Zwischen den Welten
Ein Besuch beim Arts Festival im saudi-arabischen AlUla
Kunst, Design und Architektur sollen Besucher*innen in die Wüstenoase von AlUla locken. Um sich von der Öl-Abhängigkeit zu lösen, öffnet sich das lange abgeschottete Saudi-Arabien. Wir haben das AlUla Arts Festival besucht und sind mit der Erkenntnis zurückgekommen, dass nicht alles so einfach ist, wie es zunächst erscheint.
Die Anreise von Riad Richtung Nordwesten dauert mit dem Flugzeug knapp zwei Stunden und fast die gesamte Zeit fliegt man über ausgedehnte Wüstengebiete. Auf dem Flughafen von AlUla gelandet, bekommt man einen Eindruck davon, was einen in der Oasenstadt erwartet. Die Farben rangieren zwischen Braun- und Beigetönen, Dattelpalmen addieren ein wenig Grün hinzu. Ansonsten: unendliche Weite. Rund 40 Minuten dauert dann noch die Autofahrt in die Oase von AlUla: Gesteinsformationen und Dünen ziehen vorbei, ehe einige karge Siedlungen auftauchen. Entlang der Straße reihen sich Mehrfamilienhäuser, einfache Geschäfte und Restaurants aneinander, hier und da erscheint ein Minarett am Horizont.
Hotel Dar Tandora: Interiordesign von Shahira Fahmy
Nichts mehr wie es einmal war
Was man gemeinhin unter AlUla versteht, ist eigentlich die Altstadt mit einem Konglomerat von Lehmhäusern und modernistischen Gebäuden – umgeben von Bergen, Palmenhainen und Feldern. In den Achtzigerjahren zogen die meisten Einwohner*innen weg von hier. Das Leben ohne Elektrizität war ihnen zu beschwerlich geworden und die Neubauten am Rande der Stadt hatten mehr Komfort. Doch seit ein paar Jahren ist in dem Ort nichts mehr zu spüren von Leerstand und Einöde. Die Transformation in einen luxuriösen Ferienort mit jährlich Millionen von erwarteten Besucher*innen ist im vollen Gang. Dazu gehören 5-Sterne-Resorts und hochkarätige Kulturprojekte wie das AlUla Arts Festival, Desert X AlUla und Wadi ALFann.
Der Umbau wird maßgeblich vorangetrieben von der staatlichen Royal Commission for AlUla und ist eines der Großprojekte der vom saudischen Kronprinzen und Premierminister Mohammed bin Salman ausgerufenen „Saudi Vision 2030“. Sie soll Saudi-Arabien wegführen von der Abhängigkeit vom Rohöl, denn die Ressourcen sind endlich. Die „Vision 2030“ – zu der auch das umstrittene Siedlungsprojekt Neom gehört – besteht im Wesentlichen aus den drei Pfeilern Sport, Kultur und Bildung. Bei dem Ziel, die saudi-arabische Wirtschaft langfristig zu diversifizieren, spielt die Förderung des Tourismus eine entscheidende Rolle.
UNESCO-Welterbe: die archäologische Ausgrabungsstätte Hegra, gegründet von den Nabatäern
Reiz des Unbekannten
Dass sich AlUla für einen Ausbau mit touristisch-kulturellem Fokus so gut eignet, hat mit der spektakulären Landschaft zu tun: Wüste, Wadis, Palmenhaine. Aber vor allem mit einer archäologischen Ausgrabungsstätte, wie sie eindrücklicher nicht sein könnte – sowohl künstlerisch als auch spirituell. Hegra (auch Mada'in Salih genannt) ist eine Gründung der Nabatäer, ähnlich wie sein Pendant im jordanischen Petra, nur eben weit weniger besucht. Vor einigen Jahren hätten selbst Einheimische aus Riad und Dschidda nichts von diesem Ort gewusst, erzählt die junge saudische Architektin Salwa Samargandi. Hegra ist auch der erste Ort in Saudi-Arabien, der in die Liste der UNESCO-Welterbestätten aufgenommen wurde. Das war 2008 und seither hat sich viel getan. Aber nicht so sehr auf dem archäologischen Gelände, das bei unserem Besuch am frühen Morgen nahezu leer ist und über ein erfreulicherweise im Nomadenstil eingerichtetes, fast beschauliches Visitor Center verfügt.
