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„Im Design fehlen die weiblichen Vorbilder“

Ein Gespräch mit Simone Lüling und Joa Herrenknecht von Matter of Course

Mitten in der Pandemie haben sich elf Berliner Designerinnen zu dem Kollektiv Matter of Course zusammengeschlossen. In Mailand präsentieren sie sich im District 5Vie zum ersten Mal einem internationalen Publikum. Im Interview sprechen Simone Lüling, Gründerin des Leuchten-Labels ELOA, und Joa Herrenknecht, die Möbel für Firmen wie Bolia entwirft, über die Ausstellung „Ich und Du“.

von Judith Jenner, 03.06.2022

Sie arbeiten in ganz unterschiedlichen Bereichen, gestalten Leuchten, Tische oder Teppiche. Was die Berliner Designerinnen von Matter of Course eint: Sie sind alle Unternehmerinnen, Gründerinnen und Designerinnen mit eigenem Studio. Um ihrer Arbeit und ihren Produkten mehr Sichtbarkeit zu geben, gründeten sie 2021 ein Kollektiv, das gemeinsame Ausstellungen organisiert und sich gegenseitig unterstützt.

Zum Video-Interview sind Joa Herrenknecht aus Toronto und Simone Lüling aus Tschechien zugeschaltet. Beide sind zwar mit ihren Studios in Berlin ansässig, beruflich aber viel auf Reisen. Vom 7. bis 12. Juni 2022 zeigen sie zusammen mit Elisa Strozyk, Laura Straßer, Friederike Delius, Heike Buchfelder, Claudia Schoemig, Carolin Zeyher, Mareike Lienau, Nicolene van der Walt und Milena Kling in Mailand mit Ich und Du ihre erste gemeinsame internationale Ausstellung.

Wie habt Ihr als Kollektiv zusammengefunden?
Simone Lüling: Es fing damit an, dass wir uns während der Pandemie gegenseitig besucht haben, um Einblicke in die Arbeit der anderen zu gewinnen und sich auszutauschen. Das war sicher auch dem Umstand geschuldet, dass keine Messen oder andere Veranstaltungen stattfanden und man auch ein bisschen mehr Zeit hatte. Gegründet haben wir uns dann mit der Vorstellung, Ausstellungen zusammen zu machen, zu netzwerken, uns gegenseitig zu unterstützen und nicht immer alleine, sondern gemeinsam zu wirken und unterwegs zu sein.

Was waren Eure ersten gemeinsamen Aktionen?
Joa Herrenknecht: Der erste Step war ein gemeinsames Fotoshooting für die AD. Das hat schon mal visuell viel gebracht, denn zu sagen, man ist ein Kollektiv, ist die eine Sache. Aber wenn man die Produkte sieht – und wie sie zusammenpassen, dann kann man fast ein Haus damit einrichten. Das war auch für uns spannend. Toll war die Offenheit der Leute unserem Projekt gegenüber. So haben uns Freunde von Freunden im zweiten Schritt ihren Space für unsere erste Ausstellung angeboten. Ein großer dritter Schritt ist jetzt, zusammen in Mailand aufzutreten. So etwas für elf Leute zu organisieren, ist noch einmal etwas ganz Anderes als alleine auf eine Messe zu fahren, wie wir es ja alle schon gemacht haben. Die Abstimmungen mit Kuratorinnen, Ausstellungsgrafikerinnen und – Designerinnen ist mit elf gleichberechtigten Stimmen einfach eine große Herausforderung. Dennoch hat die Zusammenarbeit riesige Freude bereitet und dass wir auch noch so eine wunderschöne Location in Mailand gefunden haben, ist ein Privileg.
     
Was ist das für eine Location?
Joa Herrenknecht: Wir sind im District 5Vie in einer relativ neuen Location in der Via Cesare Correnti 14. Es handelt sich um eine Villa, die lange leer stand, mit einer ganz tollen Patina. Es gibt alte Tapeten und eine Terrasse, die wir auch bespielen können. Insgesamt sind es sieben verschiedene Räume.

Was versprecht Ihr Euch von der Messe?
Joa Herrenknecht: Wir möchten Präsenz zeigen, die Außenwirkung stärken – also wie immer in Mailand. Aber diesmal gemeinsam. Auch neue Kontakte zu knüpfen, ist uns wichtig.
Simone Lüling: Es ist so lange her, dass man auf Reisen war und deshalb wahnsinnig aufregend. Milano ist die wichtigste Messe für Design. Da kommen Architekt*innen und Interiordesigner*innen sowie Händler*innen und Galerist*innen zusammen und damit ein wahnsinnig gutes Netzwerk.

Wie wird sich die Ausstellung von Euren vorherigen unterscheiden?
Joa Herrenknecht: Der Unterschied zur letzten Ausstellung in Berlin ist, dass wir dort die Sachen gezeigt haben, die wir schon hatten. In Mailand ist es ein Aufeinanderzugehen. Wir zeigen tatsächlich dreißig neue Produkte, die für diese Ausstellung entstanden sind. Jeweils zwei oder drei Designerinnen teilen sich einen Raum und nehmen Bezug aufeinander.
Simone Lüling: Es ist in gewisser Weise eine Spielwiese oder ein Experimentierraum, um das „Ich und Du“ nach der langen Zeit der Isolation – der Entfremdung vom Gegenüber – neu zu erforschen. Neue Projekte und Installationen werden vorgestellt.

