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Startpaket für nachhaltige Innenarchitektur

Ein Gespräch mit BDIA-Präsidentin Pia A. Döll

Der Bund Deutscher Innenarchitekten (BDIA) setzt Zeichen für nachhaltige Interiordesign-Lösungen und veröffentlicht die Deklaration Nachhaltigkeit Innenarchitektur. Sie wurde entwickelt, um bei Gesprächen mit Bauherr*innen den Einstieg in diesen Themenbereich zu erleichtern. Das Ziel: Nachhaltiges Planen soll zum "neuen Normal" werden. Wir haben mit BDIA-Präsidentin Pia. A. Döll über die Neuausrichtung gesprochen.

02.03.2022

Nachhaltigkeit ist in den vergangenen Jahren immer mehr zum Schlüsselbegriff für Gestaltende geworden. Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) und die Bundesarchitektenkammer (BAK) haben 2019 die Initiative Phase Nachhaltigkeit ins Leben gerufen. Das Ziel ist die Transformation der aktuellen Planungs- und Baukultur hin zum nachhaltigen Bauen „als neuem Normal“. Mithilfe des Schriftstücks Deklaration Nachhaltigkeit soll Architekt*innen ein Gesprächseinstieg mit Bauherr*innen zum Thema Nachhaltigkeit vereinfacht werden. Der Bund Deutscher Innenarchitekten (BDIA) bietet dazu nun mit der Deklaration Nachhaltigkeit Innenarchitektur das Pendant an – und setzt Zeichen für nachhaltige Lösungen in Innenräumen.

Welchen Nutzen hat die Deklaration Nachhaltigkeit Innenarchitektur?

Der BDIA hat die Phase Nachhaltigkeit gezielt auf die besonderen Anforderungen der Innenraumgestaltung angepasst. Die Deklaration Nachhaltigkeit Innenarchitektur ist ein erklärendes Schriftstück mit einem einseitigen Fragebogen. Anhand verschiedener Bereiche – etwa Baukultur, Mensch im Raum oder auch zirkuläre Wertschöpfung – unterstützt das Dokument Innenarchitekt*innen dabei, projektindividuelle Nachhaltigkeitsziele frühzeitig in ihren Gesprächen mit der Bauherrschaft zu fixieren. Es werden viele Dinge abgefragt, die verdeutlichen: An welcher Stelle kann man ansetzen? Über was sollte man nachdenken? Man meldet sich über die Website www.phase-nachhaltigkeit.jetzt an. Die teilnehmenden Planer*innen verpflichten sich damit, bei einem Erstgespräch mit den Bauherr*innen, dieses Formular zu verwenden.

Was waren die Beweggründe für die Deklaration?
Zunächst einmal unterstreichen wir mit der Deklaration die Relevanz des Themas Nachhaltigkeit an sich. Wir glauben, dass auch in der Innenarchitektur viel hinsichtlich einer nachhaltigen Gestaltung getan werden kann. Jedes Gebäude und jeder Innenraum kann und sollte einen aktiven Beitrag zu einer positiv gestalteten und nachhaltig gebauten Umwelt liefern. Dazu gehört eine ganzheitliche Planung, in der zu einem frühen Zeitpunkt die angestrebten Zielsetzungen diskutiert und fixiert werden. Gerade dieses gemeinsame Verständnis ist unserer Auffassung nach für die Umsetzung von nachhaltigen Projekten die Grundvoraussetzung.

Wie verstehen Sie unter nachhaltiger Innenraumgestaltung?
Eine nachhaltige Innenraumgestaltung muss einen wirtschaftlichen Umgang mit vorhandenen Mitteln ermöglichen, den schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen fördern und den Einsatz schadstofffreier oder schadstoffarmer Produkte sicherstellen. All das ist sozusagen die Infrastruktur. Eine komplexe Verkettung verschiedener Aspekte.

Um die Deklaration umsetzen zu können, müssen sich Innenarchitekt*innen mit Nachhaltigkeit auskennen. Sonst können sie ihre Bauherr*innen nicht eingehend beraten, beispielsweise zum Thema „zirkuläre Wertschöpfung“. Kann man das voraussetzen?
Derzeit nicht unbedingt. Unterzeichner*innen profitieren von einem offenen Wissenspool, Erfahrungsaustausch und Netzwerk. Jeder kann unserer Arbeitsgruppe Nachhaltigkeit beitreten. Wir haben auch in unserem BDIA Talk das Thema „Phase Nachhaltigkeit“ angeboten. Wenn jemand sich informieren möchte, gibt es bei uns eine Ansprechpartnerin zum Thema. Wir werden viele Fortbildungen und Seminare zur Nachhaltigkeit in der Innenarchitektur anbieten. Für mich gehört es aber auch zum zeitgemäßen, guten Menschenverstand, sich als Innenarchitekt*in damit auseinanderzusetzen und sich darüber zu informieren.

Können Sie bitte erläutern, wie der Umgang mit dem Papier im Idealfall abläuft?
Es liegt im Ermessen jedes oder jeder Einzelnen, wie sie oder er damit arbeiten möchte. Das Dokument ist eine Unterstützung und gibt Anlass, mit Bauherr*innen über Nachhaltigkeit ins Gespräch zu kommen.
Das Projektspektrum, das wir als Innenarchitekt*innen bearbeiten, ist sehr breit aufgestellt: Es startet beispielsweise bei kleinen Ladeneinrichtungen und geht über komplette Haussanierungen bis hin zur Modernisierung eines ganzen Hochhauses. Die Aufgaben lassen sich also nicht in einem einzigen Schriftstück komplett zusammenfassen. Bei jedem Projekt greifen völlig andere Parameter. Wir verstehen die Deklaration Nachhaltigkeit Innenarchitektur als Anstoß.

