Eine Frau setzt sich durch
Studiobesuch bei Salwa Samargandi von SAL Architects im saudi-arabischen Dschidda
Salwa Samargandis Karriere ist bemerkenswert. Gerade einmal 34 Jahre alt, hat die saudische Architektin mit ihrem Büro SAL Architects bereits viele Projekte umgesetzt, darunter Moscheen und Tankstellen. Wir haben sie in ihrem Studio in Dschidda besucht und mit ihr über Herausforderungen im Job gesprochen.
Am Roten Meer gelegen, ist Dschidda mit rund 2,8 Millionen Einwohner*innen nach Riad die zweitgrößte Stadt in Saudi-Arabien. Sie ist die kulturelle Metropole des Landes, auch wegen ihrer unmittelbaren Nähe zu Mekka, der weltweit wichtigsten Pilgerstätte für Muslime. Hier wie anderswo im Land wird viel gebaut: Museen werden errichtet, Designzentren eröffnet, es gibt eine Formel-1-Rennstrecke mitten in der Stadt und eine rund 30 Kilometer lange Promenade am Meer samt mehrspuriger Fahrradbahn.
Blick zum Roten Meer vom Entree aus
Architekturpionierin
Das Büro von SAL Architects befindet sich in Al Andalus, einem gehobenen Viertel der Stadt, in einem Co-Working-Space mit Ausblick auf das Rote Meer. Samargandi und ihr mehrköpfiges Team haben ein eigenes kleines Büro in einer der oberen Etagen eines Hochhauses bezogen. Nach einem Studienabschluss in Urban Design mit Schwerpunkt Denkmalpflege in Dschidda arbeitete sie bei verschiedenen Architekturbüros, ehe sie 2017 ihr eigenes Office gründete. Seit einigen Jahren führt sie SAL Architects zusammen mit dem Ägypter Rami Salah, weshalb es nun auch eine Dependance in Kairo gibt. Ihr Kollege verfüge über eine große technische Expertise und ein gutes Netzwerk, begründet sie diesen Schritt.
Salwa Samargandi mit ihrem Team
Neue Freiheit(en)
Wir haben Samargandi wenige Tage vor unserem Studiobesuch in AlUla getroffen, wo sie während des Arts Festival Teilnehmerin an einem Panel-Talk war. Die Wüstenstadt spielt eine wichtige Rolle im Leben der Architektin, denn dort begann ihre (frei-)berufliche Karriere. Mit erst 34 Jahren hat sich Samargandi bereits einen Namen gemacht. Das ist nicht unbedingt selbstverständlich in einer männerdominierten Branche, vor allem in einem Land, in dem Frauen rechtlich noch nicht gleichgestellt sind.
Was das konkret bedeutet, zeigt sich beim Thema Autofahren. Seit 2018 ist es Frauen in Saudi-Arabien erlaubt, selbst Auto zu fahren. Weil es kaum öffentliche Verkehrsmittel gibt, mussten Frauen zuvor durch männliche Verwandte oder von einem professionellen Chauffeur gefahren werden. Das erzählt uns Samargandi und ergänzt, dass sie die neue Freiheit und Unabhängigkeit gerade im beruflichen Kontext sehr schätze. Sie begann ihre Karriere als Architektin vor rund zehn Jahren und man kann sie durchaus als Pionierin bezeichnen. Sie sei damals oft die erste Frau überhaupt im Unternehmen gewesen und ständig unterschätzt worden, so Samargandi. Es habe sie viel Kraft gekostet, sich durchzusetzen, doch seit 2019 sei es einfacher geworden. Die Architektin macht diese Veränderung vor allem an der von Kronprinz und Premierminister Mohammed bin Salman ausgerufenen „Saudi Vision 2030“ fest, die Saudi-Arabien wegführen soll von der Abhängigkeit vom Rohöl und dabei ganz wesentlich auf die Arbeitskraft und das Know-how von Frauen setzt.
Restaurierung der Ammar-bin-Yasser-Moschee
Innenansicht
Eine Moschee als Karrierekick
Eng verknüpft mit Samargandis Erfolg als Architektin ist AlUla. Die Wüstenstadt liegt rund zwei Flugstunden entfernt von Dschidda und soll in den nächsten Jahren als Teil der „Saudi Vision 2030“ zu einem touristischen Hotspot des Landes entwickelt werden – auch mittels Stadtplanung, Architektur und Design. In AlUla hat Samargandi die meisten ihrer bisherigen Projekte umgesetzt: den Um- und Neubau von drei Moscheen und mehreren Tankstellen – ziemlich „männliche“ Bautypen, nicht nur in Saudi-Arabien.
