Stories

Ode an die Unendlichkeit

Toyo Ito inszeniert das Werk von Andrea Branzi in der Mailänder Triennale

Andrea Branzi war Architekt, Designer, Professor, Kurator und Künstler. Vor allem war er jemand, der stets mit neugierigen Augen nach vorne blickte und so ein weit gefächertes Œuvre schuf. Das ist nun in der Mailänder Triennale zu sehen: in einer Ausstellung, die vom japanischen Architekten Toyo Ito gestaltet wurde.

von Norman Kietzmann, 16.04.2026

„Andrea Branzi war ein Zeitgenosse so herausragender Persönlichkeiten wie Ettore Sottsass, Vico Magistretti, Alessandro Mendini und Achille Castiglioni. Es war das goldene Zeitalter des italienischen Designs. Ich habe in Branzi aber immer eher einen Denker als einen Designer gesehen“, sagt Toyo Ito. „Er bewahrte sich stets eine scharfsinnige und durchdringende Perspektive auf die zeitgenössische Stadt und das moderne Design. Gleichzeitig hatte er großes Vertrauen in die Menschheit und war ein äußerst großzügiger und toleranter Mensch.“


Andrea Branzi by Toyo Ito: Continuous Present lautet der Titel der Schau, die noch bis zum 4. Oktober in der Mailänder Triennale zu sehen ist. Es ist die erste große Retrospektive, die dem im Oktober 2023 verstorbenen Gestalter gewidmet wird. Der Begriff der „kontinuierlichen Gegenwart“ trifft auf doppelte Weise zu. Zum einen, weil die gezeigten Arbeiten kein Verfallsdatum tragen, weil sie auch nach Jahrzehnten frisch und schlau wirken, als wären sie in unserer Zeit entstanden. Zum anderen aber, weil sich Branzi durchgehend mit einem immer wiederkehrenden Thema auseinandergesetzt hat: der Unendlichkeit.

Beständiger Fluss
Wenn die Besucher*innen die Ausstellung betreten, finden sie sich in einem Nachbau von Branzis programmatischsten Projekt im 1:1-Maßstab wieder: No-Stop City (1967-1972). Es ist ein homogener Raum, der sich unendlich auszudehnen scheint. Filigrane Träger halten die stoffbespannte Decke, durch die gleichmäßiges Licht ins Interieur eindringt, das sich mit verspiegelten Wänden ins Grenzenlose erweitert. „Bereits als Student sah Andrea Branzi die zukünftige Homogenisierung der Städte voraus. Nachdem er sich des Schicksals der zeitgenössischen Architektur und des Designs bewusst geworden war, suchte er nach Wegen, Empathie für die Natur zum Ausdruck zu bringen“, so Toyo Ito. Das Raster der Gleichförmigkeit wird im weiteren Parcours aufgebrochen: „Besucher erleben den Übergang zu den fließenden Räumen der natürlichen Welt, zu einem primitiven Zustand, den man als ‚vormodern‘ bezeichnen könnte. Eine Gesellschaft der Natur, in der alle Lebewesen als Gleichgestellte existieren“, erklärt der japanische Architekt.


Durchmischung von Stadt und Land
Es ist ein Schlüsselthema in Branzis Werk. „Wir sollten über Orte nachdenken, die eine Symbiose aus halb urbanen und halb landwirtschaftlichen Räumen darstellen. Diese können sich nicht nur mit den Jahreszeiten verändern, sondern wirken sich auch nachhaltig auf das Klima in den Städten aus, während sie zugleich einen nahen Anbau von Lebensmitteln erlauben“, schlug Andrea Branzi vor, als wir ihn 2011 in seinem Mailänder Studio interviewten. Die Zeit der großen Masterpläne war für ihn vorbei. „Urbane Qualität entsteht schließlich erst durch jene Durchmischung, die wir in gewisser Weise gar nicht kontrollieren können. Zudem ist die Perspektive oft beengt, da traditionelle Masterpläne immer nur an ein bestimmtes Viertel oder einen Teil der Stadt gebunden sind. Für zukünftige Planungen ist es wichtig, dem ausgewählten Territorium die Dimension des Unendlichen zu geben“, so Branzi weiter. Er zitierte dabei den Kunsthistoriker Erwin Panofsky, der das Unendliche als eine „opake, ambige Form, frei von jeglichem äußeren Erscheinungsbild“ beschrieb. Doch Gestaltung, sei es Design oder auch Architektur, braucht dennoch eine Hülle, die sie umschließt. Inwieweit kann das Unendliche also Form werden? „Das Unendliche muss vor allem in unseren Köpfen passieren. Es geht darum, dass die Planung – ganz gleich ob es sich um ein Gebäude oder einen Stuhl handelt – nicht losgelöst sein kann vom Blick auf das Ganze“, war Branzi überzeugt.

