Menschen

Die fabelhafte Welt des Humberto Campana

Ein Treffen mit dem brasilianischen Designer in der saudi-arabischen Wüste

Auch mit 73 Jahren hat sich Humberto Campana eine kindliche Neugierde und Verspieltheit bewahrt. Wir haben den Designer im saudi-arabischen AlUla getroffen, wo er uns erzählt hat, warum er das einfache Leben schätzt, die Wüste als heilend empfindet und froh ist, in Brasilien geboren zu sein.

von Claudia Simone Hoff, 23.02.2026

Humberto Campana hat 1984 mit seinem Bruder das Estúdio Campana gegründet und bis zu Fernandos Tod 2022 fast vierzig Jahre lang mit ihm zusammengearbeitet. Eine so enge berufliche Beziehung zwischen Geschwistern über mehrere Dekaden hinweg ist – auch im Bereich der Gestaltung – eine wahre Seltenheit. Die Campanas haben zahlreiche Objekte entworfen, die zu Designikonen avanciert sind, darunter die berühmten Plüschtier-Sofas. In den vergangenen Jahren hat Humberto Campana die gemeinsamen Projekte fortgesetzt und neue begonnen.

Die letzten Jahre waren bestimmt nicht einfach für Dich. Hast Du nach dem Tod Deines Bruders jemals daran gedacht, Deine Arbeit als Designer aufzugeben?
Ja, ich hatte wirklich Angst, das Studio schließen zu müssen, denn mein Bruder und ich standen uns sehr nah. Aber dann passierte das Gegenteil von dem, was ich erwartet hatte. Ich bekam einen kreativen Schub und habe sehr viel Zeit und Energie in ein Projekt gesteckt, das ich noch mit Fernando geplant hatte, den Parque Campana in unserem Heimatort Brotas. Außerdem habe ich in den letzten Jahren auch einige Ausstellungen mit neuen und alten Arbeiten von Estúdio Campana vorbereitet – für die New Yorker Galerie Friedman Benda und die Power Station of Art in Shanghai beispielsweise. Ich hatte also nicht wirklich Zeit, depressiv zu werden.

Ich versuche, nicht zu viel über meinen Verlust nachzudenken. Fernando und ich haben ja nicht nur zusammen gearbeitet, wir waren auch gute Freunde und unser Beisammensein hatte oft etwas Spielerisches. Für mich ist er aber in gewisser Weise noch hier, wenn auch in einer anderen Dimension.

Kommst Du aus einer kreativen Familie?
Mein Vater arbeitete als Agraringenieur und meine Mutter als Lehrerin. Bei uns zu Hause war es normal, mit den wenigen Dingen auszukommen, die uns umgaben. Ich habe schon als Kind gern etwas mit meinen Händen gemacht und beispielsweise Spielzeug aus Bambus hergestellt. Außerdem lief ich immer barfuß herum, auch in der Schule. Wenn mich damals jemand fragte, was ich werden wollte, antwortete ich: ein Indigener aus dem Amazonas. Ich glaube, dass dieses einfache Leben mich dahin geführt hat, wo ich heute bin.

Dokumentarfilm "We The Others"


Ich bin in den Fünfzigerjahren in einem Dorf aufgewachsen, das drei Autostunden von São Paulo entfernt liegt. Damals gab es dort keine gepflasterten Straßen oder Elektrizität. Ich empfinde es als Glück, in Brasilien geboren zu sein. Es gibt dort kaum Designtraditionen, weshalb man frei ist, Dinge zu entdecken und auszuprobieren.

Zuerst hast Du aber in São Paulo als Anwalt gearbeitet.
Ja, ich habe Jura an einer der besten Universitäten des Landes studiert, war aber nur ein mittelmäßiger Student. Nach dem Studienabschluss arbeitete ich dann als Anwalt, was mich so gelangweilt hat, dass ich fast depressiv wurde. Nachdem mich die Firma gefeuert hatte, beschloss ich auszubrechen und mit meinen Händen zu arbeiten.

Woher hast Du den Mut genommen, ein Leben mit vermeintlich sicherem Einkommen hinter Dir zu lassen?
Es war ein ziemlich großer Schritt, das stimmt. Aber ein Freund von mir wohnte in Salvador de Bahia, also zog ich auch dorthin. Die Zeit der Militärdiktatur war sehr hart in Brasilien, aber in Salvador herrschte in den Siebzigerjahren die totale Freiheit. Dort waren viele Hippies, auch Mick Jagger und solche Leute kamen dorthin.

Wovon hast Du denn in dieser Zeit gelebt?
Ich habe Muscheln am Strand gesammelt, daraus Spiegel gemacht und verkauft. Meine Eltern waren natürlich nicht gerade glücklich darüber, dass aus ihrem Anwaltssohn ein Hippie geworden war. (lacht) Als ich dann später wieder nach São Paulo zog, bemalte ich geflochtene Körbe mit abstrakten Motiven. Ich bin von Geschäft zu Geschäft gegangen und habe die Leute gefragt, ob sie meine Sachen verkaufen würden. Ich hatte damals noch nicht einmal genügend Geld, um Verpackungsmaterial zu kaufen, alles war recycelt.

