„Nutzer wollen verstehen, wie Gebäude funktionieren“
Über Smart-Home-Interfaces, Türkommunikation und die Zukunft intelligenter Architektur
Partner: Gira
Von der Wohnanlage bis zum Quartier: Auf der Light + Building 2026 präsentierte Gira mehrere Neuheiten für die Gebäudeautomation. Designchef Hans-Jörg Müller spricht über aktuelle Anforderungen an Vernetzung, Nutzerführung und die Integration technischer Funktionen in zunehmend komplexen Umgebungen.
Wie verändert Digitalisierung die Gestaltung von Bedienelementen insgesamt?
Sie führt zu einer Verschiebung: weniger einzelne Funktionen, mehr systemische Bedienlogik. Das bedeutet entweder Verdichtung über Displays oder bewusste Reduktion über klare, haptische Interfaces. Beides existiert parallel – je nach architektonischem Kontext.
Mit Gira G1 und Gira G1 XS entwickelt Gira das Interface für das Smart Home weiter. Was ist hier neu?
Mit dem neuen G1 vereinen wir erstmals Türkommunikation und Gebäudesystemtechnik in einem Gerät. Diese Kombination ist noch nicht selbstverständlich am Markt, obwohl sie für die Nutzung sehr zentral ist. Es geht nicht so sehr um einen komplett neuen Entwurf als um eine Weiterentwicklung. Diese liegt weniger in zusätzlichen Funktionen als in der Qualität: bessere Bild- und Audioqualität, schnellere Reaktion und eine optimierte Bedienung.
Es kommt auch in sehr großen oder komplexen Umgebungen stabil zurecht. Gerade in weitläufigen Objekten war Performance bisher oft eine Herausforderung. Etwa in Villen mit langen Leitungswegen von mehreren hundert Metern oder bei stark vernetzten Smart-Home-Installationen mit 20, 30 oder mehr Geräten.
Haben Sie ein konkretes Beispiel für das verbesserte User-Erlebnis?
Wenn es klingelt, erscheint mit dem neuen G1 im Haus sofort ein Bild. Bisher konnte das einige Sekunden dauern – insbesondere dann, wenn das Netzwerk zeitgleich stark ausgelastet war.
Die Geräte bieten eine sehr große Funktionsvielfalt in der Gebäudesystemtechnik – von Licht über Jalousien bis hin zur Heizungssteuerung.
Das Gerät kann sehr umfassend genutzt werden, muss es aber nicht. Es kann genauso gut auf einzelne Funktionen wie Lichtsteuerung reduziert werden. Ein guter Vergleich ist die Verwendung eines Computers: Er kann sehr spezialisiert oder sehr breit eingesetzt werden. Die technische Basis ermöglicht beides. Die konkrete Nutzung hängt vom Bedarf und der Konfiguration ab.
Wie verändert sich die Interaktion in komplexen Gebäuden konkret?
Intuitive Bedienung entsteht nicht durch mehr Funktionen, sondern durch Klarheit. Wir sehen eine deutliche Bewegung hin zu größeren, ruhigeren Bedienflächen und reduzierter visueller Komplexität. Technik tritt in den Hintergrund, bleibt aber leistungsfähig. Das schafft Orientierung – besonders in komplexen Gebäuden. Maximale Flexibilität im Hintergrund, aber einfache und intuitive Bedienung im Alltag.
Mit Türko IP erweitert Gira den Bereich vernetzter Zugangssysteme. Welche Rolle spielt Türkommunikation in intelligenten Gebäuden heute – und wohin entwickelt sie sich?
Türkommunikation wird zunehmend Teil der Gesamtarchitektur des Gebäudesystems. Zugang, Sicherheit und Gebäudesteuerung wachsen stärker zusammen. Entscheidend sind dabei die einfache Inbetriebnahme und die nahtlose Integration in bestehende Strukturen. Skalierbarkeit ist ebenfalls wichtig: Das Spektrum reicht von kostengünstigen Lösungen für große Wohnanlagen bis hin zu hochwertigen Systemen mit Display und erweiterten Funktionen.
Wo liegt derzeit viel Potenzial?
Vor allem in großen Gebäuden und Quartieren entstehen neue Anforderungen. Dort braucht es zentrale Kommunikations- und Steuerpunkte sowie Lösungen für komplexe Zugangsstrukturen. Entscheidend ist ein enger Austausch mit Planern und Nutzern, um diese Anforderungen frühzeitig zu verstehen. Ein Beispiel ist der Mieterwechsel: Namen an Türstationen ändern oder Geräte zurücksetzen lässt sich heute aus der Ferne erledigen. Solche Prozesse müssen effizient funktionieren, da Vor-Ort-Einsätze oft unpraktisch sind.
Welche Herausforderungen sehen Sie für den Smart-Home-Markt in den kommenden Jahren?
Mehr Einfluss als technologische Innovationen werden Faktoren wie Kostenentwicklungen nehmen. Steigende Baupreise, geopolitische Einflüsse, Embargos und auch der zunehmende Einsatz von KI in der Chipproduktion treiben die Preise für Smart-Home-Technologien weiter nach oben. Das kann dazu führen, dass konventionelle Lösungen wieder attraktiver werden.