Über das Leben hinaus
Die Idee des Kontinuums setzt der Parcours der Mailänder Ausstellung fort: eine Bewegung, die nicht geradlinig weiterläuft, sondern immer wieder in verschiedene Wirbel abzweigt. Dies geschieht durch gebogene, gläserne Raumteiler. Oder durch kleine Inseln, die sich aus dem Open Space erheben: organisch anmutende, sich schlängelnde Plattformen, auf denen Architekturmodelle, Möbel und kleine Skulpturen präsentiert werden. Natürlich dürfen die poppigen Entwürfe von Archizoom nicht fehlen, jener Avantgarde-Gruppe, die Branzi 1964 in Florenz mitbegründet hatte. Auch Stühle und Bänke aus der Serie Animali Domestici (1984) sind zu sehen. Auf puristischen, grauen Sockeln wachsen Lehnen aus naturbelassenen Baumstämmen heraus, die ein rohes, archaisches Element einbringen und jedes Möbelstück in ein Unikat verwandeln. Schränke aus der Serie Nature Morte (Stillleben, 2011) sind teils mit Schädeln bestückt, die so ein klassisches Vanitas-Motiv zum Designgegenstand erklären.

„Die großen Themen der menschlichen Existenz wie Religion, Krieg, Tod oder geschichtliche Ereignisse sollten auch in der Gestaltung eine selbstverständliche Rolle spielen. Der Tod ist in meinen Augen nichts Negatives. Er ist ein Teil unseres Lebens. Ich denke, das Design braucht ein wenig mehr Schock und sollte nicht nur elegante, sondern ebenso aggressive Dinge hervorbringen. Indem Gebrauchsgegenstände eine narrative Seite zeigen, gewinnen sie an Tiefe“, so Branzi.


Gegen Ende der Ausstellung sind thematische Objektgruppen und anthropologische Entwürfe zu sehen, die einer Ospitalità cosmica (kosmischen Gastfreundschaft) gewidmet sind und das Zusammenleben und die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Spezies erforschen. Auch im Oggetto Ibrido (hybrides Objekt) ist Branzis Gespür für das Unendliche zu spüren: Es sind Dinge, die Widersprüchliches vereinen, die nicht abgeschlossen sind. Sie weisen über ihre Zeit hinaus.

Andrea Branzi by Toyo Ito. Continuous Present
Noch bis zum 4. Oktober 2026 in der Triennale di Milano zu sehen

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Triennale Milano

triennale.org

Mehr Stories

Bunt und metallisch

JUNG kooperiert mit Melon Breakers und DORNBRACHT

JUNG kooperiert mit Melon Breakers und DORNBRACHT

Olympia und Design

Ausstellung White Out in der Mailänder Triennale

Ausstellung White Out in der Mailänder Triennale

Zweite Chance für den Boden

Nachhaltige Beläge zwischen Materialinnovation, Rückbau und Wiederverwendung

Nachhaltige Beläge zwischen Materialinnovation, Rückbau und Wiederverwendung

Mit Farbe gestalten

Studio Wok und India Mahdavi über Atmosphäre, Zurückhaltung und Emotion

Studio Wok und India Mahdavi über Atmosphäre, Zurückhaltung und Emotion

Countdown zur DOMOTEX

Die wichtigsten Facts in der Übersicht

Die wichtigsten Facts in der Übersicht

Offenes Zukunftslabor

Frankfurt RheinMain ist World Design Capital 2026

Frankfurt RheinMain ist World Design Capital 2026

Architects Space

Treffpunkt für Architektur, Planung und Design auf der DOMOTEX 2026 in Hannover

Treffpunkt für Architektur, Planung und Design auf der DOMOTEX 2026 in Hannover

Werkzeugkasten der Möglichkeiten

Rückblick auf die Dutch Design Week 2025

Rückblick auf die Dutch Design Week 2025

Green Office als Komplettpaket

Assmann gestaltet zirkuläre Arbeitswelten und nachhaltige Lösungen für die Zukunft

