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Möbel à la carte

Myzel im Interior zwischen Hightech und Handwerk - Teil 1

Pilze sind mehr als eine Delikatesse – sie werden zum Baustoff der Zukunft. Weltweit lassen Designer*innen und Forscher*innen Stühle, Leuchten und Akustikelemente aus Myzel heranwachsen. Was dabei entsteht, könnte die Möbelproduktion grundlegend verändern.

von Kathrin Spohr, 19.01.2026

Pilze sind bekanntlich ein Genuss, wenn sie auf den Tisch kommen – doch immer häufiger landen sie im Tisch und sorgen dort für neue Sinneserlebnisse. Ihr feines, wurzelartiges Geflecht, das Pilzmyzel, wird zunehmend zur Basis von Werkstoffen der Zukunft. Nachwuchsdesigner*innen, etablierte Gestalter*innen, Hersteller und Forschungsinstitute weltweit setzen auf dieses lebende Material. Sie lassen daraus Möbel, Produkte oder Interiorelemente buchstäblich heranwachsen. Die neuen Komposite gelten als Hoffnungsträger einer zirkulären Materialkultur – denn hier verbinden sich ökologische Innovation mit industrieller Anwendbarkeit sowie neuartiger visueller und haptischer Ästhetik.

Materialeigenschaften züchten
Damit ein myzelbasierter Verbundwerkstoff oder MBC (Mycelium-Based Composite) entsteht, braucht es ein Substrat für die Pilzkulturen. Organische Reststoffe aus der Agrar- und Landwirtschaft wie etwa Holzspäne oder Hanffasern eignen sich perfekt dazu. Unter kontrollierten Bedingungen werden die organischen Reststoffe im Verlauf des Stoffwechselprozesses von einem dreidimensionalen Myzelgeflecht durchzogen, das als Bindemittel dient und Stabilität bringt.

Die Rezepturen der MBC sind vielfältig. Sowohl Speisepilze als auch Baumpilze wie der Zunderschwamm und Untergattungen eignen sich. Ob Hanf-, Getreide- oder Holzreste verarbeitet werden, hat ebenso Einfluss auf die Eigenschaften des Endmaterials wie andere variable Parameter: Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Dauer des Pilzwachstums. Ihre detaillierten Formeln werden meist genauso geheim gehalten wie die Gewürzkompositionen eines Meisterkochs. Nur logisch, denn darin liegt die Basis des Erfolgs. MBC können unter anderem mit isolierenden, feuchtigkeitsregulierenden, brandbeständigen, elastischen, weichen, dichten oder reißfesten Eigenschaften gezüchtet werden. Es lassen sich maßgeschneiderte Textilpolsterungen, Lederalternativen, aber auch komplette Möbel und Verpackungen kreieren.


Niederländisches Myzel, italienische Eleganz
Das niederländische Start-up Aifunghi etwa debütierte 2025 bei den 3daysofdesign in Kopenhagen und präsentierte zehn Produkte aus eigenem MBC – darunter Sitz- und Polstermöbel, Tische und Leuchten. Schon das italienische Branding soll hier bewusst für Aufmerksamkeit sorgen und Gamechanger-Qualitäten für myzelbasiertes Design bringen, indem auf die hochwertige italienische Kulinarik und Designexzellenz verwiesen wird. „Wir wollten mit traditionellen Praktiken brechen und neue Maßstäbe für luxuriöses und umweltbewusstes Design setzen“, sagen Marije und Bart Schilder, die Aifunghi gemeinsam mit Michiel Geluk und Mo Aouraghé gegründet haben. Ein hoher, aber fundierter Anspruch – alle vier bringen langjährige Erfahrung aus der Möbelproduktion bei der Marke Moooi mit.

Großen Erfolg kann bereits der Stuhl Banet verbuchen: Sein Kern wird vom Aifunghi-Schwesterunternehmen Growmolding hergestellt, mit Hanffasern und Pilzmyzel als Basis. Das MBC wird mit Präzision geformt, es entsteht ein höchst komfortables Sitzmöbel – und gleichzeitig der weltweit erste Myzel-Verbundstoffstuhl, der die Contract Level 1-Prüfung bestanden hat. Damit ist Banet robust genug für Gastronomie und Büro. Die Polster bestehen aus Algenschaum und upgecycelter Wolle oder Baumwolle – je nach gewünschter Variante also vegan oder tierisch.

Natürlich Schall absorbieren
Pionier in Sachen myzelbasierte Werkstoffe ist das italienische Unternehmen Mogu. Mit wissenschaftlicher Präzision und Designsensibilität verfolgt Mogu seit 2015 einen konsequent zirkulären Ansatz, bei dem Pilzmyzel und beispielsweise recycelte Textilfasern oder Hanfschäben zur wertvollen Ressource für die Herstellung innovativer Akustikpaneele und Bodenbeläge werden. Die Paneele dämpfen den Schall, sind leicht, biologisch abbaubar – und längst in der Architektur angekommen. Ihre Oberfläche ist samtartig und in einer Vielzahl von dreidimensionalen Texturen erhältlich. Im Rahmen der Expo 2025 in Japan wurden beispielsweise hunderte Pluma-Paneele im Deutschen Pavillon installiert, der vollständig wiederverwendbar gestaltet war. Die Paneele trugen dort zur Schaffung eines immersiven, akustisch optimierten Raumerlebnisses bei.

Nächste Woche bei BauNetz id:
Wie Myzel-Materialien in den USA und Deutschland den Sprung aus der Nische heraus zur industriellen und kulturellen Relevanz schaffen.

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