Menschen

Zwischen Euphorie und Askese

Studiobesuch bei Karhard in Berlin

Kaum ein Ort steht für Berlin wie das Berghain, kaum ein Designbüro steht für Hauptstadt-Ästhetik wie Studio Karhard. Seit 2003 gestalten Alexandra Erhard und Thomas Karsten Bars und Clubs - wie die Party-Legende Berghain - aber auch Büros und Restaurants. Im Alltag Berlins sind sie damit gegenwärtig. Wir haben die etablierten Avantgardist*innen in ihrem Altbau-Office auf der Kreuzberger Spree-Seite besucht. Mit Thomas Karsten haben wir über Räume als Emotionsverstärker, Design für eingeschränkte Zurechnungsfähigkeit und ihre schwebenden Süßwaren-Gondeln für die Food-Etage des KaDeWe gesprochen.

von Tanja Pabelick, 15.02.2024

Einst eine geteilte Stadt, dann arm, sexy und feierwütig und heute eine modernisierte, kosmopolitische Metropole, die ihren europäischen Hauptstadt-Schwestern immer ähnlicher wird: Berlins jüngste Geschichte war so rasant wie eine Partynacht. Manche wachen verkatert auf, andere hängen eine zweite dran. Mehr als drei Dekaden Berlin hat Studio Karhard schon erlebt – und damit auch viele Stilepochen der Feier-Institutionen. Von illegalen Pop-up-Partys über die provisorische Umnutzung des Leerstands bis zur Etablierung von ikonischen Institutionen mit festem Standort – Alexandra Erhard und Thomas Karsten haben der deutschen Hauptstadt gestalterisch die Hand gehalten. Der Job, mit dem sie auch über die Designszene hinaus bekannt wurden, war das Berghain. Kein anderer Club steht für Berlins Partykultur wie der legendäre Drei-Tage-Wach-Tempel zwischen Friedrichshain und Kreuzberg (daher auch sein Name). Seither gilt das Karhard-Duo als international agierende Spezialeinheit für Darkrooms, partyrobuste Waschräume und hedonistische Tanzbühnen. Aber auch in Berlins Arztpraxen, Restaurants oder im KaDeWe haben die Designer*innen unverwechselbare Spuren hinterlassen.

Zwei Dekaden Clubkultur
Die Arbeitsräume des Studio Karhard liegen direkt im Kreuzberger Kiez, zwischen Spaßkultur und Dönerläden. Zur Linken fließt die Spree, zur Rechten rauscht die U-Bahnlinie 1 am Schlesischen Tor vorbei, auf der anderen Uferseite winkt der Kater vom Holzmarkt. Zu vielen ihrer Projekte könnten die Designer*innen zu Fuß laufen, die Nähe zur Kulturszene ließe sich mit wenigen kurzen Linien auch auf einer Stadtkarte nachzeichnen. Im ersten Obergeschoss eines Altbaus liegen die Arbeitsräume, unter den stuckverzierten Decken stapelt sich ein Materialarchiv. Entlang der langen Flurwand haben die Mitarbeiter*innen zum 20. Unternehmensjubiläum eine Zeitleiste der Karhard-Projekte angebracht. Die doppelte Spaltenbreite der Rubrik „Clubs“ lässt keinen Zweifel daran, dass man bei Karhard neben allen anderen Interieur-Aufgaben wie Büros, Praxen und Wohnprojekten auch immer irgendwas im Nachtleben zu tun hat. Reingerutscht sind Thomas Karsten und Alexandra Erhard hier aber weniger als Stammgäste, sondern eher durch Zufall.

Kaltstart im Ostgut
Alexandra Erhard und Thomas Karsten arbeiteten Mitte der Neunzigerjahre als Architekt*innen in einem Planungsbüro. „Dann lernten wir um den Jahrtausendwechsel zufällig die Betreiber des Ostguts kennen, die für ihre Snax-Partys einen festen Ort suchten“, erzählt Karsten. Das Paar wurde zu Location-Scouts. „Wir schauten uns Bunker an, den Flughafen – und fanden irgendwann die Halle am Ostbahnhof, ein ehemaliges Reparatur-Lager für Züge. Wir sorgten für die Baugenehmigung, hatten aber mit dem Laden selbst nicht so viel zu tun.“ Das änderte sich, als das Ostgut abgerissen wurde und man einen neuen Ort mit dauerhaftem Bleiberecht wollte. Das Berghain eröffnete im alten Heizkraftwerk Friedrichshain. Und Alexandra Erhard und Thomas Karsten waren wieder dabei. „Wir haben erstmal ein Konzept und eine Kostenschätzung erstellt – und uns dann schnell selbstständig gemacht.“

Schlange mit Intention
Einen Ort fürs Nachtleben zu gestalten, ist für sich eine besondere Planungsaufgabe. Als neu gegründetes Architekturbüro den wichtigsten Club der deutschen Hauptstadt mit zu betreuen, ist mindestens tollkühn. „Am Anfang war das Berghain außerhalb Berlins noch nicht so bekannt. Trotzdem war der Umfang einschüchternd“, blickt Karsten zurück. „Wir haben uns zuerst strategische Gedanken gemacht und sind gleich auf Stadtplanungsamt, Denkmalpflege und Bauamt zugegangen. Wir haben beispielsweise den Eingang an die Gebäuderückseite verlegt und damit damals schon Raum für die legendäre Schlange geplant.“ Auch im Innern eines intensiv durchfeierten Hauses gibt es einiges zu beachten, das über DIN-Normen, Fluchtwege und Brandschutz hinausgeht. „Dauerhaftigkeit, Reinigbarkeit und Sicherheit sind wichtige Punkte. Die Gäste dürfen nicht hängen bleiben, ihre Finger nirgendwo reinstecken können. Man plant für den Zustand eingeschränkter Zurechenbarkeit: Es ist dunkel, neblig und die Leute sind berauscht, da muss alles taktil und instinktiv funktionieren.“

