„Digitale Fantasien setzen wir in physische Räume um“
Über 3D-gedruckte Wandpaneele aus Recyclingmaterial
Für das neue „House of New Energy“ von E.ON auf dem Berliner Tacheles-Areal hat Aectual Wandpaneele aus recycelten Kunststoffabfällen gedruckt. Die Mitgründerin Hedwig Heinsman spricht im Interview über Kreislaufdesign, Kosten und digitale Werkzeuge für Planende.
Im Sommer eröffnet das Energieunternehmen E.ON auf dem Tacheles-Areal in Berlin erstmals das House of New Energy, einen öffentlichen Begegnungs- und Ausstellungsraum für die Energiewende. Das Interior des französischen Gestalters Philippe Nigro schlägt einen Bogen zwischen Kunst und Technik, Zukunft und Historie. Den roten Faden bildet die Pionierrolle, die E.ON bei der Transformation des Energiesystems spielen möchte. Im Zentrum steht die Installation The Heart der US-Architektin und Designerin Jenny Sabin. Aectual aus den Niederlanden hat für den Showroom großformatige, kreislauffähige Wandpaneele im 3D-Druckverfahren entwickelt und produziert. Mit der Mitgründerin Hedwig Heinsman sprechen wir über die Zusammenarbeit und das Potenzial, das die Technologie gerade für die Gestaltung von Innenräumen mit sich bringt.
Welche Designidee steht hinter den Wandelementen für das House of New Energy von E.ON?
Hedwig Heinsman: Die Idee war, den Punkt aus dem E.ON-Logo als wiederholbares Muster zu gestalten, sodass alle Punkte ein unendliches, fortlaufendes Netzwerk bilden. Wir haben sie als dreidimensionales Muster gedruckt, sodass mit der richtigen Beleuchtung eine Art fließender 3D-Effekt entsteht. Unser Vorteil ist, dass wir in sehr großen Dimensionen drucken können. Zugleich sind die Elemente so miteinander verbunden, dass die Übergänge unsichtbar bleiben. So entsteht eine durchgehende Fläche, die auch akustisch wirksam ist.
Inwiefern ist die Herstellung der Paneele nachhaltig?
Sie wurden aus recyceltem Hausmüll gedruckt. Bei Bedarf können sie später wieder abgenommen, geschreddert und erneut unserer Produktion zugeführt werden. Dafür müssen die Elemente ohne viel Sorgfalt von der Wand genommen und an uns geschickt werden. Die Versandkosten übernehmen wir. Das Material wird geschreddert, ohne dass Energie fürs Einschmelzen oder Waschen notwendig wäre. Dieser Prozess lässt sich bis zu zehnmal wiederholen und spart rund 90 Prozent CO₂ ein verglichen mit einem konventionellen Lebenszyklus derartiger Möbel. Für einige Kund*innen stellen wir auch Interiorelemente aus ihrem eigenen Abfall her. So haben wir für Tetra Pak Wandsysteme und Möbel für ihr neues Büro aus recycelten Trinkkartons hergestellt.
Wie kamen Sie als Architektin dazu, Aectual zu gründen?
Meine Kollegen und ich haben als Architekten große Wohnungsbauprojekte durchgeführt. Uns haben die immensen Abfallmengen zunehmend frustriert. Unsere Branche gehört zu den größten Umweltverschmutzern. 40 Prozent der CO₂-Emissionen und ein Drittel des gesamten Abfalls wird weltweit durch sie verursacht. Und dann haben wir den 3D-Drucker entdeckt. Damit lässt sich etwas Neues aus Abfall herstellen. Nach einer Weile, wenn man es nicht mehr braucht, lässt es sich zerkleinern und dann neu drucken. So entsteht ein vollständig kreislauforientierter Prozess. Wir dachten: Was wäre, wenn wir das skalieren und auch anderen Planenden zur Verfügung stellen könnten? Das war die Vision, mit der wir Aectual gestartet haben.
Warum haben Sie sich auf Innenräume spezialisiert?
Gerade im Einzelhandel, aber auch in Hotels und Arbeitsumgebungen werden Räume oft umgestaltet. Die Materialien landen meist schon nach fünf Jahren auf dem Müll. Der Messebau ist sogar noch schnelllebiger. Unsere Druck- und Materiallösung eignen sich hervorragend für Innenräume, aber auch für Fassaden oder temporäre Pavillons im Freien. Sie erfüllen die vorgeschriebenen Standards in Sachen Brandschutz oder UV-Beständigkeit. Von Beginn an haben wir das Material als standardisiertes Produkt entwickelt mit einem Datenblatt. Hier im Tacheles sehen Sie die Paneele in Grau. Wir können das Material aber auch in jeder anderen Farbe durchfärben.
Wie funktioniert der Designprozess aus Sicht der Architekt*innen?
Mit unserer digitalen Plattform ist es sehr einfach, maßgeschneiderte Designs zu erstellen und in einem weiteren Schritt an Räume anzupassen. Wenn es um größere Projekte wie eine ganze Decke geht, laden sie den Grundriss oder die Maße der Decke hoch, wählen eines unserer Produkte aus und wir generieren mit unserer Software ein passendes Design. Mithilfe eines Konfigurators können Architekt*innen aber auch Produkte aus unserem Katalog anpassen wie zum Beispiel großformatige Pflanzgefäße. Es geht uns darum, die Kolleg*innen zu unterstützen und ihnen neue Möglichkeiten zu eröffnen, gerade im Zeitalter von KI. Digitale Fantasien setzen wir in physische Räume um.
Wie lassen sich die Kosten beziffern?
Die Kosten ergeben sich im Wesentlichen aus den Materialkosten. Leider ist Recyclingmaterial aufgrund des Aufwands beim Sammeln und Aufbereiten teurer als Neuplastik. Hinzu kommt die Druckzeit. Je schneller man drucken kann, desto erschwinglicher wird es. Wenn Architekt*innen unser Produkt zu teuer ist, können wir eine Wertanalyse durchführen und kleine Änderungen vornehmen, beispielsweise die Öffnungen größer gestalten, sodass weniger Material benötigt wird. So lässt sich fast immer eine passende Lösung finden. Darüber hinaus bieten wir auch eine Kollektion von Pflanzkübeln und Raumteilern per click & buy an, die sich von den Maßen und der Farbe her konfigurieren lassen. Wir stellen sie erst nach Bestellung her, auch das im Sinne der Nachhaltigkeit. Verglichen mit Maßarbeit sind unsere Produkte dann doch wieder günstig.
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