Alchemist des Alltags
Wie der Designer Harry Nuriev Vertrautes neu inszeniert
Harry Nuriev verwandelt Alltägliches in unerwartete Objekte und Räume. Müllsäcke, Flakons oder Kronleuchter werden zu gesellschaftskritischen Statements und eröffnen einen hyperrealen Blick auf Konsum, Kultur und Gefühle. Auf der Maison & Objet 2026 wurde Nuriev zum Designer des Jahres gekürt.
Das Universum von Harry Nuriev erinnert mit seinen elektrisierenden Farben und Oberflächen oft an einen hyperrealen Fiebertraum. Zu seinen Entwürfen zählt aber auch das Trash Bag Sofa aus 15 schwarzen Stoffbeuteln, die wie prall gefüllte Müllsäcke aussehen. Außerdem hat er Kronleuchter gestaltet, die statt funkelnder Kristalle bunte Plastikanhänger und Alltagsobjekte tragen. Seine außergewöhnlichen und fotogenen Inszenierungen nutzt Nuriev dabei nicht nur für die Sichtbarkeit in der digitalen Welt, sondern auch für gesellschaftskritische Statements.
Jenseits der Form als politische Geste
Nuriev gilt als einer der disruptivsten Gestalter seiner Generation. Die Haltung „Creativity becomes a ‚political‘ statement“ prägt seine Arbeit. In einer Zeit, „in der jede Form bereits erfunden und jede Farbe bereits gemischt zu sein scheint“, lehnt der 41-Jährige reine Neukreationen kategorisch ab. Stattdessen setzt er auf den sogenannten „Transformismus“. Mit diesem Begriff beschreibt der Architekt und Designer den kulturellen Zeitgeist von heute aus seiner persönlichen Perspektive: Statt Neues zu schaffen, müsse das bereits Existierende bewusst wahrgenommen und umgedeutet werden, auch wenn es unschön, banal oder alles andere als perfekt ist. Vermeintlich unwichtige Kulissen sollen in den Fokus rücken.
Als Beispiel für umgesetzten „Transformismus“ nennt Nuriev die Ausstellung Window Shopping in der Pariser Galerie Sultana, für die er 5.000 leere Flakons sammelte. „All diese Behälter wären normalerweise im Müll gelandet. Doch wir haben sie zu einer Komposition arrangiert, die unsere Generation widerspiegelt: Jeder Flakon für sich mag unbedeutend sein, doch im Kollektiv entfalten die leeren Flakons wieder eine gewisse Strahlkraft“, erklärt Nuriev.
Design ohne Berührungsängste
Harry Nuriev verfolgt einen radikal multidisziplinären Ansatz an der Schnittstelle von Design, Architektur, Kunst und Mode. Der gebürtige Russe, der zwischen New York und Paris pendelt, weigert sich dabei, in Kategorien zu denken. Seine Marke Crosby Studios, die er 2014 gründete, ist kein klassisches Design- oder Architekturbüro, sondern eine kreative Plattform. Selbst bei Aufträgen von so renommierten Unternehmen wie Balenciaga, Baccarat oder Valentino durchbricht er etablierte Codes und transportiert eine soziale Botschaft.
Für einen Jimmy-Choo-Shop entwarf Nuriev beispielsweise ein Interior, das keiner glamourösen Luxusboutique, sondern einem Lagerraum mit übereinander gestapelten Schuhkartons ähnelt. Dieses Szenario, das den Kund*innen normalerweise verborgen bleibt, sei viel authentischer als eine aufgeräumte und künstliche Fassade, erklärt er.
Ära der Gefühle
Global betrachtet stehen Harry Nuriev und seine Crosby Studios für ein Design, das nicht nur gefallen, sondern auch irritieren, verwandeln und vor allem Gefühle wecken möchte. Selbst Gemütlichkeit lasse sich heutzutage nicht mehr nach herkömmlichen Standards erschaffen, meint der Gestalter. Schließlich könne man im teuersten Restaurant der Stadt auf dem bequemsten Sofa sitzen und sich „absolut miserabel fühlen“.
Sein Bestreben, banale Dinge wie eine alte Autobatterie oder einen Müllsack in begehrenswerte Objekte zu verwandeln, sei dabei kein ästhetisches Kalkül. Es sei vielmehr ein Manifest für eine Zukunft, in der wir lernen müssen, mit dem zu leben, was wir bereits geschaffen und hinterlassen haben.
Die Zukunft im Vergangenen
Harry Nuriev wurde 2026 zum Designer des Jahres der Maison & Objet gekürt. In diesem Rahmen entwarf er einen Raum, der seine Vision widerspiegeln sollte: Alltagsgegenstände wurden zu Sammlerstücken und scheinbar Banales erhielt neue Bedeutung. Gleichzeitig griff seine Installation das Leitmotiv der diesjährigen Pariser Einrichtungsmesse „Past reveals Future“ auf – sinnbildlich: „Die Zukunft offenbart sich im Vergangenen.“
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