Assmann gestaltet zirkuläre Arbeitswelten und nachhaltige Lösungen für die Zukunft

Antwerpen zwischen Barock und Design

Gartenkunst im Rubenshuis und Outdoor-Möbel der Region

Gartenkunst im Rubenshuis und Outdoor-Möbel der Region

Zukunftsorientierte Gestaltung

Wie Brunner gutes Design mit verantwortungsvollem Handeln verbindet

Wie Brunner gutes Design mit verantwortungsvollem Handeln verbindet

Außenräume und Innenräume

Wie die Architekturbiennale 2025 in Venedig neue Konzepte für ein Klima im Wandel entwirft

Wie die Architekturbiennale 2025 in Venedig neue Konzepte für ein Klima im Wandel entwirft

Wenn Möbel Wurzeln schlagen

Ausstellung mit USM Modulen bei der Architekturbiennale Venedig 2025

Ausstellung mit USM Modulen bei der Architekturbiennale Venedig 2025

Diskurs statt Dystopie

Deutschlands Vision für klimaresiliente Städte auf der Biennale 2025 in Venedig

Deutschlands Vision für klimaresiliente Städte auf der Biennale 2025 in Venedig

Analog sitzen, virtuell denken

Wie Interstuhl seine Designkompetenz ins Digitale erweitert

Wie Interstuhl seine Designkompetenz ins Digitale erweitert

Spektrum der Ruhe

Wie nachhaltig sind farbige Möbel?

Wie nachhaltig sind farbige Möbel?

Leben im Denkmal

Ausstellung Duett der Moderne im Berliner Mitte Museum

Ausstellung Duett der Moderne im Berliner Mitte Museum

Das Prinzip Ordnung

Ausstellung über Le Corbusier im Berner Zentrum Paul Klee

Ausstellung über Le Corbusier im Berner Zentrum Paul Klee

Zwischen Zeitenwende und Tradition

Unsere Highlights der Munich Design Days und des Münchner Stoff Frühlings

Unsere Highlights der Munich Design Days und des Münchner Stoff Frühlings

Function follows vision

Ausstellung in Krefeld zu Arbeiten von Friedrich Kiesler und Walter Pichler

Ausstellung in Krefeld zu Arbeiten von Friedrich Kiesler und Walter Pichler

NACHHALTIGKEIT TRIFFT DESIGN

GREENTERIOR by BauNetz id auf dem Klimafestival 2025

GREENTERIOR by BauNetz id auf dem Klimafestival 2025

Bauwirtschaft geht leer aus

Verleihung des Bundespreis Ecodesign 2024 in Berlin

Verleihung des Bundespreis Ecodesign 2024 in Berlin

KOMMUNIKATIVER WORKFLOW

Raumkunst Werdenfels setzt auf die 3D-Planung mit Palette CAD

Raumkunst Werdenfels setzt auf die 3D-Planung mit Palette CAD

Analoge Pixelwunder

Mosaikkunst von SICIS aus Ravenna

Mosaikkunst von SICIS aus Ravenna

Design nach Wunsch

Zum individuellen Türgriff mit dem Online-Konfigurator von Karcher Design

Zum individuellen Türgriff mit dem Online-Konfigurator von Karcher Design

Ikone der Moderne

Film über Eileen Grays Villa E.1027 an der Côte d’Azur

Film über Eileen Grays Villa E.1027 an der Côte d’Azur

Fugenlos glücklich

Innovatives Profilsystem von Schlüter-Systems für Keramik- und Natursteinböden

Innovatives Profilsystem von Schlüter-Systems für Keramik- und Natursteinböden

Begehbare Kunstwerke

Planer*innen erzählen von ihren außergewöhnlichsten Bodenerlebnissen

Planer*innen erzählen von ihren außergewöhnlichsten Bodenerlebnissen

Fussballtempel und Fünfsternepalast

Möbel für Hospitality- und Eventbereiche von Brunner

Möbel für Hospitality- und Eventbereiche von Brunner

Die neue deutsche Leichtigkeit

Zu Besuch beim Salone di Aschau

Zu Besuch beim Salone di Aschau