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„Technik möglichst im Hintergrund halten“

Ein Gespräch mit Hans-Jörg Müller von Gira über das neue System 70

Auf der Light + Building 2026 in Frankfurt stellte Gira mit dem System 70 eine neue Flächenschalterplattform vor. Designchef Hans-Jörg Müller spricht im Interview über Gestaltungsspielräume, Integration in unterschiedliche Raumkonzepte und die Balance zwischen Sichtbarkeit und Zurückhaltung.

von Kathrin Spohr, 29.06.2026

Gebäude werden zunehmend intelligenter. Gleichzeitig wächst der Wunsch nach Ruhe und Klarheit im Raum. Wie verändert dieser Spannungsbogen die Entwicklung von Gebäudetechnik?
Ich sehe hier keinen Widerspruch. Der Smart-Home-Markt wächst zwar. Wir beobachten jedoch gleichzeitig eine starke Nachfrage nach konventioneller Gebäudetechnik: Nicht alle wollen jede Funktion über Apps, Displays oder komplexe Steuerungen bedienen. Manche Nutzer möchten Technologie betont sichtbar machen, andere bevorzugen eine Gestaltung, bei der Technik möglichst im Hintergrund bleibt. Deshalb bieten wir unterschiedliche Bedienkonzepte an – vom klassischen Schalter über intelligente Tastsensoren bis hin zu Multifunktionsdisplays.

Gira setzt also auf konventionelle und smarte Lösungen?
Wir innovieren in beiden Bereichen. Mit unserem neuen Gira System 70 haben wir gerade eine moderne modulare Schalterplattform vorgestellt, die in erster Linie auf klassische Schalter- und Steckdosenlösungen ausgelegt ist, sich aber bei Bedarf um Smart-Home-Funktionen erweitern lässt. Am Ende geht es nicht um ein Entweder-oder, sondern um Wahlfreiheit. Es geht darum, intelligente Funktionen bereitzustellen, ohne dabei Komfort, Einfachheit und Flexibilität aus den Augen zu verlieren.

Was war der gestalterische Ausgangspunkt für das Gira System 70?
Wir beobachten eine Tendenz zu zurückhaltenden Systemen, die sich architektonisch integrieren, statt sich in den Vordergrund zu drängen. Genau das greift das Gira System 70 auf. Wie viel Gestaltungsspielraum braucht moderne Elektroinstallation? Maßgabe war hier: Formale Unaufgeregtheit und maximale Integrationsfähigkeit.

Das System bietet vier Designlinien – von sehr klaren, rechtwinkligen Rahmenformen bis hin zu weicheren Radien. Was ist die Idee dahinter?
Es ging uns um formale Vielfalt, um unterschiedliche architektonische Kontexte zu adressieren. Die übergreifende Grundidee für alle Linien ist jedoch eine ruhige Formensprache mit klaren Geometrien.
Außerdem setzen wir hier auf eine große Wippenfläche, die bei Mehrfachkombinationen auf Stege dazwischen verzichtet. Als wir Ende der 1990er-Jahre das Schalterprogramm E2 entwickelt haben, war eine sehr strenge Gestaltung gefragt. Diese Formensprache findet sich auch in den vier neuen Schalterprogrammen F100, F200, F200 flach und F300 aus dem System 70 wieder, heute jedoch in mehreren Optionen. In Verbindung mit einer flächenbündigen Montage kann das System nahezu Teil der Wand werden.

Inwiefern zahlt das Farbkonzept auf die Idee der Unaufgeregtheit und Integrationsfähigkeit ein?
Wir setzen den Schwerpunkt auf wenige Neutraltöne mit mattem Finish: Reinweiß seidenmatt, Grau matt, Anthrazit matt und Schwarz matt. Ergänzend dazu gibt es mit Reinweiß glänzend auch ein glänzendes Finish. Insgesamt zeichnet sich das System 70 durch Kompaktheit, Variabilität und eine große Auswahl an Varianten aus. Es ist ein durchgängiges System mit hoher funktionaler Breite. Es passt in verschiedenste Interiors und funktioniert sowohl im Wohnungsbau als auch im Objekt – vom Büro über das Hotel bis hin zum privaten Home-Bereich.

Warum ist die Differenzierung in verschiedene Designlinien heute wichtig?
Weil Architektur heute stärker individualisiert ist. Gleichzeitig braucht es Systeme, die planbar und technisch konsistent bleiben. Gira System 70 schafft genau diesen Ausgleich: Standardisierung im System, Differenzierung im Ausdruck.

Warum gerade das Maß 70 mal 70 Millimeter?
Neben unserem Klassiker-Baukastensystem Gira System 55 wollten wir eine weitere modulare Plattform schaffen. Die größere Bedienfläche beim Gira System 70 eröffnet zusätzliche Möglichkeiten und erlaubt die Integration weiterer Funktionen. Da wir uns im Mikrobereich bewegen, sind 15 Millimeter Unterschied zwischen System 55 und System 70 für uns eine ganze Welt. Gerade bei der Integration von Displays und zusätzlichen Funktionen schafft das spürbar mehr Spielraum.

Schalter gelten oft als Detail, prägen aber die Wahrnehmung eines Raums stark. Wird das architektonische Detail aktuell wieder wichtiger?
Eigentlich war es nie unwichtig. Auch im Smart Home bleibt der Schalter ein zentrales Interface. Der Unterschied heute liegt in der Vielfalt der Technologien dahinter, quasi unter der Motorhaube. Unsere Aufgabe ist es, Technik so zu gestalten, dass sie sich nahtlos integrieren lässt – oder bewusst sichtbar wird, wenn es gewünscht ist. Entscheidend für die Raumwirkung bleibt dabei nicht nur die Funktion, sondern vor allem die Gestaltung dieses Details.

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