Wenn Möbel wachsen lernen
Myzel im Interior zwischen Hightech und Handwerk – Teil 2
Von Kalifornien bis Berlin entwickeln Designer*innen und Biotechnolog*innen Materialien aus Pilzmyzel, die Leder, Schaumstoff und Holz ersetzen könnten. Hightech-Fabriken und junge Studios zeigen, wie aus Pilzen marktfähige Möbel werden.
Auch in den USA wächst die Materialrevolution: MycoWorks, gegründet 2013 in Kalifornien, hat mit seiner Fine Mycelium™-Technologie ein Verfahren entwickelt, das das Myzel gezielt steuert und damit Materialien mit definierter Stärke, Flexibilität und Struktur hervorbringt. Daraus entstand auch die Innovation Reishi™, eine Mischung aus Leder und Stoff, die mittlerweile Anwendung bei Mode, Möbeln, in der Automobilindustrie sowie der Innenarchitektur findet. Es lässt sich traditionell färben, prägen und veredeln – mit der Ästhetik hochwertiger, feiner Stoffe.
Minimalistische, warme Ästhetik
Seit 2023 produziert MycoWorks im industriellen Maßstab: In einer hochautomatisierten, KI-gestützten Fabrik in South Carolina entstehen auf einer Fläche von 12.650 Quadratmetern die biobasierten Materialien für den globalen Markt. Regelmäßige Kooperationen mit internationalen Designer*innen und Künstler*innen loten das Potenzial von Reishi™ stets neu aus. Das aktuelle Projekt Reishi™ in the Nordic Light stellt eine Zusammenarbeit zwischen MycoWorks und fünf dänischen Designstudios dar, darunter OEO Studio, Frederik Gustav, Cecilie Manz, Maria Bruun und Atelier Axo. Kuratiert von Marie-Louise Høstbo sind Leuchten, Paravents und eine Tasche entstanden, die zeigen, wie sich dänische Designtradition mit moderner Materialforschung zu einer minimalistischen, aber lebendigen und warmen Ästhetik verbindet.
Zwischen Camembert und Kork
„Unser Anspruch ist es, ökologisch, radikal und zukunftsgerichtet zu gestalten. Wir wollen Myzel-Material aus der Nische in den Mainstream bringen und Möbel sowie Interior-Lösungen aus Pilzen als echte Alternative etablieren“, so Maximilian Huber und Andreas Martin Schmidt vom jungen Berliner Studio RUND Biomodular Design. Damit wächst auch in Deutschland die Myzel-Szene. Die beiden Architekten fertigen alle Objekte in Handarbeit in ihrem Studio in Berlin-Wedding. Als Nährboden dient ein Substrat aus Hanfstroh und regionalen landwirtschaftlichen Reststoffen, das mit Pilzsporen des Zunderschwamms „beimpft“, in Formen gegossen und innerhalb von nur vier Tagen vom Myzel durchwachsen wird. Die ersten Produkte wurden im Heizraum eines Berliner Gewerbegebäudes „gegrowed“ und getrocknet.
So entsteht ein leichter, stabiler, langlebiger und vollständig kompostierbarer Verbundstoff – mit angenehmem Geruch und vielseitigen Anwendungsmöglichkeiten. „Das Material kann verschiedene Härtegrade bekommen und hat eine ganz eigene Haptik – zwischen Camembert und Kork“, erklären Huber und Schmidt. Dabei ist die Produktion schon jetzt skalierbar: Kurze Wachstumszyklen und modulare Formen ermöglichen perspektivisch eine industrielle Fertigung. „Die Gestaltung eines Workspace im Fora Linden Palais oder die Neuinterpretation eines Corbusier-Sessels zeigen das Potenzial unseres Materials“, sagen die beiden Gestalter. „Mit 20 Schalungen pro Bauhaus-Sessel beispielsweise könnte man innerhalb von fünf Wochen 100 Sessel wachsen lassen.“
Dass renommierte Forschungseinrichtungen wie das Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP auf Myzelkomposite setzen – etwa aktuell bei der Entwicklung eines nachhaltigen Styroporersatzes für Wärmedämmungen – zeigt einmal mehr, welche Zukunftsrelevanz in MBC steckt.
Nature-centered Design
Was alle Ansätze eint, ist nicht nur die Forschung mit Pilzen, sondern auch der damit verbundene Perspektivwechsel: In Zeiten ökologischer und materieller Neuorientierung entsteht Gestaltung mit der Natur. Designer*innen werden zu Moderator*innen biologischer Prozesse. Der Fokus verschiebt sich: Nicht mehr industrielle Perfektion, sondern natürliche Dynamiken – Wachstum, Kreisläufe, Strukturen – inspirieren zunehmend die Gestaltung. Aifunghi, Mogu, MycoWorks und RUND Biomodular Design arbeiten an dieser Schnittstelle zwischen Biologie, Technologie und Gestaltung. Wachstum? Wo die Möbelindustrie es derzeit sucht, liefern es die neuen Myzelkulturen. Morgen gibt es also Küchenstuhl mit Pilzen.
Letzte Woche bei BauNetz id:
Dieser Beitrag ist Teil 2 unserer Myzel-Serie. In Teil 1 geht es um die Materialgrundlagen und erste Pioniere wie Aifunghi und Mogu.
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