Menschen

In Räumen denken

Vorschau auf die Boden- und Teppichmesse Domotex 2024

Die Domotex, Weltleitmesse für Teppiche und Bodenbeläge in Hannover, stellt sich neu auf. Sie weitet den Fokus auf Wand und Decke aus, um so eine ganzheitliche, raumgreifende Betrachtung zu erlauben. Was hat es mit dem neuen Messekonzept auf sich? Und welche weiteren Themen werden vom 11. bis 14. Januar 2024 in Hannover bestimmend sein? Über die wichtigsten Veränderungen in der Branche sprachen wir mit Sonia Wedell-Castellano, Global Director der Domotex.

von Redaktion, 22.11.2023

Was können die Besucher*innen auf der Domotex 2024 erwarten?
Da wären zum einen natürlich unsere Aussteller, die ihre Innovationen und Top-Produkte präsentieren. Mit rund 1.000 Ausstellern aus 130 Nationen bedeutet das einen wirklich sehr guten Marktüberblick. Zum anderen bieten wir ein umfassendes ergänzendes Programm für alle Teilnehmenden. Unser Auftrag ist es – neben der Produktpräsentation – die Herausforderungen der Branche zu spiegeln und bei der Bewältigung dieser zu helfen. Das heißt, wir informieren genau über die Themen, die die unterschiedlichen Akteure der Branche aktuell beschäftigen, klären auf und bieten Lösungsansätze. Momentan sind das vor allem die Themen Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft und CO2-Neutralität. Parkett- oder Korkhersteller haben es bei diesen Themen natürlich etwas leichter, weil ihre Produkte bereits aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen. Doch auch die Produzenten von elastischen Belägen und Designbelägen versuchen, den Kunststoffanteil in ihren Produkten zu minimieren und durch umweltfreundliche Materialien zu ersetzen.

Welche Veränderungen gibt es bei Teppichen?
Handgefertigte Teppiche aus Wolle, Schurwolle oder Baumwolle sind bereits sehr nachhaltig. Das gilt auch für den klassischen Orientteppich. Exzellente Handarbeit und hochwertige Materialien sorgen dafür, dass so ein Teppich viele Jahrzehnte im Gebrauch bleibt. Hersteller handgefertigter Teppiche schauen deshalb eher auf soziale Aspekte in der Herstellung, nicht so sehr auf Materialien. Anders sieht es im Bereich der maschinell hergestellten Teppiche aus. Hier machen sich die Hersteller vor allem Gedanken, wie sie ihr bisher oft erdölbasiertes Produkt in Zukunft umweltfreundlicher gestalten können. Anstelle von Kunstfasern werden vermehrt umweltfreundliche Materialien genutzt. Wo Polyester oder Polypropylen zum Einsatz kommt, greifen immer mehr Hersteller zu Varianten, die sich besser recyceln lassen. Auch werden Teppiche zunehmend aus Garnen erzeugt, die zum Beispiel aus recyceltem Plastik gewonnen werden. Nachhaltigkeit beeinflusst die Branche derzeit auf verschiedenste Art und Weise.

Wie können die Besucher*innen darüber mehr erfahren?
Mit unserem Leitthema Floored by Nature und der Sonderschau The Green Collection in Halle 23 wollen wir einen Raum für nachhaltige Produkte schaffen, der auch als Impuls- und Inspirationsfläche dient, um wichtige Themen wie Kreislaufwirtschaft und nachhaltige Produktion, aber auch soziale Verantwortung zu diskutieren. Denn es ist nicht immer grün, wo „grün“ draufsteht. Genau darüber möchten wir aufklären. Das machen wir nicht alleine, sondern mit zwei Kooperationspartnern, die sich in dem Feld sehr gut auskennen.

Welche Partner sind das?
Die Materialschau der Green Collection wird von raumprobe aus Stuttgart kuratiert und konzentriert sich auf nachhaltige Materialien, Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft. Sie dient als Inspiration und soll Lust auf kreativen Materialeinsatz machen. Angereichert wird die Materialschau durch weitere Produkte unserer Aussteller, die vorab von einer Fachjury ausgewählt werden. Hier kollaborieren wir mit dem TFI, dem Institut für Bodensysteme an der RWTH Aachen, das auch aktuelle Forschungsprojekte präsentieren wird. The Green Collection ist deshalb direkt an unsere Bühne angeschlossen. Nachhaltigkeit wird auch in unserem Vortragsprogramm eine zentrale Rolle spielen. Für die Domotex on Stage haben wir uns spannende Vorträge und Panels einfallen lassen, die alle Besuchergruppen ansprechen: von Interiordesigner*innen und Architekt*innen bis zum Handel und Handwerk.

Nach welchen Kriterien werden die Produkte bestimmt?
Eine unabhängige Expertenjury sichtet die eingereichten Exponate unter der Leitung von Dr. Jacqueline Lemm – der Institutsleiterin des TFI – und vergibt dann Awards in unterschiedlichen Kategorien. Die Kategorien zahlen alle auf das Thema Nachhaltigkeit ein. Dabei stehen auch die Lieferketten im Fokus sowie die soziale Verantwortung, die für Mitarbeiter*innen in der Produktions- als auch in der Lieferkette gilt.

Welche weiteren Schauen wird es geben?
Mit den Mood Spaces planen wir sechs Inspirationsflächen in der Halle 2. Es handelt sich hierbei um Ausschnitte aus einem Raum: Schaufenster, in denen verschiedene Bodenbeläge und Teppiche mit Möbeln, Dekoration, aber auch mit Wandfarben und Tapeten ein stimmiges Szenario darstellen. Hier erhalten wir Unterstützung bei der Einrichtung von Möbel Staude aus Hannover und Caparol Icons, die uns bei den Farben behilflich sind. Gestaltet und umgesetzt werden die Räume von der Bloggerin und Interiordesignerin Holly Becker, die gemeinsam mit anderen Interiorexperten auch Workshops zu den Themen Einrichtung, Farbe und Muster gibt.

