Menschen

„Neu ist ein mächtiger Begriff“

Die Designerin Hella Jongerius im Interview

Sie entwirft keine Serienprodukte mehr, glaubt aber trotzdem an die Industrie: Hella Jongerius gehört zu den wichtigsten Designer*innen ihrer Generation. Die Niederländerin vertraut auf intelligente Hände und erklärt im Interview anlässlich ihrer Retrospektive im Vitra Design Museum, was Erfolg für sie bedeutet.

von Jasmin Jouhar, 25.03.2026

Hella Jongerius. Whispering Things heißt die kürzlich eröffnete Retrospektive im Vitra Design Museum in Weil am Rhein, kuratiert von Glenn Adamson und Marcella Hanika. Die Ausstellung zeigt das ganze Werk der 62-jährigen Niederländerin mit Wohnsitzen in Arnheim und Berlin, von den Anfängen bei Droog Design in den frühen Neunzigerjahren bis zu den freien Textil- und Keramikarbeiten der Gegenwart. Basis der objekt- und materialreichen Schau ist Jongerius’ Archiv, das sie im Jahr 2024 an das Vitra Design Museum übergeben hat.

In vier räumlichen Kapiteln sind sowohl ihre Projekte für kommerzielle Kunden wie den Möbelhersteller Vitra, die Porzellanmanufaktur Nymphenburg, die Fluglinie KLM oder das schwedische Einrichtungshaus IKEA zu sehen als auch ihre Recherchen zu Farben und Materialien und ihre Experimente mit innovativen Webtechniken wie dem 3D-Weben. Wir haben mit Hella Jongerius über wütende Tiere und unsere Beziehung zu den Dingen gesprochen. Außerdem hat sie uns verraten, warum sie immer noch an die Industrie glaubt.

Wie definieren Sie Erfolg für sich? Ich nehme an, es geht Ihnen nicht in erster Linie um hohe Verkaufszahlen?
Erfolg bedeutet für mich, dass die Dinge, die ich mache, sage und schreibe, Anklang finden. Es bedeutet, relevant zu sein und mit meinen Themen auf Interesse zu stoßen. Etwa, wenn ich von Museen eingeladen werde, meine Arbeiten zu zeigen. Und natürlich, dass ich von meinen Fähigkeiten leben und damit außerdem einer Reihe von Leuten in meinem Studio Arbeit geben kann. Sie verdienen ihr Geld bei mir. Das ist mir sehr wichtig.

Wie wichtig ist Ihnen die Anerkennung durch Institutionen? Das Vitra Design Museum beispielsweise beherbergt seit 2024 Ihr Archiv und zeigt eine Retrospektive Ihrer Arbeit.
Das heißt, dass meine Arbeiten für ein größeres Publikum sichtbar sind. Als ich noch Produkte für die Industrie entwarf, war meine Arbeit auch in Geschäften zu sehen – und wurde von den Geldbeuteln der Käufer gewürdigt.

Im Museum gibt es diesen kommerziellen Kontext nicht…
Und das bedeutet, dass die Menschen offener sind und bereit, sich auf neue Ideen und Gedanken einzulassen. Für Museen zu arbeiten, gibt mir auch die Möglichkeit, mit meinem Team für längere Zeit an einem bestimmten Thema zu forschen. Ich kann mich intensiv mit Techniken auseinandersetzen und mich auch mal darin verlieren. Dass mein Archiv sich jetzt im Vitra Design Museum befindet und nicht in irgendeinem Lager, macht es natürlich zugänglicher. Ich hoffe, die Menschen sind daran interessiert, was ich mit meinem Kopf und meinen Händen geschaffen habe.

Sie sagen, Hände seien intelligent. Was meinen Sie damit?
Es ist Teil meiner Arbeitsweise, mit den Händen zu entwerfen, mit Materialien zu experimentieren und dabei im Flow zu sein. Die Hände sind intelligent, sie können einen zu Ergebnissen bringen, auf die der Kopf nie gekommen wäre. 

Die Ausstellung im Vitra Design Museum trägt den Titel Whispering Things. Warum?
Die Dinge um uns herum kommunizieren mit uns. Sie erzählen Geschichten, wie sie hergestellt wurden, welche Funktionen sie haben, aus welchem kulturellen Kontext sie stammen. Sie sind auch aufgeladen mit persönlichen Erinnerungen. Die Dinge sind mehr als nur irgendein Kram. Sie sagen einem, wer man ist und was einem wichtig ist. Sie sind Zeugen unseres Lebens. Deshalb nenne ich sie „Whispering Things“.

Die Ausstellung ist also auch ein Aufruf, den Dingen zuzuhören?
Ja, denn wenn man den Dingen zuhört, kümmert man sich eher um sie. Man schätzt die Beziehung zu ihnen und repariert sie, anstatt sie wegzuwerfen und sich etwas Neues zu kaufen.