Einen ähnlichen Effekt haben wir bereits vor einigen Jahren bei Smartphones gesehen, als die Preise deutlich gestiegen sind. Gerade im Neubau spielt das eine große Rolle: Junge Menschen überlegen sich sehr genau, ob sie 30.000 bis 40.000 Euro in ein Smart Home investieren – oder eher 10.000 Euro in eine klassische Installation.
Welche Themen werden die Entwicklung intelligenter Gebäude besonders prägen?
Zentral wird das Thema Energie sein: die intelligente Steuerung von Verbrauch, Speicherung und Erzeugung. Gleichzeitig steigen Anforderungen an Transparenz und einfache Bedienbarkeit. Nutzer wollen verstehen, wie Gebäude funktionieren, ohne sich mit der technischen Komplexität auseinandersetzen zu müssen. Die eigentliche Herausforderung bleibt: maximale Komplexität im Hintergrund, maximale Klarheit in der Anwendung. UI/UX wird zunehmend Teil der gesamten architektonischen Planung.
Sind Infrastrukturen wie KNX für Planer*innen weiterhin aktuell?
Offene Standards bleiben für Planerinnen und Planer zentral. Sie sichern herstellerübergreifende Kompatibilität, reduzieren Abhängigkeiten und ermöglichen langfristig flexible Erweiterungen. KNX ist dabei weiterhin einer der wichtigsten Standards in der Gebäudeautomation in Europa und wird dank der großen Zahl kompatibler Hersteller und Produkte breit eingesetzt – im Neubau ebenso wie im Bestand.
Welche Rolle möchte Gira künftig im Zusammenspiel von Architektur, Technologie und Nutzererlebnis einnehmen?
Wir möchten einen ausgewogenen Gleichklang schaffen – zwischen Komfort, Effizienz, Transparenz im Umgang mit Daten und einem hohen Anspruch an Sicherheit, auch im digitalen Bereich. Dazu entwickeln wir Produkte, die funktional überzeugen, dabei aber unaufdringlich und wertig wirken. Im Fokus stehen eine hohe Integrationsfähigkeit in unterschiedliche architektonische Kontexte sowie eine intuitive, selbstverständlich wirkende Bedienung.
Gira
Wir sind die mit den Schaltern. Aber auch so viel mehr. Smart-Home-Pioniere, KNX Experten und Zukunftsgestalter.
Zum ShowroomMehr Menschen
„Technik möglichst im Hintergrund halten“
Ein Gespräch mit Hans-Jörg Müller von Gira über das neue System 70
Wenn Schalter sprechen
Cathy Figueiredo von Melon Breakers über ihre Schalterkollektion für JUNG
Im Bad mit Barbie
Ein Gespräch über Barrierefreiheit, Empowerment und rosa Sanitärdesign
Worauf es im Bad ankommt
Fachplaner Armin Geisel über die Bedeutung durchdachter Armaturen
Design als Klebstoff
Junge Gestaltende sorgen für frischen Wind in Köln – Teil 1
Blick aufs Ganze
Dominik Tesseraux über den Designansatz bei Bette
Form follows availability
Sven Urselmann über kreislauffähige Einrichtungskonzepte
111 Jahre Mut und Leidenschaft
Johannes und Yvonne Dallmer im Jubiläumsinterview
Puzzle für die Wand
Interview mit Paolo Zilli, Associate Director bei Zaha Hadid Architects
Die perfekte Proportion
Interview mit Birthe Tofting von Vola
Wie es Euch gefällt
FSB-Co-Chef Jürgen Hess über den neuen Mut zur Farbe
Sinnliche Bäder
Stefano Giovannoni über seine Erweiterung der Kollektion Il Bagno Alessi
Der Fliesenmacher
Wie Edgard Chaya in Beirut eine Zementfliesenfabrik aufbaute
Pool mit Korallenriff
Unterwasser-Designerin Alex Proba im Interview
Heilende Räume
Matteo Thun und Antonio Rodriguez im Gespräch
Startpaket für nachhaltige Innenarchitektur
Ein Gespräch mit BDIA-Präsidentin Pia A. Döll
Mut zur Einfachheit
Dominik Tesseraux über gute Badgestaltung bei Bette
Neue Farbinspiration fürs Bad
Yvonne Dallmer über ein unterschätztes Detail der Badgestaltung
Material als Leitfaden
Nachruf auf die Designerin Pauline Deltour (1983-2021)
Die junge Internationale
Kuratorin Anniina Koivu über die The Lost Graduation Show auf dem Supersalone
Baddesign im Wandel
2000-2020: Zeitreise im Badezimmer mit Sven Rensinghoff von BETTE
„Es geht immer auch um eine Art Heimat“
Pauline Deltour im Gespräch
Toan Nguyen
Der französische Designer zur ISH 2015 über laue Sommerabende, plötzliches Altaussehen und darüber, einmal der Erste zu sein.