Wie ist das erste Feedback?
Wir haben sehr viel positive Resonanz bekommen, von Innenarchitekt*innen und Architekt*innen. Es gibt bereits mehr als 200 Unterzeichner*innen.

Was ist aus Ihrer Sicht der wichtigste Aspekt, um eine nachhaltige Innenarchitektur umzusetzen?
Grundsätzlich bin ich der Auffassung, dass man nicht sämtliche Parameter komplett abdecken, nicht alles zu hundert Prozent perfekt nachhaltig machen kann. Essenziell ist die intensive Auseinandersetzung mit den Nutzer*innen: Wo soll es hingehen? Was ist den Nutzer*innen wichtig? Auch die Entscheidung hinzu Umbau und Sanierung statt Abriss ist ein wichtiger Aspekt. Innenarchitektinnen und Innenarchitekten sind Experten für das Bauen im Bestand. Neu zu bauen und alle Ressourcen wieder neu zu verbrauchen, ist jedenfalls nicht nachhaltig.

Können Sie das konkreter erläutern?
Für mich bedeutet Nachhaltigkeit in erster Linie: Langlebigkeit. Nichts ist nachhaltiger als eine lange Verwendung von Produkten. Man kann nicht jedes Material vorschnell aburteilen. Ein Kunststoffboden, der 25 Jahre liegt, ist nachhaltiger als ein Korkboden, der nach fünf Jahren bereits ausgetauscht wird. Ein anderes Beispiel ist Beton: Für manche Anwendungen gibt es keine Alternativen. Und es gibt in Deutschland Hersteller, die so weit es geht energieeffizient produzieren, Strom aus erneuerbaren Energien oder Regenwasser und kein Frischwasser verwenden.  Holz ist zwar nachhaltig. Aber was macht man, wenn Holz nicht verfügbar ist? Wenn ich mich verpflichte, nachhaltig zu bauen, müsste ich dann gegebenenfalls fünf Jahre warten, bis das Holz wieder lieferbar ist? Es geht um die innere Haltung. Darum, für Nachhaltigkeit zu sensibilisieren.

Nachhaltigkeit in der Innenarchitektur ist also projektspezifisch und somit nicht messbar?
Wir als Berufsverband wissen um die Komplexität der Umsetzbarkeit, wollen aber einen Einstieg bieten für das Gespräch mit den Bauherr*innen. Die Deklaration erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, denn jedes Projekt ist anders. Aber sie ist ein gutes Instrument, um in das Thema ganz einfach einzusteigen, anzukreuzen, nachzudenken. Und nach Fertigstellung eines Projekts noch einmal zu schauen: Was ist gut gelaufen, was weniger? Die Deklaration ist also auch als Eigenrevision gedacht. Man muss doch am Ende eines Projekts für sich selbst sagen können: Ich habe alles getan, was mir möglich war, um hier nachhaltig zu agieren. Allein über die Auseinandersetzung mit dem Thema Nachhaltigkeit kommt man für sich selbst zum besten Ergebnis.

Wo sehen Sie weiteren Optimierungsbedarf?
Wichtig wäre es, dass auch die Handwerker*innen einsteigen in die Thematik. Ich kenne Projekte, da haben die Bauherr*innen nachhaltige Produkte gewünscht. Doch die Handwerker*innen haben weder gewusst, wo sie diese gewünschten Produkte beziehen können, noch wie sie diese verarbeiten.
Selbst wenn der Wille da ist, ist es noch lange nicht umgesetzt. Anderes Beispiel: Bei großen Farbherstellern ist Farbe in der Regel schneller bestellt und geliefert als bei kleineren Herstellern. Da dauert die gesamte Logistik meistens länger. Und das meiden viele Handwerker*innen. Denn jedes Nachtelefonieren, jeder ungewohnte Aufwand ist zu viel. Weil es um die schnelle Abwicklung von Projekten geht.

Es wäre doch gut, die gesamten Erfahrungen, die Innenarchitekt*innen mit dem Papier gemacht haben, zu sammeln und auszuwerten, um mit den Informationen dann noch wirksamer in Sachen Nachhaltigkeit zu werden. Lässt sich der Erfolg der Deklaration Nachhaltigkeit irgendwie messen?
Eine Kontrollinstanz gibt es nicht. Dazu ist das Ganze noch zu frisch. Die gesamten Anmeldungen zum Mitmachen bei der Deklaration Nachhaltigkeit Innenarchitektur laufen über die DGNB. Das heißt, nur dort liegen die Kontakte, um Umfragen zu starten.

Wie erfahren die Innenarchitekt*innen von der Deklaration Nachhaltigkeit?
Beispielsweise über unsere Homepage. Wir haben dort auch eine Verknüpfung zur Website der DGNB. Wir verschicken die Infos an unsere Mitglieder im Newsletter. Außerdem sprechen wir darüber in den Seminaren und in den Medien. Und das neue bdia Handbuch Innenarchitektur, das im Mai 2022 erscheint, fokussiert in den Textbeiträgen das Thema Nachhaltigkeit in der Innenarchitektur. Nachhaltige Planung in der Innenarchitektur ist uns – gerade auch im 70. Jubiläumsjahr des Verbands – wirklich ein besonderes Anliegen.

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