Vor einigen Jahren haben Sie beschlossen, keine Aufträge für Serienprodukte mehr anzunehmen, also nicht mehr mit der Industrie zusammenzuarbeiten – bis dahin ein wichtiger Teil Ihrer Praxis. War das eine gute Entscheidung? 
Das war eine sehr gute Entscheidung. Aber es war nicht einfach. Ich war erfolgreich und bekam eine Menge Anfragen von Herstellern. Es fiel mir nicht immer leicht, Nein zu sagen. Schon allein deshalb, weil dadurch Einnahmen für mein Studio wegfielen. Aber zugleich bekam ich so viele spannende Anfragen von Museen. Ich bekam die Möglichkeit, das 3D-Weben zu erforschen und wieder viel mit Keramik zu arbeiten. Das hätte ich nicht gemacht, wenn ich noch für die Industrie entworfen hätte. Mein Kopf ist frei, es hat mir ganz neue Wege eröffnet. Aber, und das ist mir wichtig zu sagen: Ich glaube weiterhin an die Industrie. Sie hat ihre Grenzen, aber industrielle Produktion kann ein sehr gutes Werkzeug für Veränderung sein – indem man etwa andere Materialien oder Herstellungsverfahren nutzt, um den Fußabdruck eines Produkts zu verkleinern.

Zu Ihren aktuellen Arbeiten aus Keramik gehören Figuren von offensichtlich wütenden Tieren wie Gorillas, Schweinen oder Haien. Warum sind sie so wütend?
Wut ist ein Gefühl, das gerade sehr präsent ist in der Welt. Es liegt einfach in der Luft. Ich gab ihnen Frauennamen, weil Frauen gerade allen Grund haben, wütend zu sein, angesichts der politischen Rückschläge, die wir erleben. Aber die Tiere sind nicht nur wütend, sie sind auch menschlich und auf eine skurrile Weise lustig. Vielleicht, weil es mir so viel Spaß gemacht hat, sie zu produzieren. Ich hatte wieder Zeit, allein für mich und mit meinen Händen zu arbeiten. Und Keramik geht so schnell, viel schneller als Weben.

Welche Rolle spielen Gefühle generell in Ihrer Arbeit?
Es ist schwierig, etwas zu entwerfen, das Gefühle hervorruft. Aber mir ist die Kommunikation mit den Menschen wichtig. Schönheit kommuniziert, Hässlichkeit kommuniziert. Deswegen versuche ich, Dinge mit einer gewissen Offenheit zu schaffen. So dass Raum für Interpretationen bleibt. Dabei helfen kleine Unvollkommenheiten, Spuren der Herstellung oder ein handwerkliches Detail.

Neuheit ist ein Thema, das Sie seit vielen Jahren beschäftigt. Warum produzieren und konsumieren wir die ganze Zeit neue Dinge, obwohl wir wissen, wie schädlich es ist?
Menschen sind total fixiert auf das Wort „neu“. Sobald sie hören, etwas sei neu, haben sie Angst, etwas zu verpassen. Neu ist ein mächtiger Begriff. Es ist wichtig, zu verstehen, dass es ein kapitalistischer Begriff ist. Es geht nicht um Innovation, es geht darum, etwas zu verkaufen.

Eines der größten Projekte Ihrer Karriere ist die Farb- und Materialbibliothek für Vitra. 
Es fing mit einer kleinen Anfrage von Vitra an: Ob ich an neuen Farben für die Eames-Stühle arbeiten könnte. Nun bin ich keine Stylistin und auch nicht an der „Farbe des Jahres“ interessiert. Ich wollte tiefer einsteigen, um das Thema wirklich zu verstehen. Also habe ich im Vitra-Archiv erforscht, wie Designer*innen wie Prouvé oder die Eames’ mit Farbe umgegangen sind. Wie sie Materialien und Oberflächen behandelt haben. So entstand nach und nach eine systematische Bibliothek für alle Produkte von Vitra, mit der sie immer noch arbeiten.

Sie hören nie auf, Fragen zu stellen?
Nein, aber ich liefere auch. Es mag so aussehen, als wäre ich die ganze Zeit ein einziges, großes Fragezeichen. Aber ich bringe Ergebnisse. Das ist mein Designerinnengehirn. Meine Methoden mögen die einer Künstlerin sein, aber mein Designerinnengehirn liefert immer. Manchmal ist die Lieferung ein Gedanke, manchmal eine Ausstellung oder ein Buch oder ein Ausstellungsstück. Oder ich liefere eine neue Zukunft für ein Handwerk, wie beim 3D-Weben. Das ist meine Arbeitsweise.

Letzte Frage: Haben Sie einen Rat an junge Designer*innen? Was sollen sie machen oder lieber lassen?
Ich denke, es ist sehr wichtig, eine relevante Frage zu finden. Eine, die zu einem passt. Und dann anzufangen, sie zu beantworten. Eine wichtige Aufgabe ist es, sich mit Materialien zu beschäftigen. Wir brauchen neue Produktionsverfahren, wir brauchen neue Materialien, weil wir einfach nicht so weitermachen können auf unserem Planeten. Das mag mit einem Experiment im Studio anfangen, aber es kann zu einer ausgereiften Lösung für die Industrie heranwachsen. Findet eure Frage und findet Verbündete. Versucht nicht, es allein zu schaffen. Sucht euch andere Designerinnen und Designer oder Institutionen oder Unternehmen. Macht euch zusammen größer, als ihr es allein wärt.

Hella Jongerius. Whispering Things
Noch bis zum 6. September 2026 im Vitra Design Museum in Weil am Rhein zu sehen.

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Links

Hella Jongerius

jongeriuslab.com

Vitra Design Museum

design-museum.de

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