Wenn Schalter sprechen
Cathy Figueiredo von Melon Breakers über ihre Schalterkollektion für JUNG
Partner: JUNG
Schalter als Orientierungshilfe: Im Interview spricht Cathy Figueiredo über Gestaltung als Form von Fürsorge, über eine neue Sehnsucht nach Emotionalität im Interior und wie das Tangram-Spiel das Schalterdesign JUNG UNIQUE x Melon Breakers beeinflusst hat.
Melon Breakers ist ein international tätiges Designstudio mit Basis in Valencia, Spanien. Es wurde 2025 von Cathy Figueiredo und María Lillo Felis gegründet. Als unabhängige, kreative und strategische Beraterinnen entwickeln sie ganzheitliche Design- und Kommunikationskonzepte für Marken, Räume und Services. Dabei verstehen die beiden Gründerinnen Design als eine kulturelle Kraft, die Wahrnehmung und Verhalten beeinflussen kann. Diese Haltung prägt auch die neue Kollektion JUNG UNIQUE x Melon Breakers, bei der die Schalter zu analogen Kommunikationswerkzeugen im Raum werden. Hier hat das Studio Dreiecksmotive und digitale Farbcodes präzise zu Motiven kombiniert, die unterschiedliche Funktionen intuitiv lesbar machen und zugleich stilistische Akzente setzen – vom Hotel bis zum Bildungsbau.
Wie lautete das Briefing für das Projekt?
Die Aufgabe war sehr offen: Wir sollten neue Schalter entwickeln, die sich mit dem Thema Farbe auseinandersetzen und zugleich eine starke gestalterische Erzählung transportieren. JUNG kennt unsere Arbeit, entsprechend groß war das Vertrauen in unsere kreative Herangehensweise. Es war eine neue gestalterische Herausforderung für uns und das erste Mal, dass wir überhaupt ein physisches Produkt gestaltet haben. Normalerweise entwickeln wir Marken, Räume oder Services.
Eure Lösung ist eine Schalterkollektion mit geometrischen Motiven, die auf dem Tangram-Spiel basieren. Ziel war es nicht nur, Schalter dekorativ zu gestalten, sondern vielmehr, ein visuelles Orientierungssystem zu entwickeln. Wie seid ihr auf die Idee gekommen?
Wir sind strategisch vorgegangen und wollten für dieses Projekt untersuchen, wie Schalter in Umgebungen außerhalb des Wohnumfelds „sprechen“, also kommunizieren können. Unser Fokus lag dabei auf Bildungsräumen – ebenfalls eine Premiere für uns, da wir zuvor noch nicht intensiv in diesem Bereich gearbeitet haben. In diesem Zusammenhang sind wir auf das Konzept des „Third Teacher“ gestoßen. Es besagt, dass Kinder auf drei Ebenen lernen: durch Lehrpersonen, durch andere Kinder und durch die räumliche Umgebung.
Was bedeutet das konkret für ein so kleines Objekt wie einen Schalter?
Wenn Räume also Teil eines Lernprozesses sind, dann gehören auch architektonische Details wie Schalter dazu. Unsere Idee: Schalter könnten mit Kindern kommunizieren. Genau dafür brauchten wir eine möglichst allgemein verständliche visuelle Sprache – und diese haben wir im Tangram gefunden.
Ihr habt ein zweidimensionales Spielprinzip in ein haptisches Alltagsobjekt übertragen. Wie funktioniert das Konzept konkret?
Das Tangram arbeitet mit simplen geometrischen Grundformen. Wir haben dieses System weiter reduziert und das Dreieck als zentrales Element definiert – gewissermaßen als „Stimme“ der Schalter. Wir haben sehr genau ausgelotet, wie viele Formen und Größen der Dreiecke sinnvoll sind, damit das Konzept nicht kompliziert wird. Am Ende haben wir zwei bis drei Dreiecksgrößen ausgewählt, um eine klare, harmonische Gestaltung zu ermöglichen. Diese formale Harmonie erleichtert es Menschen, intuitiv mit Objekten zu interagieren.
Auf einem Schalter kann sich also ein einzelnes Dreieck befinden – oder auch mehrere …
Genau. Die Dreiecke haben wir in variierender Anzahl zu unterschiedlichen Motiven und Icons kombiniert: Ein einzelnes Dreieck mit nach oben gerichteter Spitze steht etwa für „Rollladen hoch“. Für die Lichtfunktion wiederum gibt es ein sonnenähnliches Motiv aus acht gelben Dreiecken, für die Klimaanlage eine Art Windrad aus sechs blauen Dreiecken auf hellblauem Grund. So ist ein modulares System aus wenigen Grundelementen entstanden, das unzählige Bedeutungen visualisieren kann – klar, spielerisch und unmittelbar verständlich.
