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Farbe als Werkzeug

Burr Studio und Keßler Plescher Architekten über ein strategisches Entwurfsinstrument

Farbe kann Räume gemütlich machen – oder sie präzise strukturieren. Gerade beim Arbeiten mit dem Bestand wird Farbe für viele Architekturbüros zu einem echten Entwurfswerkzeug: Sie markiert Eingriffe, trennt Alt und Neu, macht Konstruktionen sichtbar oder verleiht Räumen eine klare Identität.

von Redaktion, 28.01.2026

Wir haben vier Architekturbüros gefragt, welche Rolle Farbe in ihrer Arbeit spielt, ob Trends für sie relevant sind und wie Farbentscheidungen konkret bei einem Projekt getroffen werden. In diesem Artikel erzählen die Gestalter*innen von Burr Studio und Keßler Plescher Architekten, warum sie Farbe nicht dekorativ verstehen, sondern als Mittel der Orientierung, der Lesbarkeit – und manchmal auch der bewussten Irritation.

Burr Studio, Madrid

Welche Rolle spielt Farbe in Ihrer Arbeit?
Farbe ist ein strategisches Mittel. Uns interessiert die „Ästhetik des Funktionalen“ – die Farblogik von Baumaschinen, Straßenbeschilderungen und industriellen Systemen. Dort fungiert Farbe als Code. Diese Sprache nutzen wir, um Räume zu entschlüsseln: Farbe hebt zentrale Eingriffe hervor und macht sichtbar, was in einem vorhandenen Kontext hinzugefügt, verändert oder aktiviert wurde. In diesem Sinne ist sie weniger eine atmosphärische Schicht als vielmehr ein Werkzeug der Übersetzung.

Gibt es eine Farbe oder Farbfamilie, die Sie derzeit besonders häufig einsetzen?
Wir arbeiten oft mit intensiven Farben, die meist aus dem Spektrum der Primärfarben stammen, wenn auch nicht ausschließlich. Der entscheidende Faktor ist der Kontrast zur Umgebung: Ein Großteil unserer Arbeit findet in rohen, neutralen, materialbetonten Kontexten statt, in denen eine gesättigte Farbe deutlich als eigenständige Ebene wahrgenommen werden kann. Wir verwenden Farbe, um eine Hierarchie und Trennung zwischen dem bereits vorhandenen Umfeld und den Elementen, die es neu organisieren, herzustellen.

Wie beeinflussen aktuelle Farbtrends Ihre Arbeit – auch mit Blick auf die langfristige Nutzung von Innenräumen?
Wir folgen in der Regel keinen Trends. Sie verdeutlichen meist etwas, das kulturell bereits entstanden ist. Sie sind selten zukunftsweisend und bieten keine solide Grundlage für langfristige räumliche Entscheidungen. Dennoch wird unsere Arbeit unweigerlich beeinflusst: Referenzen stammen aus anderen Bereichen, sowohl historischen als auch zeitgenössischen. Für uns wird die Beständigkeit von Farben in Innenräumen eher durch ihre Rolle als lesbarer Code innerhalb eines Systems als durch ihre Funktion als Oberfläche oder Finish bestimmt.

Gibt es ein aktuelles Projekt, in dem Ihr Umgang mit Farbe gut sichtbar wird?
Eine kürzlich abgeschlossene Renovierung verdeutlicht unseren Ansatz. Das Dach der bestehenden Wohnung war in schlechtem Zustand und mit einer abgehängten Decke versehen, die die Innenhöhe reduzierte und das tatsächliche Raumpotenzial verdeckte. Das Projekt wurde um das Dach herum strukturiert: Wir ersetzten die Konstruktion durch einen einzelnen Querfachwerkbalken, der den Raum überspannt und Volumen freigibt. Die Fachwerkbalken und zusätzlichen Dachstützen wurden mit einer auffälligen Farbe versehen, sodass die wichtigste Maßnahme sofort erkennbar ist. Die Farbwahl unterstreicht die Aussage: Das ist das zentrale strukturelle Element, das den Innenraum neu organisiert.

Keßler Plescher Architekten, Köln

Welche Bedeutung hat Farbe für Ihre Entwurfsarbeit?
Farbe ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Projekte und somit auch unserer Handschrift. Der Einsatz von Farbe ist jedoch nie Selbstzweck. Wir nutzen Farbe, um Atmosphären zu erzeugen und Raumidentitäten zu kreieren.

Gibt es Farben, zu denen Sie aktuell besonders häufig greifen – oder bewusst nicht?
Nein, wir versuchen den Einsatz von Farben unvoreingenommen zu entwickeln – ohne Favoriten –, um uns selbst nicht einzuschränken.

Wie gehen Sie mit Farbtrends um, insbesondere mit Blick auf die langfristige Nutzung Ihrer Projekte?
Unser Anspruch ist, dass unsere Projekte eine langfristige Wirkung entfalten und von Bestand sind. Unsere entwurflichen Entscheidungen sind das Ergebnis einer Auseinandersetzung mit dem Ort und viele unserer Projekte im Bestand sind maßgeblich durch die vorgefundenen Materialien geprägt. Entscheidungen für Materialien und Farben sind immer eine Reaktion auf den Bestand und nicht auf einen Trend.

Können Sie ein Projekt nennen, in dem Ihr Umgang mit Farbe besonders deutlich wird?
Das Halbe Haus im Dünenwald. Die Entscheidung für die Farbe folgt hier der Intention, die beiden Räume in einen eigenen Kosmos zu verwandeln und einen Raum mit einem hohen Wiedererkennungswert, einer eigenen Identität, zu schaffen. Das Hellblau findet sich auf der Insel immer wieder als Farbe für infrastrukturelle Elemente wie Fahrradständer, Poller und so weiter. Wir wollten dieser Farbe durch den Einsatz im Innenraum eine weitere Konnotation geben und mit der gelernten Wahrnehmung dieser Farbe spielen.

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