Jenseits des Stereotypischen
Als Mitgestalter des Berghains wird Studio Karhard immer wieder auf diesen einen großen Job angesprochen. Ist das Fluch oder Segen? „Nur das Berghain zu sehen, das wird uns als Studio nicht gerecht. Aber ein Projekt wie das Berghain ist ein Glücksfall. Deswegen sehen wir es als Segen – und Türöffner.“ Auch weil Studio Karhard einen wichtigen Teil der Berliner Identität mit verantwortet hat, kommen Institutionen auf die Gestalter*innen zu. Shops, Restaurants und Bars, die in den Arbeiten von Studio Karhard berlintypischen Charakter erkennen – und die sie auch mal stereotypisieren. „Manche erwarten von uns harten Industrial Style, dabei machen wir auch ganz warme, pastellige Konzepte, wie für die Dermatologie Schindler, oder inspirierende und avantgardistische Arbeitsräume, wie für Sony Music.“

Die nächste Legende: das KaDeWe
Auch vom KaDeWe ist Studio Karhard eingeladen worden – für den wahrscheinlich schönsten Job, den das bekannteste Kaufhaus Deutschlands zu vergeben hatte: die sechste Etage. In deren Foodcourt trifft sich ganz Berlin bei Trüffeln, Champagner und Austern – und Studio Karhard beamte das gediegene, fliesenbelegte, holzvertäfelte und in die Jahre gekommene BRD-Universum in die Moderne. Gold und Messing treffen seit der Eröffnung 2019 auf schwarz gebrannte Ziegelwände und ein Terrazzoboden aus Berliner Flusssand verbindet die Gründungsjahre mit der Zukunft. Der Umbau im laufenden Betrieb wurde von Rem Koolhaas' Architekturbüro OMA geplant, das das Kaufhaus in vier Quadranten teilte und jeden Bereich einem Designbüro zuweisen wollte. „Als wir den ersten Quadranten fertig hatten, wurden wir gefragt, ob wir noch einen zweiten machen wollten.“ Zu dem gehörte die Süßigkeitenabteilung, die dank Karhard heute ein echtes Highlight à la Willy Wonka ist. Pralinen und Süßigkeiten stehen jetzt in bonbonbunten Regalgondeln, die sich an kurvigen Schienen auf der Verkaufsfläche verschieben lassen.

Stille Helden eines guten Interieurs
Ein Kaufhaus, in dem Besucherströme gelenkt werden müssen. Eine Arztpraxis, deren Räume so umarmend wirken, dass sie die Ängste der Patient*innen lindern. Ein Nachtclub, der die Unzurechenbarkeit seiner Gäste mit einkalkuliert. Wo sieht Karsten als Gründer den roten Faden zwischen den vielen unterschiedlichen Projekten seines Studios? „Unser Herangehen ist besonders, wenn auch wirtschaftlich nicht immer besonders clever. (lacht) Wir haben den Anspruch, die Dinge tief zu ergründen und immer wieder etwas Maßgeschneidertes für Ort, Aufgabe und Auftraggeber zu entwickeln – ganz gleich, ob es ein Häuschen an einem Brandenburger See ist oder ein gigantischer Nachtclub in Kiew.“ Was außerdem auffällt, ist die Sensibilität von Studio Karhard für die Stimmungselemente, die nicht sofort ins Auge fallen, wie Akustik oder Licht. Vielleicht war das Berghain für diese Haltung ein ausschlaggebendes Initialprojekt. „Besonders Akustik wird gern vergessen. Da sitzt man dann in einem neu eröffneten Restaurant und kann sich nicht unterhalten, weil der Lärmpegel sich so hochschaukelt“, meint Thomas Karsten.

Räume mit viel Planungstiefe
„Wann immer wir ein Projekt planen, ob Büro oder Praxis, Restaurant oder Bar, denken wir Akustik mit und verbauen schallschluckende Paneele, Akustiksegel oder Vorhänge. Ähnlich verhält es sich mit Licht, das die Atmosphäre maßgeblich beeinflusst. In den Arbeitsräumen von Sony haben wir beispielsweise einen ‚Darkroom‘ geplant, der ohne Medientechnik auskommt, dafür aber mit Sofas und schummriger Beleuchtung ausgestattet ist. Heute ist das der beliebteste Besprechungsraum.“ Vielleicht ist Studio Karhard einfach besonders gut darin, für Gefühle zu bauen und Räume als ihren Verstärker oder Entkräfter zu nutzen. So bringen sie mit gutem Design die Euphorie in die Clubs und die Angst aus der Arztpraxis. Aktuell finalisieren die Designer*innen übrigens die Braustube eines Craft Beer-Unternehmens – und bespielen wieder ein neues Feld nach geübter Rezeptur. Man darf gespannt sein, wie Studio Karhard Pub-Tradition und Großstadt-Moderne neu abmischt.

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Studio Karhard

karhard.de

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