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Warum unsere Städte mehr Natur brauchen

Bas Smets über Mikroklima, Klimaanpassung und neue Allianzen zwischen Pflanzen und Architektur

Wie lassen sich Städte kühlen, Wasser speichern und Biodiversität stärken? Landschaftsarchitekt Bas Smets entwickelt Parks und Gebäude als lebendige Klimasysteme. Im Interview erklärt er, wie Mikroklima, Daten und Pflanzen die Stadtplanung im Zeitalter des Klimawandels verändern.

von Jasmin Jouhar, 25.02.2026

Der Belgische Pavillon glich zur Architekturbiennale 2025 mehr einem Palmenhaus als einer Architekturausstellung und stellte damit die gewohnte Trennung von Innen- und Außenräumen infrage. Im Hauptraum wuchsen Pflanzen aus der subtropischen Klimazone, als Teil des Projekts Building Biospheres, das der Landschaftsarchitekt Bas Smets aus Brüssel gemeinsam mit dem Wissenschaftler Stefano Mancuso konzipiert hatte. Über die sechsmonatige Laufzeit der Biennale testeten sie, wie die natürliche Intelligenz der Pflanzen genutzt werden kann, um ein gutes Raumklima herzustellen.

Der forschende Ansatz ist ein wichtiger Teil von Smets’ Arbeit, wie er im Interview erzählt: „Mit den Daten, über die wir heute verfügen, können wir uns andere Landschaften vorstellen als vor zehn Jahren.“ Sein Studio – Bureau Bas Smets – hat er 2007 gegründet, gerade arbeitet er mit seinem Team unter anderem an der Umgestaltung des Stadtraums rund um die Kathedrale Notre-Dame in Paris. Zu seinen bekanntesten Projekten gehören das LUMA in Arles, der Tour & Taxis Park in Brüssel, ein Platz im Pariser Viertel La Défense und der urbane Wald an einem Bahnhof in Lyon. Smets unterrichtet an der Harvard Graduate School of Design.

Landschaftsarchitektur-Projekte erreichen nie einen endgültigen Zustand, sie wachsen, aber vergehen auch. Wie spiegeln sich die dynamischen Bedingungen in Ihrem Gestaltungsansatz wider?
Das Interessante an Landschaftsarchitektur ist tatsächlich, dass es nie einen Endzustand gibt. Alles, was wächst, ist immer in Transformation begriffen. Im Unterschied zum Design, bei dem man ein Objekt hat, oder zur Architektur, bei der es so etwas wie einen finalen Moment gibt, wenn das Gebäude fertig ist. Für uns ist der schlimmste Moment eigentlich direkt nach der Fertigstellung des Projekts. Denn dann sieht man die Pflanzen in einem frühen Stadium. Wir denken nicht in fertigen Projekten. Wir denken in Jahreszeiten und in Zeiträumen. Wie sieht ein Projekt in fünf Jahren oder sogar zehn Jahren aus?

Mikroklima ist ein zentraler Begriff in Ihrer Praxis. Wie finden Sie heraus, was an einen bestimmten Ort passt?
Für mich war es die vielleicht wichtigste Erkenntnis, dass eine Stadt aus vielen verschiedenen Mikroklimata besteht. Und dass man einen Ort deshalb genau studieren muss, um die klimatischen Bedingungen zu verstehen. Wir vergleichen künstliche klimatische Bedingungen mit ähnlichen, natürlich vorkommenden. Daraus lernen wir, welche Arten von Pflanzen oder welche Logiken, wie ich es nennen würde, wir in die künstliche Umgebung bringen können.

