Retrospektive in Mailand gleichzeitig den Höhepunkt und das Ende ihrer Zusammenarbeit markieren würde, ahnte bis vor Kurzem noch niemand. Am 20. Mai 2026 gaben Edward Barber und Jay Osgerby bekannt, dass sie ihr gemeinsames Studio dauerhaft schließen werden, um sich künftig unabhängigen und individuellen Projekten zu widmen. Die Werkschau in der Triennale di Milano zieht damit die Bilanz einer kreativen Partnerschaft, die das zeitgenössische Design über drei Jahrzehnte hinweg geprägt hat.

Alphabet
Triennale di Milano
bis 6. September 2026

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Links

Barber Osgerby

barberosgerby.com

Alphabet

Ausstellung über Edward Barber und Jay Osgerby in der Triennale di Milano

triennale.org

Interview mit Edward Barber

Über das Design der Olympischen Fackel

www.baunetz-id.de

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