Samargandis Arbeiten sind immer kontextgebunden: Sie beziehen Ort, Traditionen und Menschen mit ein. Seit Beginn ihres Studiums interessiert sie sich für Stadtplanung und denkmalpflegerische Aspekte. Während sie lange über die als UNESCO-Welterbe geführte Altstadt von Dschidda (Al-Balad) forschte, lag der Schwerpunkt ihrer Masterstarbeit auf AlUla. Dabei plädierte sie für die Umnutzung bestehender Gebäude, was ihr den Weg in die Wüstenstadt und die damit verbundenen Projekte ebnete. Dort hat sie beispielsweise die modernistische Ammar-bin-Yasser-Moschee umgebaut. An prominenter Stelle gelegen, ist sie Teil eines umfassenden Restaurierungsprogramms, das die Altstadt für Tourist*innen erschließen soll. Um die Aufenthaltsqualität zu erhöhen, plante Samargandi gleich neben der Moschee einen öffentlichen Platz mit Verweilmöglichkeit.
„Wir wollten die Identität der Moschee bewahren, ihre charakteristischen architektonischen Elemente“, sagt die Architektin. Und ergänzt: „Unsere Aufgabe war es, ihr Wesen behutsam wiederherzustellen. Indem wir mit Licht, Material und Proportion arbeiteten, stellten wir sicher, dass die Moschee ein lebendiger Raum des Gebets, der Begegnung und der Kontinuität zwischen Vergangenheit und Gegenwart bleibt.“ Immer im Blick dabei: der städtebauliche und architektonische Masterplan für den Wüstenort, der beispielsweise vorsieht, mit lokalen Materialien und Handwerker*innen zu arbeiten – entwickelt und überwacht von der Royal Commission for AlUla, die Samargandi auch mit weiteren Projekten wie Schulen und Kindergärten beauftragte.
Al-Muthalath-Tankstelle
Ohne Auto ist man verloren in der Wüste, wo man weite Strecken zurücklegen muss.
Die etwas andere Tankstelle
Drei von SAL Architects entworfene Tankstellen in AlUla sind gestalterisch besonders bemerkenswert. Warum, wird an einem Beispiel deutlich: Nichts an der South Gate Station, die an einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt liegt, erinnert an das übliche Design von Tankstellen. Sämtliche gestalterischen Elemente gehen auf die umgebende Landschaft ein. Die Farbgebung in Braun- und Ockertönen lässt das Tankstellen-Gebäude mit der Wüstenlandschaft und den spektakulären Felsformationen verschmelzen und setzt diese mit sich öffnenden Architekturelementen und gelenkten Schattenspielen in Szene. Die kubische Architektur mit ihren reduzierten Geometrien bringt dabei ein zeitgenössisches Element in den Entwurf.
Lebendiges Labor
Die Projekte in AlUla sind inzwischen so wichtig für SAL Architects, dass Samargandi und ihr Partner überlegen, dort einen weiteren Studio-Standort zu eröffnen. Den Aufbau eines Portfolios mit authentischen und hochwertig ausgeführten Projekten bezeichnet die Architektin als wichtiges Ziel des Büros. Doch sie denkt schon weiter: Mit The Lab haben SAL Architects ein Labor für Materialexperimente etabliert, das als gemeinschaftliche Plattform für Wissensaustausch und Vernetzung unter Gleichgesinnten dient. Als wir Samargandi in ihrem Studio besuchen, zeigt sie uns zerbrochene farbige Fensterscheiben und hölzerne Dekorfragmente, die sie beim Spazierengehen in der Altstadt von Dschidda gefunden hat und die ihr nun als Studienobjekte dienen. Außerdem macht sie sich stark für die Architektur des 20. Jahrhunderts, die in Saudi-Arabien noch nicht genug Aufmerksamkeit und Wertschätzung erfahre, wie sie sagt. Sie selbst hält es für entscheidend, die gesamte Entwicklungsgeschichte einer Stadt zu schützen, weshalb sie alles sammelt, was sie zu dem Thema in die Hände bekommt – von Büchern, Fotos und Archiv bis hin zu originalen Architekturelementen und Materialien.
Moodboard
Und auch wenn Salwa Samargandi glaubt, dass es in Europa noch an Bewusstsein für saudi-arabische Architektur und Gestaltung fehle, ist sie optimistisch, dass sich dies durch zunehmenden Austausch und Zusammenarbeit in Zukunft ändern werde. Wir sind sicher, dass die Architektin aus Dschidda bei diesem Prozess eine wichtige Rolle spielen kann.
Mehr über die arabische Designszene: Im Dossier Libanesisches Design stellen wir Gestalter*innen vor, die trotz widriger Umstände Erstaunliches erreichen.
SAL Architects
www.instagram.comZwischen den Welten
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