Seit wann arbeiten Sie so?
Seit dem Jahr 2010, als ich beauftragt wurde, einen tiefliegenden Londoner Innenhof in einen Garten zu verwandeln. Der Hof lag im Schatten, es gab keinen Wind, keine Sonne, nur Steine und Fassaden. Irgendwann verstand ich, dass er ein eigenes Mikroklima hat, weil er so geschützt ist. Im Winter gibt es keinen Frost. Ich nahm mir das Mikroklima von Unterholz in den Subtropen zum Vorbild – Unterholz wegen des vielen Schattens und subtropisch wegen der konstanten Temperatur. So pflanzten wir subtropische Pflanzen im Zentrum Londons. Viele sagten, die Pflanzen würden nicht überleben. Fünfzehn Jahre später wachsen dort einige der größten Baumfarne Großbritanniens.

Ihre Praxis ist forschungsgetrieben.
Ja, wir wollen uns nicht wiederholen. Wir versuchen immer, etwas Neues zu entwickeln. Wie im vergangenen Jahr bei Building Biospheres im Belgischen Pavillon der Architekturbiennale in Venedig, als wir die Pflanzen ins Innere des Gebäudes gebracht haben. Unser Antrieb ist es, eine neue Allianz zwischen Architektur und Natur, zwischen Gebäuden und Pflanzen voranzutreiben.

Sie zielen darauf ab, langfristige Veränderungen zu bewirken. Können Sie die messen?
Wir messen so viel wie möglich. Zum Beispiel der Parc des Ateliers für das LUMA Arles, im Süden Frankreichs: Wir haben über einen Zeitraum von fünf Jahren eine Halbwüste in ein mediterranes Klima verwandelt. Für jeden zehnten Baum, den wir gepflanzt haben, wählten wir einen „Zeugenbaum“ aus, bei dem wir das Wurzelwachstum gemessen haben. Fünf Jahre lang erhielten wir wöchentlich Berichte darüber, wie es den Wurzeln dieser Bäume ging. Basierend darauf entschieden wir, wie viel Wasser wir geben mussten. Je mehr man weiß, desto besser kann man beurteilen, was geschehen muss.

Mit Daten zu arbeiten, ist ein sehr zeitgenössischer Ansatz, oder?
Mit den Daten, über die wir heute verfügen, können wir uns andere Landschaften vorstellen als vor zehn Jahren. Beim Pavillon in Venedig sind wir noch einen Schritt weitergegangen: Die Pflanzen im Inneren haben tatsächlich das Klima selbst gesteuert. Das hätten wir vor fünf Jahren noch nicht durchführen können, weil die notwendigen Instrumente damals nicht existierten.

Als ich den Belgischen Pavillon in Venedig besuchte, musste ich an Biosphere 2 oder das Eden Project denken, an historische Versuche, eine künstliche Natur zu schaffen.
Wir hatten uns vorgenommen, den Erfolg am Wachstum der Pflanzen zu messen und am Mikroklima, das sie erzeugen. Es gab drei Wetterstationen: eine auf dem Dach des Gebäudes, eine in einem leeren Referenzraum und eine bei den Pflanzen. Wir konnten einen Unterschied von zwei, drei, bis zu vier Grad zwischen dem Referenzraum und der Pflanzeninstallation feststellen. Die Pflanzen kühlten das Gebäude ab. Und wenn man aus der Hitze draußen hineinkam, konnte man die frische Luft regelrecht riechen, die sie erzeugten. Am letzten Wochenende der Biennale maßen wir das Wachstum: Einige der Bäume sind in sechs Monaten 1,5 Meter gewachsen. Wir haben uns sehr gefreut, dass es den Pflanzen gut ging. Die Strelitzie beispielsweise, die in Innenräumen eigentlich kaum zum Blühen zu bringen ist, blühte gleich zweimal!

Für viele Stadtbewohner*innen sind Parks der einzige grüne Außenraum. Beeinflusst das Ihr Design?
Je weniger Kontakt wir mit der Natur haben, desto wichtiger werden diese Orte. Es gibt die 3-30-300-Regel für grünere Städte, die besagt, dass man drei Bäume von seinem Fenster aus sehen sollte. Der öffentliche Raum sollte zu 30 Prozent durch Baumkronen bedeckt sein. Und man sollte immer maximal 300 Meter vom nächsten Park entfernt sein. Früher waren Plätze oder Parks eher repräsentativ, heute bieten sie die Möglichkeit, eine wildere Natur ins Stadtzentrum zu bringen.

