Der Geschichtenerzähler
Ein Gespräch mit dem Pariser Innenarchitekten Hugo Toro
Der Innenarchitekt und Designer Hugo Toro ist sich sicher: Nur wenn sich Menschen mit einem Ort identifizieren können, fühlen sie sich dort auch wohl. Wir trafen den sensiblen und hyperaktiven Globetrotter in seiner Wahlheimat Paris und sprachen mit ihm über sein filmreifes Berufsleben, Orte mit Historie und zeitlose Räume.
Hugo, Ihr Profil und Ihre Projekte sind so vielfältig, dass ich Sie unmöglich in nur wenigen Worten vorstellen mag. Würden Sie das bitte übernehmen?
Das haben Sie gerade schon selbst sehr gut hinbekommen: Hugo Toro lässt sich nicht mit wenigen Worten beschreiben (lacht). Denn ich setze mir keine Limits, um so viele Dinge wie möglich auszuprobieren. Ich mag den Vergleich meiner Arbeit – und wahrscheinlich auch meines Lebens – mit dem Drehbuch eines spannenden Kinofilms: Meine Projekte sind wie einzelne Kapitel, die sich wie zufällig aneinanderreihen und am Ende eine stimmige Story bilden.
Wie gestalteten sich denn die ersten Szenen Ihres filmreifen Berufslebens?
Ich habe zunächst einen Master in Innenarchitektur an der Pariser Kunsthochschule Penninghen gemacht. Fünf Jahre lang, davon ein Jahr in Melbourne. Das Studium schloss ich als Jahrgangsbester ab und hatte danach so viele Jobangebote, dass ich in ein tiefes Loch fiel. Das hört sich vielleicht komisch an, aber ich konnte mich einfach nicht für den nächsten Schritt entscheiden. Schließlich verschlug es mich nach Wien, wo ich angewandte Kunst studierte. Also ein ganz anderes Studium als das an der Hochschule Penninghen, aber Gegensätze sind definitiv ein Teil von mir. So bin ich einerseits ein absoluter Träumer und Geschichtenerzähler – und auf der anderen Seite ein totaler Geek, der ständig die Grenzen der Technik ausreizt.
Kulturelle Gegensätze haben Sie aber auch schon im wahrsten Sinne des Wortes in die Wiege gelegt bekommen…
Das kann man so sagen. Ich bin eine Art Oxymoron (lacht). Meine Eltern lernten sich in Mexiko kennen, wo meine Mutter ursprünglich herkommt, und zogen dann in die Heimat meines Vaters nach Ostfrankreich. In dieser sehr germanophilen Gegend bin ich auch aufgewachsen, allerdings ging es bei uns eher wie bei Frida Kahlo zu: Unser Haus war sehr farbenfroh, meine Mutter dekorierte es ständig neu und stellte fast täglich ein Möbelstück um. Dieses ambivalente Umfeld hat mich definitiv geprägt. Ich mag das expressive Spiel mit Farben und Texturen genauso gerne wie den Brutalismus. Mir gefällt einfach die Konfrontation von Gegensätzen.
Ihr Stil zeichnet sich aber auch durch eine Art Zeitlosigkeit aus.
Richtig, das ist ein ganz wichtiger Aspekt für mich. Denn ich möchte nicht trendige Orte schaffen, um die sich erst alle reißen und die zwei Jahre später niemanden mehr interessieren. Es geht mir vielmehr darum, einen bestimmten Ort mit Elementen aus der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft einzurichten. Denn nur wenn Menschen sich an einem Ort wiedererkennen oder dieser Erinnerungen in ihnen weckt, können sie sich dort auch wohlfühlen.
Wie können wir uns Ihre Herangehensweise vorstellen?