Die Farbcodierung spielt dabei eine entscheidende Rolle: Ihr habt Farbe mit Funktion gekoppelt.
Aus der Farb- und Wahrnehmungsforschung wissen wir, dass Farbe Aufmerksamkeit lenken, Wiedererkennung erleichtern und Räume strukturieren kann. Farbe wird deshalb zu einem kognitiven Werkzeug. Sie hilft Menschen, Funktionen schneller zu erkennen und sich im Raum zu orientieren. Während unserer Recherche für Bildungsräume haben wir darüber hinaus festgestellt, dass insbesondere Kinder sehr sensibel auf kräftige Farben reagieren, sich besser orientieren und wohler fühlen. So haben wir intensive Töne gewählt – etwa ein an Yves Kleins Blau erinnernder Ton oder auch ein kräftiges Orange. Uns war wichtig, dass die Schalter deutlich sichtbar werden. Denn normalerweise sind solche Elemente zwar gestaltet, aber visuell fast „stumm“. Gelb kann beispielsweise für Licht stehen, Rot für Wärme, Blau für Kühlung.
Farben werden kulturell jedoch unterschiedlich wahrgenommen. Inwiefern funktioniert die Gestaltung universell?
Wir haben Nutzertests mit Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Generationen durchgeführt – unter anderem in Mexiko, Deutschland, Frankreich, Spanien, Portugal und Brasilien. So haben wir überprüft, ob die Icons in den jeweiligen Farben intuitiv verstanden werden.
Schalter gelten oft als rein funktionale Objekte. Warum war es für euch spannend, gerade dieses Element gestalterisch neu zu interpretieren?
Schalter werden im Interior häufig vernachlässigt, obwohl sie wesentlich zur räumlichen Erfahrung beitragen. Wir sind davon überzeugt, dass jedes Detail die Gesamtwirkung eines Raums mitprägt – und damit auch eine eigene „Stimme“ besitzen kann. Gleichzeitig dachten wir an Architekturstudios wie etwa Zyva Studio oder Uchronia, deren Interiors stark über Farbe funktionieren. Bislang gibt es nur wenige Schalterlösungen, die einen stark farbbezogenen Interior-Stil konsequent aufgreifen. Uns interessierte deshalb die Frage, wie sich ein Produkt entwickeln lässt, das den gestalterischen Ausdruck farbintensiver Interieurs konsequent weiterführt – bis ins kleinste Detail.
Du beschreibst Räume als Kommunikationsmittel. Welche Erfahrung sollten Nutzer*innen mit den Schaltern machen?
Ursprünglich haben wir die Kollektion für Kinder entwickelt. Im Mittelpunkt stand die Idee, dass sie Räume intuitiv verstehen, selbstständig nutzen und sich dadurch unabhängiger fühlen können. Wenn Kinder sich gut orientieren können, gewinnen sie Selbstvertrauen und Sicherheit. Das Konzept funktioniert natürlich genauso in Hotels oder Restaurants. Ich selbst reise viel und kenne die Situation: Man betritt ein Hotelzimmer und steht vor mehreren Schaltern, ohne zu wissen, welcher wofür zuständig ist. Gerade wenn man müde ist oder wenig Zeit hat, möchte man nicht erst lernen müssen, wie ein Raum funktioniert. Ist die Bedienung intuitiv, fühlen sich Menschen sofort wohler. Es sind kleine Details, die jedoch maßgeblich das gesamte Raumerlebnis prägen.
Ist die Serie auch im Wohnbereich denkbar – vielleicht in eher zurückhaltenden Farbwelten?
Absolut. Momentan beobachten wir jedoch generell eine stärkere Sehnsucht nach Freude und Emotionalität im Interior Design. Unsere Kollektion folgt genau diesem Gedanken. Gleichzeitig gibt es aber auch ruhigere Varianten in metallischen oder neutraleren Farbtönen. Menschen suchen Unterschiedliches: Manche wünschen sich Energie und Ausdruck, andere eher Ruhe und Harmonie. Das System funktioniert in beiden Richtungen.
In welchen konkreten Kontexten kannst du dir JUNG UNIQUE x Melon Breakers besonders gut vorstellen?