Könnt Ihr bereits verraten, was Ihr zeigen werdet?
Simone Lüling: Bei mir wird es eine Installation aus Glas, die sich aber dennoch unterscheidet von meinen bisherigen Projekten. Und was zeigst Du, Joa?
Joa Herrenknecht: Wenn es denn rechtzeitig fertig wird, plane ich, ein raumhohes Mobile zu zeigen. Außerdem werde ich mein modulares Sofa Curt für Ambivalenz zeigen, ein Sofa dass aus nur einem Modul besteht was als Sitz, Rücken-oder Armlehne funktionieren kann und erweiterbar ist. Neben unseren Objekten werden natürlich noch weitere gezeigt, darunter sind neue Porzellan Entwürfe von Schoemig Porzellan, ein Glastisch von Heike Buchfelder, Holzmöbel von Carolin Zeyher/Frau Caze, neue Keramik- und Porzellanobjekte von Studio Laura Strasser und sowie neue Keramik- und Glasobjekte von Studio Berg.

Setzt Ihr auch schon Projekte zusammen um?
Simone Lüling: Bisher haben wir das noch nicht gemacht. Es ging eher mal um ein gemeinsames Fotoshooting oder darum, sich gegenseitig auszuhelfen mit Informationen und Kontakten. Aber ich denke, da ist noch viel mehr drin, was zusammen entstehen kann, zum Beispiel konkrete Projekte. Aber vorerst hat jede Designerin ihr eigenes Label und geht darin auf. Wenn es Überschneidungen gibt, ist das schön, es muss aber nicht sein.

Ihr seid alle aus Überzeugung selbstständig, richtig?
Joa Herrenknecht: Ja – und das wird auch so bleiben. Es wird keine Firma geben, die die Sachen herstellt. Oder einen gemeinsamen Vertrieb. Das kommunizieren wir auch klar, denn wir alle sind erfolgreich in dem, was wir tun.

Habt Ihr den Eindruck, dass Frauen anders gestalten als Männer?
Simone Lüling: Ob das generell auf Frauen zutrifft, weiß ich nicht. Aber bei uns im Kollektiv ist das Haptische sehr wichtig. Außerdem: die Atmosphäre, die Bedeutung, wie und wo produziert wird. Und die Farben.
Joa Herrenknecht: Es gibt bei uns im Kollektiv sehr unterschiedliche Ansichten dazu, ob wir überhaupt kommunizieren sollten, dass wir nur Frauen sind. Bei unserer Ausstellung in Mailand steht das nur klein auf der Einladung. Die Produkte sollen für sich sprechen. Ich persönlich glaube schon, dass jede von uns eigene Erfahrungswerte hat, die in die Arbeit einfließen. Wie ich auf Funktionen schaue, ob ich etwas als schwer, leicht, sehr groß oder klein empfinde, hat auch mit meinem Geschlecht zu tun. Das gilt besonders fürs Industriedesign.

Sind Frauen im Design in Deutschland ausreichend sichtbar?
Joa Herrenknecht: Wenn man an deutsches Design denkt, fallen einem oft Namen wie Dieter Rams, Konstantin Grcic oder Stefan Diez ein, aber nicht unbedingt weibliche Designer. Daher finde ich es gut, sich zu zeigen. Das ist zeitgemäß und passiert international in unterschiedlichen Branchen. Da gibt es zum Beispiel das Egg Collective aus New York. Das Buch Woman Made von Phaidon aus dem vergangenen Jahr oder die Spot On-Sonderausstellung vom Vitra Design Museum, die die Arbeit von Designerinnen in den Mittelpunkt stellen. Auch der stärkere Fokus auf die Bauhaus-Frauen in den letzten Jahren ist für mich wichtig, denn sie sind für mich als Designerin auch Vorbilder.

Seht Ihr Euch in Eurer Arbeit manchmal mit Widerständen konfrontiert, auf die ein Mann nicht stoßen würde?
Simone Lüling: Ich habe gemerkt, dass ich nicht in ein Korsett gedrängt werden möchte, um etwas zu bewirken. Stattdessen möchte ich die Dinge so angehen, wie ich das mache. Das funktioniert auch gut, selbst in der Männerdomäne der tschechischen Glasbläsereien, mit denen ich zusammenarbeite. Eher in Preisverhandlungen merke ich manchmal, dass es noch Luft nach oben gibt, wie man sich darstellt oder weiterkommt. Da habe ich oft den Eindruck, dass es für das Gegenüber noch nicht ganz okay ist, mit einer Frau zu verhandeln. Vielleicht ist das auch ein innerer Prozess, den ich durchmache. Da hilft es ganz gut, sich auszutauschen mit Leuten, die das ähnlich erleben.

Welche Pläne habt Ihr über Mailand hinaus?
Joa Herrenknecht: In Frankfurt ist eine Ausstellung in einer Galerie geplant. Uns ist es wichtig, unsere Produkte losgelöst vom Messekontext zu zeigen. Wir merken, dass auch im Kontext der Museen ein großes Interesse vorhanden ist, unsere Produkte zu zeigen. Da kommen sicherlich noch viele interessante Projekte auf uns zu.

Die Ausstellung „Ich und Du“ von Matter of Course findet vom 7. bis 12. Juni 2022 in der Via Cesare Correnti 14 im District 5Vie in Mailand statt. Sie ist täglich von 10:30 bis 20:30 Uhr geöffnet. (Kuratorinnen: Anava Projects — Anna Carnick und Wava Carpenter)

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Matter of Course

The Design Collective was recently founded by eleven designers with individual studios in Berlin. We operate in the dynamic intersection of design, art, and craft, priding ourselves on many years of experience, a shared work ethic, and the determination to break new ground. We strongly believe that mutual support and interdisciplinary exchanges will pave the way to our future success. It is only when we act as a community that we can grow and actively drive the design world’s urgently-needed change in values.

www.matter-of-course.com

Creative Direction & Styling in Villa Heike

www.nici-theuerkauf.de

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