Mit Farbe gestalten
Studio Wok und India Mahdavi über Atmosphäre, Zurückhaltung und Emotion
Farbe muss nicht laut sein, um zu wirken. Im Interiordesign entscheidet oft weniger die Intensität eines Farbtons als seine Dosierung, sein Kontext und seine Beziehung zu Material, Licht und Nutzung. Manche Entwürfe gewinnen ihre Qualität aus bewusster Zurückhaltung, andere aus der emotionalen Kraft von Farbe als erzählerischem Mittel.
Wir haben vier Architekturbüros gefragt, wie sie mit Farbe arbeiten, welchen Stellenwert Trends für sie haben und welche Rolle Farbe für die Atmosphäre eines Raums spielt. In diesem Artikel sprechen Studio Wok und India Mahdavi über Intuition, Langlebigkeit und Farbe als kulturelle sowie emotionale Erfahrung.
Studio Wok, Mailand
Welche Rolle spielt Farbe in Ihrer Arbeit?
Farbe spielt bei uns selten eine zentrale Rolle. Wir würden sie nicht als Teil unserer kreativen Handschrift bezeichnen. Unser Fokus liegt auf Materialien und auf Räumen, die Komfort und Wohlbefinden erzeugen. Wir wissen jedoch, dass Menschen unweigerlich auf Farbe reagieren. Daher zielt unsere Arbeit darauf ab, eine warme, zurückhaltende Atmosphäre zu schaffen und selbst in nicht-wohnlichen Kontexten Wohnlichkeit zu vermitteln. Farbe fungiert dabei eher als atmosphärisches Mittel und nicht als expressives Statement. Sie trägt auf dezente Weise zur Gesamtqualität und Langlebigkeit von Innenräumen bei.
Gibt es Farben oder Farbfamilien, die Sie aktuell häufiger einsetzen?
Jedes Projekt verstehen wir als spezifische Aufgabe und versuchen, unsere Arbeit auf den jeweiligen Kontext abzustimmen. Material- und Farbpaletten entwickeln wir stets im Einklang mit Ort, Nutzung und Atmosphäre. Auf projektübergreifende, vordefinierte Farbpaletten verzichten wir daher. Meist vermeiden wir stark gesättigte Farben und bevorzugen zurückhaltendere und gedeckte Töne. Wenn wir auf unsere bisherigen Projekte zurückblicken, fällt auf, dass Grün recht häufig vorkommt – als eigene Farbe oder als Farbton innerhalb unterschiedlicher Materialien. Dafür gibt es keinen konzeptionellen Grund: Es ist schlicht eine Farbe, mit der wir gerne arbeiten.
Wie stehen Sie zu aktuellen Farbtrends – auch mit Blick auf die langfristige Nutzung von Innenräumen?
Aktuelle Farbtrends sind für unsere Arbeit kein direkter Bezugspunkt. Wir versuchen generell, eine gewisse Distanz zu Trends zu wahren, auch wenn wir uns bewusst sind, dass die kontinuierliche Bilderflut heutzutage einen Einfluss hat – manchmal auf subtile und unbewusste Weise. Unsere Architektur ist auf Langlebigkeit ausgelegt und strebt eine gewisse Zeitlosigkeit an. Aus diesem Grund wird Farbe nicht als dekoratives oder modisches Element behandelt, sondern als Teil eines umfassenderen Raum- und Materialkonzepts.
An welchem Projekt lässt sich Ihr Umgang mit Farbe besonders gut ablesen?
Bei unserem Bäckereiprojekt Pan in Mailand spielt Farbe eine zentrale Rolle als kulturelle Referenz zur japanischen Tradition. Unser Ziel war es, eine zusätzliche Interpretationsebene einzuführen – eine, die das Raumerlebnis bereichert, ohne aufdringlich oder invasiv zu wirken. Wir haben nach einem Ton gesucht, der an die Farbe von Matcha erinnert, und ihn auf verschiedene architektonische Elemente übertragen: die Brottheke aus Glasfasergitter und die von der Decke hängenden Stoffbahnen – die Noren –, deren sanfter Farbverlauf an die traditionellen Färbetechniken japanischer Textilien erinnert.
India Mahdavi, Paris
Welche Bedeutung hat Farbe für Ihre gestalterische Arbeit?
Sie ist zu einer Ausdrucksform geworden – zu einem Vokabular –, das intuitiv ist, aber immer mit einer Erzählung und einem Kontext verbunden. Es ist die minimalistischste Form der Ausschmückung, die dazu beitragen kann, einen Raum zu definieren und zu identifizieren. Ich bin empfänglich für die Emotionen und die poetische Dimension, die sie hervorruft.
Gibt es derzeit Farben oder Farbstimmungen, zu denen Sie sich besonders hingezogen fühlen?
Ich bin eher auf der Suche nach einem Dialog zwischen Farben, der ein Gefühl der Dynamik und Lebendigkeit erzeugt. Es ist eine Suche nach Licht oder Freude. Derzeit fühle ich mich zu Orange oder Metallic-Farben hingezogen, die sowohl Funktionalität als auch eine Nostalgie für den Retro-Futurismus hervorrufen. Ich bin mir aber noch nicht sicher, wie ich sie einsetzen werde.
Welche Rolle spielen Farbtrends für Sie – gerade im Spannungsfeld zwischen Zeitgeist und Dauerhaftigkeit?
Ich finde die Farben des Jahres immer interessant, weil sie etwas aussagen, weil sie den Zeitgeist widerspiegeln und weil sie das Ergebnis ernsthafter sozialer und kultureller Studien sind. Li Edelkoorts Trendanalysen faszinieren mich. Sie beeinflussen meine Arbeit nicht unbedingt, da ich Farbe als narratives Mittel einsetze. Als ich den rosafarbenen Raum für die Gallery at Sketch entwarf, wollte ich eine radikale Weiblichkeit zum Ausdruck bringen – genau dieser Farbton wurde auch zur Farbe des Jahres.
Können Sie ein Projekt beschreiben, in dem Ihr Umgang mit Farbe besonders deutlich wird?
Mein jüngstes Projekt ist PoMo, ein privates Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in Trondheim, Norwegen. Mein Ziel war es, die Vision der Eigentümer – der Familie Reitan – umzusetzen und zu verstärken, um ein fröhliches und inklusives Erlebnis zu schaffen. Und damit eine neue Form der Gastfreundschaft.
Ich habe die „Zwischenräume“ des Museums mit kräftigen, farbenfrohen Interventionen hervorgehoben. Meine Inspiration bezog ich aus der lokalen Kultur und dem Erbe der Stadt Trondheim, von der Farbpalette bis zum handwerklichen Wissen. Die mandarinenfarbene Treppe erinnert an die Lagerhäuser am Fluss Nidelva, die fuchsiafarbene Tür ist eine Variation der allgegenwärtigen Heidekrautvegetation, der rosa Laden ist eine Ode an den berühmten norwegischen Lachs. Den Lesesaal ziert ein handgemaltes Wandbild von FreelingWaters, das eine moderne Interpretation der norwegischen Volkskunst darstellt. Zusammen sind diese „Zwischenräume“ Teil der Identität von PoMo.
Studio Wok
studiowok.comIndia Mahdavi
india-mahdavi.comMehr Stories
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