Beispielsweise in Kinderkrankenhäusern. Dort könnte Gestaltung wirklich einen Unterschied machen. Natürlich auch in Kinderzimmern oder Schulen. Gerade Bildungsräume könnten damit auf sehr einfache Art freundlicher, zugänglicher und inspirierender gestaltet werden. Studien zeigen, dass bewusst gestaltete Lernumgebungen Konzentration, Wohlbefinden und Lernverhalten positiv beeinflussen können. Räume sind also unglaublich wichtig und Gestaltung ist in diesem Sinne auch eine Form von Fürsorge.
Gab es technische Hürden im Entwicklungsprozess?
Einschränkungen gibt es immer – sie gehören zum kreativen Prozess dazu. Besonders spannend war hier ein Experiment mit farbigen Drucken auf Metalloberflächen. Denn ursprünglich hatten wir gar nicht geplant, Farbe mit Metall zu kombinieren. Umso überraschender war es, als die ersten Muster zeigten, wie stimmig und eigenständig diese Verbindung wirkt. Gerade solche unerwarteten Entwicklungen zählen im Gestaltungsprozess oft zu den interessantesten Momenten.
Auf eurer Website findet sich der Satz: „Color builds spaces, but also times.“ Was macht diese Kollektion für dich besonders zeitgenössisch?
JUNG UNIQUE x Melon Breakers arbeitet mit Farbwelten, die stark an digitale Ästhetiken angelehnt sind. Kinder und die Generation Z wachsen heute selbstverständlich mit Bildschirmen auf – dadurch haben sich auch ihre visuellen Codes verändert. Digitale Töne wirken oft heller, intensiver und leuchtender als klassische Druckfarben. JUNG hat diese digitale Farbigkeit in ein physisches Produkt übersetzt. Vielleicht macht genau dieser Transfer die Kollektion so zeitgenössisch.
JUNG
Pioniergeist trifft pures Design. Seit über 100 Jahren steht JUNG für Qualität, Design und Fortschritt. Licht, Beschattung, Klima, Smart Home Systeme –die Funktionsvielfalt der JUNG Lösungen deckt alle Bereiche einer modernen Elektroinstallation ab. Weltweit in über 70 Ländern vertreten, vereinen wir präzise gefertigte, langlebige Produkte „Made in Germany“ mit einzigartigem architektonischem Design, hochwertigen Materialien und einfacher Bedienbarkeit.
Zum ShowroomMehr Menschen
Im Bad mit Barbie
Ein Gespräch über Barrierefreiheit, Empowerment und rosa Sanitärdesign
Worauf es im Bad ankommt
Fachplaner Armin Geisel über die Bedeutung durchdachter Armaturen
Design als Klebstoff
Junge Gestaltende sorgen für frischen Wind in Köln – Teil 1
Blick aufs Ganze
Dominik Tesseraux über den Designansatz bei Bette
Form follows availability
Sven Urselmann über kreislauffähige Einrichtungskonzepte
111 Jahre Mut und Leidenschaft
Johannes und Yvonne Dallmer im Jubiläumsinterview
Puzzle für die Wand
Interview mit Paolo Zilli, Associate Director bei Zaha Hadid Architects
Die perfekte Proportion
Interview mit Birthe Tofting von Vola
Wie es Euch gefällt
FSB-Co-Chef Jürgen Hess über den neuen Mut zur Farbe
Sinnliche Bäder
Stefano Giovannoni über seine Erweiterung der Kollektion Il Bagno Alessi
Der Fliesenmacher
Wie Edgard Chaya in Beirut eine Zementfliesenfabrik aufbaute
Pool mit Korallenriff
Unterwasser-Designerin Alex Proba im Interview
Heilende Räume
Matteo Thun und Antonio Rodriguez im Gespräch
Startpaket für nachhaltige Innenarchitektur
Ein Gespräch mit BDIA-Präsidentin Pia A. Döll
Mut zur Einfachheit
Dominik Tesseraux über gute Badgestaltung bei Bette
Neue Farbinspiration fürs Bad
Yvonne Dallmer über ein unterschätztes Detail der Badgestaltung
Material als Leitfaden
Nachruf auf die Designerin Pauline Deltour (1983-2021)
Die junge Internationale
Kuratorin Anniina Koivu über die The Lost Graduation Show auf dem Supersalone
Baddesign im Wandel
2000-2020: Zeitreise im Badezimmer mit Sven Rensinghoff von BETTE
„Es geht immer auch um eine Art Heimat“
Pauline Deltour im Gespräch
Toan Nguyen
Der französische Designer zur ISH 2015 über laue Sommerabende, plötzliches Altaussehen und darüber, einmal der Erste zu sein.