Wie bist Du dann im Design-Business gelandet?
Mein Bruder, der ursprünglich Architekt war, hat für die Bienal Internacional de Arte de São Paulo gearbeitet. Er kannte sich in der Kunstszene aus, war von Leuten wie Daniel Buren, Keith Haring und Jean-Michel Basquiat umgeben und nahm mich mit zu Veranstaltungen und Ausstellungen. In den Achtzigerjahren kreiste das brasilianische Design vor allem um den Modernismus, um Gestalter wie Oscar Niemeyer, Lina Bo Bardi und Jorge Zalszupin. Alles war elegant, minimalistisch und europäisch beeinflusst. Wir wollten genau das Gegenteil. Natürlich schätzten wir diese Gestalter, aber wir wollten einfache Dinge mit Würde entwerfen und beispielsweise kein Tropenholz verwenden.

 

Hattet Ihr eine Strategie, als Ihr 1984 Estúdio Campana gegründet habt?
Nein, überhaupt nicht. Wir agierten eher aus einem Gefühl und aus der Leidenschaft heraus, Künstler zu sein. Wir interessierten uns für ungewöhnliche Materialien – darunter Holzkohle und Fernsehantennen aus Aluminium – und wurden mit der Zeit von Möbelfirmen wahrgenommen und beauftragt. Besonders gern erinnere ich mich an eine Ausstellung, die wir 1998 zusammen mit Ingo Maurer im MoMA in New York hatten. Er war einer unserer Designhelden, ein toller Mensch und sehr großzügig.

Wir sitzen im Innenhof des Design Space AlUla – mitten in der saudi-arabischen Wüste. Humberto Campana wurde eingeladen, beim Arts Festival an einem Talk teilzunehmen und den Dokumentarfilm We the Others über die Arbeit von Estúdio Campana zu zeigen. Die Landschaft ist ziemlich beeindruckend: Es gibt Dattelpalmenhaine, riesige Bergformationen und einen unbeschreiblichen Sternenhimmel.

Wie gefällt es Dir hier?
Als ich vor rund zehn Jahren ein Foto eines nabatäischen Grabes in Hegra sah, da wusste ich, dass es ein magischer Ort ist. Ich hätte aber nie damit gerechnet, einmal selbst hierherzukommen. Ich bin ziemlich überwältigt von der Schönheit der Wüste. Die Landschaft hat für mich etwas geradezu Majestätisches. Außerdem ist hier alles sehr einfach gehalten und das gefällt mir.

Kannst Du das erklären?
Immer wenn ich an einen neuen Ort komme, sauge ich die Atmosphäre ein. Ich schaue, ob es sauber oder dreckig ist, ob es Bäume oder Autos gibt – solche Dinge. In AlUla hört man abends Musik auf den Straßen und es gibt nur wenige künstliche Lichtquellen, die das Dunkel des Sternenhimmels stören könnten. Ich habe das Gefühl, dass es hier einen großen Respekt vor den Menschen und der Natur gibt. Vielleicht könnte dieser Ort ein gutes Beispiel für den Rest der Welt sein.

 

Die UNESCO-Welterbestätte der Nabatäer in Hegra, von der Du eben gesprochen hast, liegt auch nicht weit von hier. Sicherlich bist Du hingefahren.
Ja. Es war ein wunderbarer Tag, auch wenn die Sonne nicht schien und das Licht sehr blass war. Ich habe mich einem riesigen Felsen genähert und zuerst gar nicht begriffen, dass auf seiner Rückseite ein Grab in den Sandstein gehauen ist. Am meisten aber haben mich die unvollendeten Gräber fasziniert, die mit ihren fantastischen Farben wie Skulpturen auf mich wirkten. Für mich ist Hegra ein sehr energetischer Ort.

Was nimmst Du mit aus AlUla und der Wüste?
Viele Dinge. Als ich hier ankam, ging es mir nicht so gut und ich war gestresst, weil ein emotional schwieriges Jahr hinter mir lag. Dann verlor ich bei meiner Ankunft auch noch mein Portemonnaie und ich wäre vor lauter Panik am liebsten gleich wieder nach Hause gefahren. Aber als ich dann diese wunderbare Landschaft gesehen habe, war es, als hätte sich ein Schalter umgelegt. Plötzlich kamen die Inspiration und die Ideen zurück. In gewisser Weise war es heilend hierher zu kommen – und ich bin sehr dankbar dafür.

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Links

Estúdio Campana

estudiocampana.com.br

Nachruf auf Fernando Campana

www.baunetz-id.de

AlUla Arts Festival

www.experiencealula.com

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