Die Designvermittlerin
Studiobesuch bei der libanesischen Interiordesignerin Joy Herro von The Great Design Desaster in Mailand
Joy Herro ist vor einigen Jahren von Beirut nach Mailand gezogen und mischt dort die Collectible-Design-Szene auf. Mit ihrem Partner hat sie „The Great Design Disaster“ gegründet – ein experimentelles Studiokonzept zwischen Kunst, Design und Handwerk. Wir haben sie in ihrer Galerie in Brera besucht.
Manchmal sind es die stillen Orte, die im Gedächtnis bleiben. Gerade dann, wenn es ringsherum laut ist – so wie während der Milan Design Week 2026, wenn Aufmerksamkeit die wichtigste Währung ist. Die Galerie von Joy Herro ist ein Ort, der einen nicht mehr loslässt. Nicht nur wegen der Präsenz der libanesischen Galeristin, die auch als Interiordesignerin, Kunstberaterin und Kuratorin für Institutionen wie The Breeder Gallery arbeitet. Vor allem wegen der Objekte und Kunstwerke, die seit der Eröffnung der Galerie The Great Design Disaster im letzten Jahr präsentiert werden. Zuweilen schwer einzuordnen oder gar in Kategorien zu pressen, haben sie allesamt eines gemein: Sie sind künstlerisch und gestalterisch relevant. Die heiße Luft der Big Brands von nebenan – sie scheint an diesem Ort meilenweit entfernt.
Die Kunst der Stille
The Great Design Disaster steht in einem verschnörkelten Schriftzug an der Tür in der Via della Moscova 15 im Mailänder Stadtteil Brera. Hier befand sich einst der legendäre Vintage-Shop Moscova Libri e Robe, den die Besitzerin nach über 40 Jahren aufgab. Joy Herro wohnt mit ihrem Lebensgefährten, dem libanesischen Architekten Gregory Gatserelia, gleich um die Ecke und war Kundin des Geschäfts. Ihr war gleich klar, dass sie die atmosphärischen Räume übernehmen und in eine Galerie verwandeln wollte, erzählt sie, als wir sie während der Milan Design Week treffen. Sie habe aber unbedingt die besondere Atmosphäre erhalten wollen, weshalb alle wichtigen historischen Elemente wie das raumhohe Bücherregal und auch der markant-geometrische Fußboden nur behutsam überarbeitet wurden. Hinter der Glastür der Galerie gibt es zwei Ausstellungsräume zu entdecken: einen großen im vorderen Teil und einen kleineren im hinteren. Daran schließt sich ein kompakter Raum an, der als Büro genutzt wird. Hier will Joy Herro demnächst ein weiteres Regal einfügen, das die Büchersammlung aufnehmen soll, die sie von der Vorbesitzerin geschenkt bekommen hat.
Außenansicht der Galerie, in der sich bis 2025 ein Vintage-Shop befand, dessen Besitzerin den Laden aus Altersgründen aufgab.
Wanderin zwischen den Welten
Gerade findet in der Galerie in Kooperation mit der Athener Eleftheria Tseliou Gallery die Ausstellung Ceramics – Second Edition mit keramischen Arbeiten von Künstler*innen wie Jean Cocteau, Marisa Merz, Harry Rigalo und Rinus Van de Velde statt. Die Schau zeigt, wie Joy Herro am liebsten arbeitet: disziplinen-, epochen- und länderübergreifend. Vielleicht hat dieses Interesse an den Kulturen, ihren Kunst- und Gestaltungstechniken mit ihrer Biografie zu tun. Die 34-Jährige hat Innenarchitektur in Beirut studiert und ist 2012 nach Rom gezogen, um an der Sapienza ihren Master in Produktdesign zu machen. Bereits damals habe sie begonnen, an kleineren Interiorprojekten zu arbeiten, erzählt sie. Joy Herro hatte das Glück, bereits früh den Einstieg in das Design- und Kunstbusiness geschafft zu haben. Als prägendes Ereignis beschreibt sie das Zusammentreffen mit einem französischen Sammler, mit dem sie drei Jahre lang das Konzept für eine Galerie in Monaco mit italienischem Design der Vierziger- bis Sechzigerjahre erarbeitete und sich dabei ein umfangreiches Wissen aneignete.
Vom Konzept zur Galerie
Vor rund sieben Jahren dann gründete die umtriebige Libanesin das Studio The Great Design Disaster, zu der seit letztem Jahr auch die gleichnamige Galerie in Brera gehört. Die ursprüngliche Idee bestand darin, Sammler*innen mit Handwerker*innen zusammenzubringen und gemeinsam Objekte zu entwickeln. Auch mit dem Ziel, den tatsächlichen Wert und den komplexen Produktionsprozess von Design zu vermitteln, statt ohne vertieftes Hintergrundwissen lediglich teure Objekte zu erwerben. Inzwischen hat sich The Great Design Disaster von einem experimentellen Konzept zu einer veritablen Galerie entwickelt, die sich im Feld des Collectible Designs bewegt, ohne sich darauf festlegen zu lassen. Dabei sind die Ausstellungen konzeptuell angelegt und verbinden historische und zeitgenössische Perspektiven, so wie in der aktuellen Keramik-Schau.
Joy Herros eigentliches Arbeitsfeld aber ist die Recherche und Akquise von Designobjekten für Sammler*innen und Interiordesigner*innen. Manchmal arbeitet sie auch selbst noch als Innenarchitektin und verfolgt dabei einen „kuratorischen Ansatz“, bei dem Kunstwerke, Möbel und andere Designobjekte zu stimmigen Raumkonzepten zusammengestellt werden.
Blick in die aktuelle Keramikausstellung, die gemeinsam mit der Athener Galerie Eleftheria Tseliou zur Milan Design Week 2026 enstanden ist.
Bittersüß: Heimat Libanon
Mit an Joy Herros Seite beim Aufbau von The Great Design Disaster ist Gregory Gatserelia, der ebenfalls bestens vernetzt in der Szene ist. Zu ihrer Heimat hat Joy Herro, wie viele Libanes*innen, ein gespaltenes Verhältnis, das sie „bittersüß“ nennt – der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen, aber auch ihrer nicht ganz einfachen Familiengeschichte wegen. Dennoch kehrt sie regelmäßig in den Libanon zurück. So erst im September letzten Jahres, als ihr Partner in einem Steinbruch bei Beirut die Ausstellung Fragmenta mit Collectible-Design-Objekten von rund 50 Designer*innen kuratierte. Joy Herro liebt es zu reisen und buchstäblich zwischen den Welten unterwegs zu sein, weshalb sie sich vor einigen Jahren eine Wohnung in Athen gekauft hat. Es überrascht nicht, dass sie inzwischen auch dort enge Kontakte zu Galerien, Designer*innen und Sammler*innen geknüpft hat.
Möchten Sie mehr über libanesisches Design erfahren? Hier geht es zu unserem Dossier.
Joy Herro
joyherro.comThe Great Design Desaster (TGDD)
thegreatdesigndisaster.comDesign aus dem Libanon (Dossier)
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