Es geht also darum, in gesamten Räumen zu denken?
Genau, alle unsere Besucher*innen, von Händler*innen über Handwerker*innen bis zu Architekt*innen, müssen den Raum in ihrem Arbeitsalltag ganzheitlich denken. Neben Bodenbelägen benötigen unsere Besucher*innen auch Wand- und Deckenprodukte – Produkte, die wir bisher nicht in den Vordergrund gerückt hatten. Deshalb haben wir gemeinsam mit der Decor Union und MEGA den Retailers’ Park geschaffen. In diesem Bereich finden unsere Besucher*innen künftig alles rund um die Produktsegmente Boden, Wand und Decke. Konkret bedeutet das: Neben weiteren Bodenbelagslieferanten finden sie hier Farben, Lacke, Tapeten, Sonnenschutz sowie viele weitere innovative Produkte für eine ganzheitliche Raumgestaltung.

Wie sind die Hallen aufgeteilt?
Wir sorgen mit der Aufteilung nach Floor Coverings und Carpets & Rugs für eine klare Struktur und Orientierung auf dem Messegelände. In den Hallen 19 bis 23 findet sich alles an Bodenbelägen im Wall-to-Wall-Bereich. Also: Teppichböden, aber vor allem Hartböden wie Parkett, Laminat, LVT, elastische Bodenbeläge sowie auch Anwendungs- und Verlegetechnik. Und in den Hallen 2 bis 6 dreht sich alles rund um den Teppich, der auf einen Bodenbelag draufgelegt wird: Von antiken Orientteppichen über moderne handgefertigte Designs bis hin zum maschinell hergestellten Teppich.

Vor welchen Herausforderungen steht die Messe?
Der Markt ist derzeit von Unsicherheit geprägt. Nach der Pandemie und aufgrund der schwierigen globalen wirtschaftlichen Lage sowie den geopolitischen Herausforderungen sind viele Unternehmen kostensensibler und die Marketingbudgets geringer als früher. Aus diesem Grund sind einige Aussteller gezwungen, ihre Stände zu verkleinern. Deshalb haben mein Team und ich verschiedene Komplettlösungen für kostengünstige Optionen entwickelt, um allen Ausstellern die Teilnahme an der Domotex zu ermöglichen. Die Domotex ist das Zuhause der Teppich- und Bodenbelagsindustrie, wir möchten die gesamte Branche vereinen! Wir wollen nicht, dass die Teilnahme an einem kleineren Marketingbudget scheitert.

Wie sehen diese Formate aus?
Wir bieten für unsere Sonderschauen The Green Collection und Retailers’ Park All-Inclusive-Pakete an. Normalerweise buchen Unternehmen auf einer Messe nur die Grundfläche und geben einen eigenen Standbau in Auftrag. Zusätzlich müssen sie sich um die gesamte Logistik kümmern. Wenn sich Aussteller für eine unserer Beteiligungsmöglichkeiten entscheiden, übernehmen wir diese Aufgaben. Wir statten die Firmen mit einem vorgefertigten Standbau aus, stellen das Mobiliar und wickeln die gesamte Logistik ab. Aufgrund des Baukastensystems haben Unternehmen hier natürlich nicht die Möglichkeit, sich in ihrem eigenen Corporate Design zu präsentieren wie bei einem individuellen Stand. Doch dafür halten sich der Aufwand und die Kosten gering. Die meisten Aussteller – neunzig bis fünfundneunzig Prozent – entscheiden sich aber weiterhin für ihren eigenen, individuellen Stand.

Aus welchen Ländern kommen die meisten Aussteller?
Wir erwarten im Januar etwa 1.000 Aussteller aus 130 Nationen. Der Ausstellungsbereich Carpets & Rugs ist traditionsgemäß orientalisch geprägt. Hier finden Sie zum Beispiel Anbieter aus dem Iran, der Türkei und den Vereinigten Arabische Emiraten. Doch auch Indien und China haben große Länderbeteiligungen. Bei den Bodenbelägen gibt es eine starke europäische Prägung mit vielen deutschen, niederländischen oder belgischen Unternehmen. 2024 präsentieren wir zudem erstmals einen Länderfokus. Den Auftakt macht Italien mit dem Special Display Insight Italy. Die Domotex war schon immer eine äußerst internationale Messe und wir freuen uns, dass zu jeder Ausgabe Aussteller und Besucher*innen aus allen Teilen der Welt nach Hannover kommen, um sich mit Gleichgesinnten auszutauschen.

Vielleicht noch einen Blick in die Zukunft: Wie will sich die Messe weiterentwickeln?
Wir werden weiterhin jährlich stattfinden, jedoch mit unterschiedlichen Schwerpunkten. In den ungeraden Jahren immer mit dem Fokus auf Carpets & Rugs. In den geraden Jahren präsentieren wir das gesamte Spektrum der Bodenbelagsindustrie. In den kommenden Jahren möchten wir die Domotex weiter ausbauen und Produkte für Interior Finish in unser Angebotsportfolio integrieren. Konkret bedeutet das, dass wir Produkte, die ich zur Ausgestaltung des Innenraumes benötige – vom Bodenbelag, dem richtigen Teppich über den Sonnenschutz bis zur Wandfarbe oder Tapete – auf der Domotex präsentieren möchten. Wir wollen die neuesten Entwicklungen und Trends in der Bodenbelagsszene und Teppichwelt in einen breiteren Kontext setzen und somit Synergien erzeugen.

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