Aufgrund des Klimawandels wird Wassermanagement immer wichtiger.
Für uns ist der Wasserkreislauf eines der wichtigsten Gestaltungselemente. Beim Parkprojekte Nieuw Zuid in Antwerpen haben wir sichergestellt, dass kein Tropfen Wasser das Gelände verlässt. Wir speichern Regenwasser in Wadis oder Mulden, auf Englisch „Bioswales“ genannt. Im Winter frieren sie zu und die Leute können darauf Schlittschuh laufen. Anstatt wie üblich das Wasser vom Dach direkt in die Kanalisation zu leiten, bringen wir es in den Park. So gibt es auch in trockenen Sommern einen Puffer. Die Landschaft wird Teil des Wassermanagements. Das hilft bei Dürre wie bei Überschwemmungen.

Sie gestalten gerade den Vitra Campus in Weil am Rhein um.
Wir haben einen Masterplan namens Vitra Forest erarbeitet, um die Biodiversität des Campus-Geländes zu verbessern. Begonnen haben wir mit 8.000 kleinen Bäumen, die wir nach der Miyawaki-Methode gepflanzt haben. Rund um die Gebäude gibt es sehr viele ordentliche, saubere und gepflegte Rasenflächen. Solange der Vitra Campus vor allem ein Produktionsstandort war, war das nachvollziehbar. Aber jetzt, da sich das Gelände wandelt – denken Sie an die Architekturhochschule, die in das Gebäude von Álvaro Siza gezogen ist – kann der Campus zu einem Ort der Natur werden. Gerade legen wir vor dem Vitra Design Museum einen Teich an, der sich mit Regenwasser füllt. Zudem sammeln wir das Wasser von den Dächern der Gebäude in Tanks. Im Sommer können wir es in den Teich leiten, wo es verdunstet und für Abkühlung sorgt. Der Teich wird auch Vögel und Amphibien anlocken und mehr Biodiversität auf ein Gelände bringen, das bisher eher steril war – abgesehen von den Kirschbäumen und dem Piet-Oudolf-Garten.

Welche anderen Folgen des Klimawandels müssen Sie bewältigen?
Das größte Problem ist wirklich Dürre. Wir müssen Landschaften gestalten, die längere Zeit ohne Wasser überleben können. Mit Pflanzengemeinschaften, die gegen diesen Stress gewappnet sind.

Aber gleicht das nicht einem Glücksspiel? Wir können heute nicht wissen, welche Gemeinschaften am widerstandsfähigsten sind.
Nein, das können wir nicht, deshalb müssen wir weiter mit neuen Lösungen experimentieren. Was wir tun können: eine gesunde Ökologie schaffen. Denn sie wird sich weiterentwickeln und eine andere Ökologie hervorbringen. Die Natur hat eine eigene Intelligenz. Leben erzeugt Leben. Wenn eine Umgebung steril ist, passiert nichts. Dann passiert jetzt nichts, nicht in zehn Jahren, nicht in zwanzig Jahren. Ich sehe es so: Ich weiß nicht, wie der Prozess, den wir jetzt in Gang setzen, in hundert Jahren aussehen wird. Aber wenn Lebensräume jetzt gesund und lebendig sind, wird ein Teil davon überleben und sich wandeln.

Mögen Sie solche Überraschungsmomente?
Ja, deshalb versuchen wir auch, keine computergenerierten Bilder zu benutzen. Natürlich stelle ich mir vor, wie sich ein Projekt entwickeln wird, aber es geht mir mehr um ein tieferes Verständnis und ein Gefühl als um ein Bild. Wenn ich zu einem Projekt zurückkehre, achte ich nicht darauf, ob ein Baum wirklich genauso hoch geworden ist wie geplant. Sondern darauf, ob er die Atmosphäre erzeugt, die ich mir vorgestellt habe.

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