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Das Gute trifft das Schöne

Interview über die Kooperation von Arper und PaperShell

Ein Klassiker in neuem Gewand: Zum Salone del Mobile stellt Arper seinen Klassiker Catifa 53 aus einem neuen, papierbasierten Material vor. Im Interview sprechen Arper-CEO Roberto Monti und Anders Breitholtz, CEO und Mitgründer von PaperShell, über die Entwicklung des Catifa Carta.

von Judith Jenner, 14.04.2024

Wie kamen Sie auf die Idee, den Catifa 53 aus einem neuen Material herstellen zu lassen?
Roberto Monti: Die ökologische und soziale Nachhaltigkeit zog sich in den letzten zwanzig Jahren wie ein roter Faden durch meine Arbeit. Bei Arper habe ich gemerkt, dass es sich um ein kleines Juwel handelt, dass meine Bemühungen auf einen sehr fruchtbaren Boden fallen und ich etwas bewegen kann. Es geht zum einen darum, die Auswirkungen auf die Umwelt zu reduzieren, und zum anderen darum, den Übergang zur Kreislaufwirtschaft zu vollziehen. Dabei ist das Material natürlich ein Schlüsselelement. Bereits vor einigen Jahren gab es den ersten Kontakt zwischen unserem Forschungs- und Designteam und den Gründern von PaperShell.  Ich habe dann gesagt, okay, wir müssen das beschleunigen. Der Catifa 53 ist unsere Ikone. Mit seinen Linien und Kurven bringt er das Design der Familie am besten zum Ausdruck. Deshalb wollten wir dieses neue Material mit ihm einführen.

Welche Bedeutung hat der Stuhl für Arper?
Roberto Monti: Die Catifa-Familie ist das Herzstück der Entwicklung von Arper und stellt natürlich immer noch einen sehr wichtigen Teil des Umsatzes und der Markenbekanntheit dar. Der Catifa 53 ist der Kern des Ganzen.

Was ist das Besondere an dem Material PaperShell?
Anders Breitholtz: Ich bin seit zwanzig Jahren Scout für nachhaltige und fortschrittliche Materialtechnologien für Fortune 500-Unternehmen. Mein Eindruck war, dass es einen Mangel an Materialien auf dem Markt gab. Egal ob für Sport, Architektur, Möbel oder Unterhaltungselektronik, die Unternehmen haben sich verpflichtet und waren gewillt, auf nachhaltige Materialien umzusteigen und den Übergang zur Kreislaufwirtschaft zu vollziehen. Aber es gab einfach nichts Passendes. Da dachte ich mir: Warum trommle ich nicht ein paar Experten und Nerds zusammen, um ein Material zu entwickeln, das für die großen Marken geeignet ist und ihren Bedürfnissen entspricht? Da ich Skandinavier bin, lag es nahe, den Wald sowie die Zellstoff- und Papierindustrie zu nutzen. Wir wollten Hightech aus der Natur produzieren. Mit Arper gab es da quasi eine natürliche Übereinstimmung.

PaperShell wird aus einem Holznebenprodukt hergestellt.
Anders Breitholtz: Genau. Wir nehmen das Papier und holen uns das zurück, was bei der Papierherstellung verloren geht, nämlich die Hemicellulose. Es ist einer der natürlichen Bestandteile des Baums, neben Zellulose, aus der wir einen Verbundwerkstoff herstellen. Wir führen also diesen Bestandteil zurück ins Papier und verwenden ihn als Klebstoff. Daraus entsteht eine Art künstliches Holz, das sich in 3-D-Formen pressen lässt, ganz ohne fossile Bindemittel oder Ähnliches. Es ist zu hundert Prozent biogen und kann am Ende des Nutzungszyklus wie Holz behandelt oder, noch besser, in Boden, der bis zu einem Kilogramm biogenen Kohlenstoff speichert, umgewandelt werden. Zugleich ist es deutlich stabiler als Holz, eher vergleichbar mit Glasfaser. Es lagert nicht wie andere Naturfaserverbundstoffe Wasser ein und ist damit witterungsbeständig.

Fühlt es sich auch an wie Holz?
Anders Breitholtz: Es hat eine warme, lederne Holztextur und fühlt sich sehr natürlich an. Als wir das Material Vertretern der Automobilindustrie vorstellten, fragten sie: Was ist das? Es hat seine eigene Identität.
Roberto Monti: In dem Material steckt eine Neudefinition von Schönheit. Auf der einen Seite gibt es die Schönheit des Materials selbst, das auf Bäumen basiert, was eine leichte Imperfektion mit sich bringt. Auf der anderen Seite wird das dem Catifa einen neuen Charakter geben mit neuen Schattierungen. Angesichts der Herausforderungen, vor denen unsere Branche steht, gilt es, das Gute und das Schöne zusammenzubringen. Ganz im Sinne der altgriechischen Definition von Schönheit (kallos), die ein Gleichgewicht zwischen der körperlichen Erscheinung und den seelischen Tugenden fordert, die in ihrer Kombination die wahre Schönheit ausmachen. Ich bin also sehr neugierig und interessiert daran, wie man das, worüber Anders gesprochen hat, auf die richtige Weise zum Leben erwecken kann.

Hat die Wahl eines neuen Materials auch Einfluss auf das Design des Stuhls gehabt?
Roberto Monti: Wir haben uns bewusst für eine Ikone entschieden, die die Kraft, die in diesem Material steckt, mit ihren kurvigen Formen erst richtig zur Geltung bringt. Mit dem Catifa 53 können sich die Leute identifizieren. Über diesen Stuhl können wir die Geschichte und die Bedeutung des Materials einführen und es mit dem verbinden, was bereits bekannt ist. In der ganzen Geschichte geht es nicht nur um ein Objekt. Es geht um den Prozess und um die Partnerschaft, die darauf gründet, die Lebensdauer des Produkts zu verlängern und es an dessen Ende wiederzuverwerten. Das bedeutet einen echten Paradigmenwechsel für den Einsatz von Material und Design.

Wurden die Designer*innen Lievore, Altherr und Molina in den Prozess eingebunden?
Roberto Monti: Auch wenn ein Großteil der Arbeit für den Catifa Carta beim Forschungs- und Entwicklungsteam liegt, haben wir die Designer natürlich einbezogen, zum Beispiel im Hinblick auf die Auswahl der Farben und Oberflächen. Alberto Lievore, Jeannette Altherr und Manel Molina wären sehr glücklich gewesen, wenn es 2001 bereits möglich gewesen wäre, ein Material wie dieses zu verwenden.

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