Zentrum des touristischen Wandels ist die Altstadt von AlUla, die gerade umfassend saniert wird. Das weitgehend einheitliche und bei sämtlichen Gebäuden stattfindende Make-over wirkt für europäische Augen zuweilen etwas künstlich, was vor allem damit zu tun hat, dass die Gestaltungsgrundsätze von der Royal Commission for AlUla zentral geplant, gesteuert und umgesetzt werden. So wird beispielsweise auf eine einheitliche Beschilderung ebenso geachtet wie darauf, keine Lichtverschmutzung zu verursachen, um den klaren Sternenhimmel nicht zu beeinträchtigen.
The Living Pyramid von Agnes Denes
Die Balance finden
Dass es nicht einfach sein wird, die Balance zwischen touristischem Ausbau, dem Schutz des Vorhandenen und den Interessen der einheimischen Bevölkerung zu wahren, wird einem bei einem Besuch bewusst. Könnte es beispielsweise sein, dass hier Landbesitzer von ihren Feldern und Palmenhainen weichen müssen, um Platz zu machen für touristische Infrastruktur? Noch hält sich die Zahl der Ferienresorts in Grenzen, auch wenn bereits etliche internationale Hotelbrands vor Ort sind und es sogar ein Pop-up-Restaurant von Alain Ducasse gibt. Kommt man mit Englisch sprechenden Einheimischen ins Gespräch, ist die Sorge vor einem zu raschen Ausbau ein Thema, das viele hier beschäftigt, auch wenn sie froh sind über die neu geschaffenen (Job-)Möglichkeiten. Insbesondere ein Projekt von Jean Nouvel lässt in diesem Zusammenhang aufhorchen: Das Sharaan Resort entsteht inmitten des gleichnamigen Naturschutzgebiets entstehen und wird teils in den Sandsteinfels gehauen. Auch wenn der französische Architekt davon spricht, respektvoll mit den lokalen Traditionen und der Landschaft umzugehen, fragt man sich unwillkürlich, wie das funktionieren soll – mit all der Infrastruktur, die für ein Luxusresort benötigt wird.
Objekte von Ori Orisun Merhav
Design Space in der Wüste
Dass Kleinformate vielleicht die besseren, vor allem aber ressourcenschonenderen Lösungen sind, zeigt ein Projekt im AlJadidah Arts District in der Altstadt von AlUla: der Design Space AlUla. Mit einer perforierten Fassade aus Cortenstahl versehen, die sich mit der Zeit den Braun- und Beigetönen der umgebenden Gebäude anpasst, fügt sich der Bau des italienischen Architekturbüros Giò Forma Studio Associato gut in die Umgebung ein.
Der Design Space AlUla mit der Ausstellung Material Witness: Celebrating Design From Within stand auch im Mittelpunkt des diesjährigen AlUla Arts Festival. Als Kuratorinnen hatte man Dominique Petit-Frère aus Ghana – Designstrategin und Mitgründerin von Limbo Accra – sowie Majedah Alduligan beauftragt. Ihre kuratorische Idee: zu untersuchen, wie Design aus einer persönlichen Verbindung zur Landschaft entstehen kann. Dafür begleitete und beriet Dominique Petit-Frère die Designer*innen der dreimonatigen Arts AlUla Design Residency, die eine Jury um den brasilianischen Designer Humberto Campana zuvor ausgewählt hatte: Altin Studio, Aseel Alamoudi, Ori Orisun Merhav, Paul Ledron und Studio Thus That. Ergänzt wurde die Ausstellung mit Projekten des AlUla Design Award 2025, des AlUla Designathon und der Madrasat Addera.
Harrat von Studio Thus That
Das Lokale feiern
In Zusammenarbeit mit lokalen Kunsthandwerker*innen und regionalen Expert*innen haben die Teilnehmer*innen der Arts AlUla Design Residency kontextgebundene Objekte, Möbel, Teppiche und Leuchten entworfen, die von der Landschaft, den vor Ort vorgefunden Traditionen und Materialien inspiriert sind. So referenziert beispielsweise das monumentale Regal Wadi – The Canyon von Altin Studio an die beeindruckenden Felsformationen der Umgebung. Studio Thus That aus Amsterdam experimentiert seit jeher mit Materialien, insbesondere mit industriellen Nebenprodukten. „Wir waren fasziniert von den geologischen Gegebenheiten, die wir in AlUla vorfanden“, erzählt Kevin Rouff bei einem Panel-Talk. Und ergänzt, dass er in den ersten Wochen mit Co-Gründer Paco Böckelmann einfach nur herumgefahren sei und die Landschaft auf sich habe wirken lassen. Das Ergebnis ihrer Studien vor Ort ist eine halbrunde, skulpturale Sitzbank, die zwei ungewöhnliche Materialien kombiniert: Basaltstein und Schlacke, ein metallurgisches Abfallprodukt. „Als Designer wollen wir zeigen, dass auch solche Materialien schön sein können“, sagt Böckelmann.
