Ode an die Unendlichkeit
Toyo Ito inszeniert das Werk von Andrea Branzi in der Mailänder Triennale
Andrea Branzi war Architekt, Designer, Professor, Kurator und Künstler. Vor allem war er jemand, der stets mit neugierigen Augen nach vorne blickte und so ein weit gefächertes Œuvre schuf. Das ist nun in der Mailänder Triennale zu sehen: in einer Ausstellung, die vom japanischen Architekten Toyo Ito gestaltet wurde.
„Andrea Branzi war ein Zeitgenosse so herausragender Persönlichkeiten wie Ettore Sottsass, Vico Magistretti, Alessandro Mendini und Achille Castiglioni. Es war das goldene Zeitalter des italienischen Designs. Ich habe in Branzi aber immer eher einen Denker als einen Designer gesehen“, sagt Toyo Ito. „Er bewahrte sich stets eine scharfsinnige und durchdringende Perspektive auf die zeitgenössische Stadt und das moderne Design. Gleichzeitig hatte er großes Vertrauen in die Menschheit und war ein äußerst großzügiger und toleranter Mensch.“
Andrea Branzi by Toyo Ito: Continuous Present lautet der Titel der Schau, die noch bis zum 4. Oktober in der Mailänder Triennale zu sehen ist. Es ist die erste große Retrospektive, die dem im Oktober 2023 verstorbenen Gestalter gewidmet wird. Der Begriff der „kontinuierlichen Gegenwart“ trifft auf doppelte Weise zu. Zum einen, weil die gezeigten Arbeiten kein Verfallsdatum tragen, weil sie auch nach Jahrzehnten frisch und schlau wirken, als wären sie in unserer Zeit entstanden. Zum anderen aber, weil sich Branzi durchgehend mit einem immer wiederkehrenden Thema auseinandergesetzt hat: der Unendlichkeit.
Beständiger Fluss
Wenn die Besucher*innen die Ausstellung betreten, finden sie sich in einem Nachbau von Branzis programmatischsten Projekt im 1:1-Maßstab wieder: No-Stop City (1967-1972). Es ist ein homogener Raum, der sich unendlich auszudehnen scheint. Filigrane Träger halten die stoffbespannte Decke, durch die gleichmäßiges Licht ins Interieur eindringt, das sich mit verspiegelten Wänden ins Grenzenlose erweitert. „Bereits als Student sah Andrea Branzi die zukünftige Homogenisierung der Städte voraus. Nachdem er sich des Schicksals der zeitgenössischen Architektur und des Designs bewusst geworden war, suchte er nach Wegen, Empathie für die Natur zum Ausdruck zu bringen“, so Toyo Ito. Das Raster der Gleichförmigkeit wird im weiteren Parcours aufgebrochen: „Besucher erleben den Übergang zu den fließenden Räumen der natürlichen Welt, zu einem primitiven Zustand, den man als ‚vormodern‘ bezeichnen könnte. Eine Gesellschaft der Natur, in der alle Lebewesen als Gleichgestellte existieren“, erklärt der japanische Architekt.
Durchmischung von Stadt und Land
Es ist ein Schlüsselthema in Branzis Werk. „Wir sollten über Orte nachdenken, die eine Symbiose aus halb urbanen und halb landwirtschaftlichen Räumen darstellen. Diese können sich nicht nur mit den Jahreszeiten verändern, sondern wirken sich auch nachhaltig auf das Klima in den Städten aus, während sie zugleich einen nahen Anbau von Lebensmitteln erlauben“, schlug Andrea Branzi vor, als wir ihn 2011 in seinem Mailänder Studio interviewten. Die Zeit der großen Masterpläne war für ihn vorbei. „Urbane Qualität entsteht schließlich erst durch jene Durchmischung, die wir in gewisser Weise gar nicht kontrollieren können. Zudem ist die Perspektive oft beengt, da traditionelle Masterpläne immer nur an ein bestimmtes Viertel oder einen Teil der Stadt gebunden sind. Für zukünftige Planungen ist es wichtig, dem ausgewählten Territorium die Dimension des Unendlichen zu geben“, so Branzi weiter. Er zitierte dabei den Kunsthistoriker Erwin Panofsky, der das Unendliche als eine „opake, ambige Form, frei von jeglichem äußeren Erscheinungsbild“ beschrieb. Doch Gestaltung, sei es Design oder auch Architektur, braucht dennoch eine Hülle, die sie umschließt. Inwieweit kann das Unendliche also Form werden? „Das Unendliche muss vor allem in unseren Köpfen passieren. Es geht darum, dass die Planung – ganz gleich ob es sich um ein Gebäude oder einen Stuhl handelt – nicht losgelöst sein kann vom Blick auf das Ganze“, war Branzi überzeugt.
Über das Leben hinaus
Die Idee des Kontinuums setzt der Parcours der Mailänder Ausstellung fort: eine Bewegung, die nicht geradlinig weiterläuft, sondern immer wieder in verschiedene Wirbel abzweigt. Dies geschieht durch gebogene, gläserne Raumteiler. Oder durch kleine Inseln, die sich aus dem Open Space erheben: organisch anmutende, sich schlängelnde Plattformen, auf denen Architekturmodelle, Möbel und kleine Skulpturen präsentiert werden. Natürlich dürfen die poppigen Entwürfe von Archizoom nicht fehlen, jener Avantgarde-Gruppe, die Branzi 1964 in Florenz mitbegründet hatte. Auch Stühle und Bänke aus der Serie Animali Domestici (1984) sind zu sehen. Auf puristischen, grauen Sockeln wachsen Lehnen aus naturbelassenen Baumstämmen heraus, die ein rohes, archaisches Element einbringen und jedes Möbelstück in ein Unikat verwandeln. Schränke aus der Serie Nature Morte (Stillleben, 2011) sind teils mit Schädeln bestückt, die so ein klassisches Vanitas-Motiv zum Designgegenstand erklären.
„Die großen Themen der menschlichen Existenz wie Religion, Krieg, Tod oder geschichtliche Ereignisse sollten auch in der Gestaltung eine selbstverständliche Rolle spielen. Der Tod ist in meinen Augen nichts Negatives. Er ist ein Teil unseres Lebens. Ich denke, das Design braucht ein wenig mehr Schock und sollte nicht nur elegante, sondern ebenso aggressive Dinge hervorbringen. Indem Gebrauchsgegenstände eine narrative Seite zeigen, gewinnen sie an Tiefe“, so Branzi.
Gegen Ende der Ausstellung sind thematische Objektgruppen und anthropologische Entwürfe zu sehen, die einer Ospitalità cosmica (kosmischen Gastfreundschaft) gewidmet sind und das Zusammenleben und die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Spezies erforschen. Auch im Oggetto Ibrido (hybrides Objekt) ist Branzis Gespür für das Unendliche zu spüren: Es sind Dinge, die Widersprüchliches vereinen, die nicht abgeschlossen sind. Sie weisen über ihre Zeit hinaus.
Andrea Branzi by Toyo Ito. Continuous Present
Noch bis zum 4. Oktober 2026 in der Triennale di Milano zu sehen
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