Ich muss das Projekt zuerst in seiner Gesamtheit verstehen. Dazu unterhalte ich mich zum Beispiel sehr intensiv mit Personen, die sich mit der Historie des Ortes auskennen oder stelle mir vor, wer diesen in Zukunft nutzen wird. Ich träume auch viel von meinen Projekten und denke mir Geschichten um sie herum aus – aber bitte halten Sie mich jetzt nicht für verrückt, das ist wirklich so. Meine Gedanken und Vorstellungen halte ich dann in Zeichnungen fest, die mir zu 95 Prozent auch als Vorlagen meiner Entwürfe dienen. Diese lasse ich maßanfertigen und experimentiere dabei mit den verschiedensten Materialien, Texturen und Farben. Oder ich suche nach sehr ähnlichen Objekten auf Flohmärkten. Denn es geht mir nicht darum, ganz neue Dinge zu erfinden oder zu überraschen. Ich möchte Neues aus bestehenden Gegebenheiten schaffen.
Welche Projekte stehen als Nächstes an?
Im September eröffnet ein Restaurant in London, das man mir anvertraut hat. Ein sehr luxuriöses Projekt im viktorianischen Stil und mit sieben Meter hohen Decken. Im Frühjahr nächsten Jahres wird das Atelier der Villa Albertine eingeweiht, das ich in dem französischen Kulturzentrum in New York gestalten werde. Derzeit arbeite ich aber auch an dem ersten Hotel vom Orient-Express, in unmittelbarer Nähe vom Pantheon in Rom, und an diversen Projekten in Dubai und Frankreich.
Mitten im Coronajahr 2020 haben Sie Ihre eigene Agentur in Paris gegründet.
Das war eine recht spontane Idee, die während der Pandemie entstand, aber die auch niemanden so wirklich gewundert hat. Heute arbeiten hier fast 30 Personen mit ganz unterschiedlichen Backgrounds, das empfinde ich als sehr inspirierend. Und weil wir alle hier sehr viel Zeit verbringen, habe ich die Räumlichkeiten auch mehr wie eine Wohnung als ein Büro eingerichtet.
Wie kann man sich denn Ihre private Wohnung vorstellen?
Es ist lustig, dass Sie das fragen, denn am kommenden Wochenende ziehe ich endlich um. Nach zwei Jahren brauchte ich unbedingt einen Tapetenwechsel. Jetzt ziehe ich in ein Gebäude, das in den Siebzigerjahren errichtet wurde. Diese Zeitepoche empfinde ich als sehr nostalgisch, im positiven Sinn. Und sie hat mich auch für das Interior inspiriert: Es gibt in meiner neuen Wohnung ganz viel Gelb, Lack, Holz, grafische Strukturen und einen Panoramablick durch raumhohe Schiebefenster. Es wird ganz anders als mein altes Apartment, das ich wie eine edle Hotelsuite eingerichtet hatte.
Ich nehme stark an, dass Sie auch für sich selbst Möbel entwerfen – ziehen die auch mit um?
Selbstverständlich sind auch meine privaten Wohnräume maßgeschneidert – was ich übrigens als sehr kompliziert empfinde, weil ich so ungerne für mich selbst Entscheidungen treffe. Das habe ich leider erneut bei meinem Umzugsprojekt feststellen müssen, denn das gesamte Interior meiner alten Wohnung übernimmt der neue Eigentümer, ein Amerikaner. Er besichtigte die Wohnung über Facetime und wollte sie haargenau so übernehmen, wie ich sie eingerichtet hatte. Er hat mir sogar mein Geschirr und meine Pflanzen abgekauft.
Auch die vielen Aschenbecher, die Sie so leidenschaftlich sammeln?
Um Gottes Willen, nein, die sind unverkäuflich (lacht). Obwohl ich mir diese Sammelleidenschaft nicht erklären kann. Ich habe noch nie geraucht und werde es auch nie tun, weil ich starker Asthmatiker bin. Aber ich finde Aschenbecher einfach faszinierend. Sie haben so etwas wahnsinnig Dramatisches an sich. Ich besitze bestimmt dreißig von ihnen.