Blumen als Medium
Die Berliner Masterfloristin Carolin Ruggaber im Porträt
Carolin Ruggaber stellt die vergängliche Schönheit der Natur in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Sie verwandelt Pflanzen in florale Installationen und lebendige botanische Kompositionen. Mit ihrem Berliner Studio realisiert sie Projekte für Hermès, Cartier und Kunstinstitutionen weltweit.
Gräser winden sich in voluminösen Strängen spiralförmig nach oben, überlagern einander und lösen sich wieder. In das Geflecht sind Hortensien eingearbeitet, deren feine Blüten wie helle Kontrapunkte aus der dichten Struktur hervortreten. Vor der streng gegliederten Architektur wirken sie wie eine poetische Intervention. Nichts scheint zufällig und doch bewahren die Formen etwas natürlich Wucherndes.
Alles zusammenbringen
Die Gras-Hortensien-Installation stammt von Carolin Ruggaber und wurde 2025 in Südfrankreich für einen privaten Auftraggeber realisiert. Drei Monate zuvor reiste sie nach Cassis, um die Location zu besichtigen: Architektur und Landschaft, Maßstäbe, Lichtverhältnisse, Wasseranschlüsse, Arbeitsflächen, Bodenbeschaffenheit – alles fließt in die Planung ein. Entscheidend ist für die Gestalterin immer das kompositorische Ganze: Nicht die Installation allein wirkt, sondern das Zusammenspiel von Raum, Material und Situation. „Die Ideen kommen dann meist sofort, ich überlege gar nicht viel. In Cassis kam die Inspiration durch die umliegenden Olivenbäume, deren bläuliches Grün, das ich mit den Gräsern wieder aufgenommen habe. Bei den Hortensien fand ich die fluffige Struktur spannend, besonders im Kontrast zu den Gräsern.“
Ruggaber arbeitet mit einem feinen Sinn für Reduktion. Oft verwendet sie nur eine oder zwei Pflanzensorten oder setzt Blumen in einen unerwarteten Kontext. Die eigentliche kreative Arbeit geschieht in ihrem Studio in einer ehemaligen Flussbadeanstalt in Berlin-Lichtenberg. Manchmal entstehen Skizzen von Hand, entscheidend sind jedoch die digitalen Visualisierungen, die das Ergebnis möglichst präzise vorwegnehmen. „Das macht vieles einfacher in der Zusammenarbeit mit den Kunden“, sagt Ruggaber. „Es gibt weniger ‚back and forth‘ – und auch uns im Team hilft es, das Projekt wirklich zu verstehen.“
Logistik-Challenge
Steht das Konzept, schreibt sie Ablaufpläne, plant die Logistik, macht Testreihen mit Originalpflanzen und stellt das Team zusammen. Für das Projekt in Cassis arbeitete sie mit ihrem Partner – einem Ingenieur, der die Konstruktionen in Berlin schweißte und per Lkw nach Südfrankreich transportierte – und mit sieben freiberuflichen Floristinnen aus Berlin und Paris zusammen. „Das Aufregendste bei der Realisierung vor Ort ist immer die Logistik, die tausend Tode, die wir sterben, bis wir wissen, ob das richtige Material in der richtigen Farbe und zur richtigen Zeit ankommt. Wir sind auf die Händler angewiesen. Und bei einem natürlichen Produkt liegt ohnehin nicht alles in unserer Hand. Aber wenn etwas schiefläuft, sind wir Meisterinnen im Improvisieren.“
Zwölf-Stunden-Schichten, Kübel schleppen, auf den Punkt arbeiten – lange Vorläufe erlaubt die Arbeit mit lebenden Materialien nicht. Bei Außeninstallationen kommen die Witterungsbedingungen hinzu. Beim FLORA-Festival in Córdoba 2024 zeigte Ruggaber die Installation Fusión im Patio des Palacio de Orive: ein monumentales Zusammenspiel von Natur und Technologie. Im Mittelpunkt standen lebendige Farne, Licht und ihre unsichtbare Symbiose, unterstützt durch den Einsatz von Spiegeln. 4.000 Pflanzen waren dem Dauerregen ausgesetzt, die Töpfe sogen sich voll und wurden immer schwerer.
Am Ende des Festivals verschenkte das Team die Farne an die Bewohner*innen Córdobas. „Dennoch bleibt Nachhaltigkeit bei der Arbeit mit Blumen konfliktbehaftet“, sagt Ruggaber. „Der Ressourcenverbrauch ist da und die Blumen kommen oft von weit her.“ Wenn möglich, arbeitet sie mit lebenden Pflanzen oder mit Schnittblumen, die saisonal, regional oder zumindest in Europa wachsen. Unterkonstruktionen werden wiederverwendet. Außerdem versucht sie, auf Steckschaum zu verzichten, was deutlich mehr Aufwand bedeutet.
Vom Schwarzwald in die Metropole
Carolin Ruggaber lernte das klassische floristische Handwerk in ihrer Heimat im Schwarzwald, band in Indien mit Frauen auf der Straße Jasminblütenketten und verließ herkömmliche Wege in Australien, wo die Blumenkultur deutlich unkonventioneller ist als in Deutschland. An der Academy of Flowerdesign in Zürich lernte sie, Blumen größer zu denken und mit Kunst, Interiordesign und Architektur zu verbinden.
Bevor die großen Aufträge kamen, behängte sie die Berliner Oberbaumbrücke in Guerilla-Aktionen mit Blumen und nutzte Lost Places, um sich ein Portfolio aufzubauen. Heute gibt sie Masterclasses und arbeitet an internationalen Projekten, in denen sie urbane Einflüsse mit einer tiefen Wertschätzung für die Natur verbindet. Besonders reizen sie unkonventionelle Aufträge, bei denen sie die unendlichen Möglichkeiten von Struktur, Form und Farbe in floralen Interventionen zum Ausdruck bringen kann. „Blumen verbinden und bringen Menschen zusammen“, erklärt Carolin Ruggaber. „Ihre Schönheit ist etwas, worauf wir uns alle einigen können. Sie ermöglichen uns eine Art von Luxus – den Moment wahrzunehmen und zu genießen.“
Carolin Ruggaber
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