Al Muthalath Gas Station von SAL Architects
Female Empowerment
Dass Frauen langsam sichtbarer werden in der saudi-arabischen Gesellschaft, zeigt nicht nur die Anzahl der Kuratorinnen, Künstlerinnen und Designerinnen, die an Veranstaltungen wie dem AlUla Arts Festival beteiligt sind. Auch die Schüler*innen der Madrasat Addera, einer Schule für saudi-arabisches Handwerk, sind vorwiegend weiblich. Gleich mehrere Architekturprojekte in AlUla hat Salwa Samargandi umgesetzt, die aus Dschidda stammende Gründerin des Architekturbüros SAL Architects. Neben mehreren Tankstellen verantwortete sie den Neu- und Umbau von drei Moscheen – und das mit gerade einmal 34 Jahren. Die Gebäude passen sich allesamt der Umgebung an, Maßstab, Farbschema und Materialien betreffend. „Wenn man nach AlUla reist, begreift man, dass sich die Architektur der Landschaft anpassen sollte“, sagt sie. Das angenehm zurückgenommene Luxushotel Dar Tantora der ägyptischen Architektin Shahira Fahmy fügt sich ebenfalls in die Landschaft ein. In der Altstadt von AlUla gelegen, besteht es aus einem Konglomerat mehrerer originaler Lehmgebäude, die restauriert und mit (saudi-)arabischen Designobjekten eingerichtet wurden – Open-Air-Schlafzimmer, Dachterrassen und Outdoor-Pool mit Blick auf die umgebenden Berge und in den Sternenhimmel inklusive.
Co-Kuratorin Hafsa Alkhudairi erklärt das Kunstprojekt Wadi AlFann, das 2030 fertiggestellt sein soll.
Nation Building durch Kultur
Veranstaltungen wie das AlUla Arts Festival und Projekte wie Desert X AlUla, Wadi AlFann und das geplante AlUla Contempory Art Museum sind auf international hohem Niveau konzipiert. Wo einheimische Kompetenzen nur begrenzt vorhanden sind, greift man auf das Know-how von Expert*innen aus dem Ausland zurück, darunter so klangvolle Namen wie Iwona Blazwick, ehemalige Direktorin der Whitechapel Gallery in London und nun Kuratorin des auf 65 Quadratkilometern angelegten Kunstprojekts Wadi AlFann mit Installationen von Manal AlDowayan, Agnes Denes, Michael Heizer, Ahmed Mater und James Turrell. Kritiker*innen könnten nun anmerken, dass in Saudi-Arabien (und anderen Ländern des Nahen Ostens) schließlich ausreichend finanzielle Mittel vorhanden seien. Stimmt, aber dass man damit nicht unbedingt hochkarätige Kunst-, Design- und Architekturprojekte finanzieren müsste, sieht man an anderswo in der Welt.
Wer ein Unbehagen gegenüber autokratisch regierten Ländern verspürt, die scheinbar mühelos westliche Institutionen wie Art Basel, Louvre, Centre Pompidou oder Frieze an sich binden, liegt damit sicherlich nicht ganz falsch und es ist wichtig, aufmerksam zu bleiben. Aber Öffnung bedeutet immer auch, dass man sich anderen Werten und Weltanschauungen aussetzt und im besten Fall einen Austausch auf Augenhöhe ermöglicht. Und auch wenn der Krieg gerade viele Länder des Nahen Ostens in vielerlei Hinsicht zurückwirft: An deren zunehmender Relevanz in der internationalen Architektur-, Kunst- und Designszene besteht kein Zweifel – ob es einem gefällt oder nicht. Gerade erst hat das deutsche Magazin „Monopol“ in seiner Liste der 100 weltweit bedeutendsten Kunstplayer eine ganze Region auf Platz 2 gesetzt, gleich hinter Gerhard Richter: die Golfstaaten.
Blick auf das Ensemble mit Lehmhäusern, im Hintergrund das Hotel Dar Tandora
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